N schwieg eine kurze Zeit und sagte, dass er sich vorgenommen habe, so weit wie möglich zu gehen.
„Sie schaffen es mit Sicherheit“, erwiderte der Busfahrer.
„Woher wollen sie denn das wissen“, fragte N schon etwas leicht genervt.
„Ich fahre diese Linie bereits seit fünf Jahren und habe schon einige solcher Typen, wie sie einer sind, transportiert. Von zehn ihrer Sorte kommen acht nach zwei oder drei Tagen zurück und geben auf. Auf der Fahrt zur Bergwerksstadt erzählen sie mir, was für harte Kerle sie seien und was sie schon alles unternommen hätten. Außerdem haben diese Warmduscher übergroße Rucksäcke dabei und tragen edle Wanderkleidung. Sie sind mit Sicherheit einer der beiden, die nicht wieder mit mir zurückfahren.“
„Wie kommen sie zu dieser Erkenntnis?“
„Sie haben einen älteren und kleineren Militärrucksack und sind nicht modisch gekleidet. Außerdem sind sie ein Schweiger, einer von der harten Sorte.“
„Jetzt machen sie es aber einmal halblang, sie Menschenkenner.“
Bis zur Endstation schwiegen beide und man sah dem Busfahrer an, dass er in Gedanken N beneidete.
Als N ausstieg, erhielt er noch den Rat, erst morgen aufzusteigen, weil das Wetter nicht besonders sei.
„Das hätte ich auch ohne ihren Rat getan; ich bin zwar bestimmt etwas „spezial“ in ihren Augen, aber nicht lebensmüde“, sagte N und fragte, wo man in diesem gottverlassenen Nest schlafen könnte.
„Siehste, du Greenhorn!“ Der Busfahrer lachte etwas spöttisch und sagte: „Daran haste nicht gedacht, was? Geh zum Lebensmittelhändler; er ist der Einzige, der dir helfen kann. In dieser Großstadt gibt es keine Hotels und nur ein einziges Fremdenzimmer. Wenn du Glück hast, ist das frei. Wenn nicht, hast du dein erstes Problem. So, jetzt muss ich zurück. Viel Erfolg und grüß den Russen von mir“, sagte der Busfahrer, schloss die Türen seines Fahrzeugs und fuhr ab.
N winkte noch kurz und stand jetzt mutterseelenallein auf einer Art Dorfplatz.
Er entdeckte eine armselige Kirche und zählte gerade einmal neun Häuser. Kein Mensch war weit und breit zu sehen; nicht einmal ein Straßenköter.
Ein Haus sah anders als die anderen aus und N ging dorthin. Es war das einzige Geschäft des Dorfes. Das übliche Schild mit den Öffnungszeiten konnte er nicht entdecken. Vorsichtig öffnete er die Ladentür; ein leises Läuten war zu hören. Geduldig wartete N, dass jemand erschien. Es dauerte bestimmt fünf Minuten, bis aus einem hinteren Raum ein Mann mittleren Alters kam.
„Guten Tag. Sind sie gerade mit dem Bus angekommen?“
„Ja, man hat mir berichtet, dass ich bei ihnen ein Zimmer für eine Nacht mieten könnte. Ich will erst morgen zu meiner großen Tour aufbrechen, weil das Wetter nicht besonders aussieht.“
„Ich muss sie leider enttäuschen. Das einzige Fremdenzimmer ist bereits seit einer Woche an ein Ehepaar vermietet“, sagte der Ladenbesitzer achselzuckend.
„Da habe ich offenbar richtiges Pech. Was raten sie mir, wie ich mein Problem lösen könnte?“
„Für verspätete Wanderer haben wir in dem Schuppen hinter dem Haus Schlafplätze. Sie haben bestimmt eine Matte mit Schlafsack. Der Platz ist kostenlos. Wer möchte, kann eine Spende in die alte Konservendose legen.“
„Und wo kann ich etwas zu Abend essen“, fragte N schon leicht resignierend.
„Hier im Laden können sie einkaufen. In der Unterkunft steht ein kleiner Ofen. Damit können sie sich etwas kochen, oder besser gesagt, aufwärmen.“
„Gibt es auch eine Toilette“, wollte N wissen und erhielt zur Antwort, dass man dafür hinter den Schuppen in eine Art Stall gehen müsse.
N tat, wie ihm geraten und nahm sich vor, am nächsten Morgen so früh wie möglich aufzubrechen. Wenigstens werde ich heute nicht nass, dachte er sich und versuchte, bald zu schlafen.
Kaum war er eingeschlafen, als der Ladenbesitzer in den Schuppen trat.
