»Ah, ihr Pferdelords habt einfach keinen Sinn für Reinlichkeit.«
»Das ist nicht wahr«, protestierte der kleine Mann. »Das weißt du genau.«
»Ich spreche auch nicht von der Reinlichkeit und Schärfe deiner Waffen,
Pferdelord Dorkemunt.« Hellewyn nahm seine Stiefel und trug sie vor die
Tür, wo sie die Sohlen heftig aneinanderschlug. »Würdest du deine Stube mit
der gleichen Sorgfalt pflegen wie diese, so wäre ich wohl zufrieden.«
Dorkemunt antwortete nicht. Aus langer Erfahrung wusste er, dass ein
Pferdelord einer Frau bei solchen Wortwechseln unterlegen war. Auf seinen
Fußlappen ging er durch die Stube in seine Kammer hinüber, die Hellewyn
schon für das Brautpaar vorbereitet hatte.
Auf der Bettstatt lagen frisches Stroh und frisches Gras, und das Bettzeug
war frisch erneuert worden. Dorkemunt bemerkte anerkennend, dass
Hellewyn es mit feinen Stickereien versehen hatte. Frische Blumen lagen in
der Kammer auf der Bettstatt und dem Boden verstreut. Ihr Duft erfüllte den
Raum, und der alte Pferdelord musste lächeln, denn er fühlte sich an seine
eigene Vermählung erinnert. Er trat an seine Truhe und nahm frische
Kleidung und seine Rüstung hervor, um sie auf Hochglanz zu bringen.
Wieder in der Wohnstube, sah er Hellewyn lächelnd an, die gerade die
Sohlen seiner Stiefel gesäubert und das Leder poliert hatte. »Du hast die
Kammer schön gerichtet, Hellewyn. Vor allem die Stickereien sind dir wohl
gelungen.«
Hellewyn errötete leicht. »Es ging mir gut von der Hand, Dorkemunt.
Schwierig war nur, die Arbeit vor Gandoryn zu verbergen. Zeig mir dein
Wams, Pferdelord. Ich sehe, du hast es ausgebessert, doch meine Stiche
erscheinen mir doch feiner als die deinen zu sein.«
Das konnte Dorkemunt nicht leugnen, und so gab er ihr sein Wams
bereitwillig. Halb entkleidet nahm er dann ein wenig verschämt am Tisch der
Wohnstube Platz. Es war nicht so, dass er sich wirklich genierte, doch er
zeigte sich nur ungern im Unterzeug vor einem Weibsbild, auch wenn dieses
die Mutter seiner zukünftigen Schwiegertochter war. Zudem wusste
Dorkemunt, dass er aufgrund seines geringen Wuchses im Unterzeug kein
sehr stattliches Bild abgab.
Wie alle Pferdelords trug er wollene Beinkleider, die Beine und Unterleib
bedeckten und mit angenähten Schnüren an einem Gürtel befestigt wurden,
den man um den Leib trug. Dazu kam ein weites Hemd mit rundem
Ausschnitt und langen Armen, welches bis fast zu den Knien und bei
Dorkemunt noch etwas weiter hinunter reichte. Die Reithosen aus feinem
braunem Leder wurden über die Beinkleider gezogen und ebenfalls am Gürtel
befestigt. Hierüber zog man nun das Wams. Es reichte bis ans Gesäß und
bestand aus gutem Tuch. Im Sommer war es ohne Arme und ungefüttert, im
Winter hatte es lange Arme und ein ledernes Überfutter. Je nach Neigung und
Stellung seines Besitzers wies das Wams zudem Zierstickereien auf.
Dorkemunts Wams hatte tatsächlich schon ein wenig gelitten, und auch
wenn er es sorgsam auszubessern versucht hatte, so waren seine Augen auf
die kurze Distanz doch nicht mehr die besten. So war er nun dankbar für die
Hilfe, die Hellewyn ihm anbot, und sah zu, wie sie die schadhaften Stellen
flink und sorgsam ausbesserte.
»Hier, guter Pferdelord«, sagte sie schließlich, »so gut wie neu. Nun kannst
du dich wieder bedecken.«
Dankend nahm er das Wams und zog es sich über. Dann wickelte er seine
Fußlappen neu. Die Stiefel eines Pferdelords wurden mit verschiedenen
Fetten eingerieben, sodass sie dem Wetter widerstanden und geschmeidig
blieben. Die Füße wurden zum Schutz erst in lange Tuchstreifen gewickelt,
bevor man das Schuhwerk überzog. Dorkemunt stampfte ein paarmal mit den
Füßen auf, bis die Stiefel richtig saßen, und nickte dann zufrieden.
Hellewyn sah ihn wohlgefällig an. »Du magst wohl klein von Wuchs sein,
Dorkemunt«, sagte sie lächelnd, »aber du bist ein rechter Pferdelord. Es ist
gut, dass meine Tochter deinen Sohn gewählt hat.«
Dorkemunt nahm seinen ledernen Brustharnisch. Er besaß kein
Kettenhemd und keine metallene Rüstung, aber sein lederner Brustharnisch
war aus hartem Leder und passgenau. Sorgsam polierte der alte Pferdelord
das dicke braune Leder und widmete sich danach den Messingteilen, die den
Harnisch verzierten. Er polierte, begutachtete und polierte wieder so lange,
bis er mit dem Ergebnis zufrieden war. Erst dann legte er den Harnisch an und
schloss die Schnallen, die ihn hielten.
Hellewyn seufzte leise. »So will ich mich denn meinem eigenen Kleide
widmen, guter Dorkemunt. Es wird bald losgehen, und du bist ja nun bereit.«
Rasch drückte sie ihm im Gehen einen Kuss auf die Wange, was
Dorkemunt verwirrt erröten ließ, und verschwand dann aus dem Haus. Der
alte Pferdelord grinste verlegen und zugleich erfreut und machte sich nach
dem Harnisch nunmehr daran, auch den lederbezogenen Metallhelm mit den
Messingverzierungen und seine Waffen, Dolch und Axt, zu polieren. Er
schmunzelte, als sein Sohn zu ihm trat und mit den gleichen Vorbereitungen
wie sein Vater begann. Es bedurfte keiner Worte zwischen Vater und Sohn.
Beide freuten sich gleichermaßen auf die heutige Vermählung, auch wenn die
Freude des Sohnes sicher umfassender und gleichzeitig von Nervosität
geprägt war.
»Nervös, mein Sohn?«, fragte Dorkemunt schließlich und sah seinen Sohn
lächelnd an. Er war stolz auf seinen stattlichen Sohn, der im Gegensatz zu
seinem Vater groß und breitschultrig, geradezu ein Hüne von Gestalt war. Die
Schwielen an seinen Händen verrieten außerdem, dass Dormunt zuzupacken
wusste.
Dormunt blickte von seiner Arbeit auf und erwiderte das Lächeln seines
Vaters. »Ein wenig, Vater.«
Dorkemunt beugte sich vor und legte seinem Sohn in einer beruhigenden
Geste die Hand auf die Schulter. »Keine Sorge, mein Sohn, die Natur hat alles
gerichtet. Es ist wie bei den Pferden auch, mein Junge.«
»Ah, ich meine nicht das Geknarrze«, brummte Dormunt errötend. »Ich
weiß schon, wie man ein Weib zum Stöhnen bringt, Vater.«
Der kleinwüchsige Dorkemunt nickte. »Ja, die unverheirateten Weiber