„Sie wollen bestimmt die Riesentour entlang der Grenze gehen“, fragte er und N bestätigte ihm seine Vermutung.
„Sicherlich werden sie auch bei Boris vorbeischauen, oder?“
„Ich habe schon von diesem Einsiedler gehört. Ist das der, den man den Russen nennt?“, fragte N.
„Ja. Alle, die von hier aus aufbrechen und nicht den leichten ausgeschilderten Wanderweg GR 10 nehmen, kommen notwendigerweise nach ungefähr drei Tagen bei ihm vorbei. Ob er ein Russe ist, weiß niemand genau. Aber alle behaupten es. Boris legt Wert darauf, dass jeder Besucher ihm ein Kilo Zucker und eine Flasche Wodka mitbringt. Beides können sie bei mir im Laden erwerben.“
„Sie vermuten richtig, dass ich nicht den Wanderweg benutzen werde. Ich will mir einen Jugendtraum erfüllen und die Pyrenäen richtig kennenlernen. Ich werde den Wunsch des Einsiedlers beachten und aus ihrem Geschäft Zucker und Wodka mitnehmen“, erklärte N und erhob sich von seiner Schlafmatte.
„Vielleicht interessiert sie mein folgender Vorschlag: Ich muss morgen mit dem Quatre-Quatre zur Quelle, die unser Dorf mit Trinkwasser versorgt. Da stimmt etwas nicht. Seit einigen Tagen hört man aus den Bergen ungewöhnliche Geräusche. Irgendetwas ist anders als sonst. Hier in den Bergen und auch an den Küsten muss man mit der Natur leben und lernen, sie zu verstehen“, erklärte der Ladenbesitzer.
„Weil ich es auch so sehe, reizt es mich, das letzte Stück relativ unberührter Natur Europas intensiv kennenzulernen“, erwiderte N.
„Diese Quelle befindet sich auf einem Plateau, das nicht auf ihrer voraussichtlichen Route liegt. Wenn sie wollen, können sie trotzdem mitfahren. Sie können von dieser Quelle über den westlichen großen Sattel wieder auf ihre Route gelangen und sind alsbald bei Boris. Der Vorteil für sie wäre, dass sie einen ganzen Tag früher beim Russen sind und ich zumindest nicht allein die ganze Fahrt machen muss.“
„Das hört sich interessant an, was sie mir da vorschlagen. Ich werde es mir überlegen. Wann würden sie losfahren?“
„Ich muss spätestens gegen 9 Uhr aufbrechen, weil eine Fahrt gute drei Stunden dauert, und ich nicht weiß, wie lange ich für die Besichtigung und eventuelle Reinigung der Quelle brauche“, antwortete der Lebensmittelhändler.
„Gut, ich werde mitfahren und ihnen gegebenenfalls bei der Instandsetzung der Quelle helfen“, sagte N.
3. Kapitel
Am nächsten Morgen war N bereits gegen 8 Uhr abreisebereit. Während er auf den Lebensmittelhändler und den Jeep wartete, ärgerte er sich, dass er zugesagt hatte, mit zur Quelle zu fahren. Wenn er allein losgegangen sein würde, wäre er jetzt bereits ein ordentliches Stück des großen Weges getourt und mit sich und der Natur allein.
Kurz vor neun Uhr hörte er den typischen Klang eines kalten Geländewagenmotors und staunte nicht schlecht, dass neben dem Ladenbesitzer eine Frau mittleren Alters in einem modischen Anorak und Turnschuhen saß.
„Guten Morgen Monsieur? Entschuldigung, ich kenne noch nicht einmal ihren Namen“, grüßte der Kaufmann und N stellte sich vor.
„Mein Name ist Joseph. Frau Maria hat den unbändigen Wunsch, mit zur Quelle zu fahren. Ich hoffe, sie sind einverstanden, dass wir zu dritt fahren.“
Man sah N deutlich an, dass er nicht besonders glücklich war, seine Tour mit einer Frau zu beginnen.
„Was bleibt mir anderes übrig“, sagte N, seinen Missmut deutlich zeigend, warf seinen Rucksack auf die Ladefläche und setzte sich auf einen der Rücksitze. Die Beifahrerin tat so, als hätte sie diesen Ausspruch überhört.
Anfangs verlief die Fahrt problemlos. Maria schwieg und schaute sich interessiert die Gegend an.
Am ersten Bassin, in dem das Quellwasser kurz vor dem Ort aufgefangen und in die Wasserleitungen geleitet wird, machte der Lebensmittelhändler den ersten Stopp.
„Schauen sie sich das an“, sagte er, „das ist fast leer.“
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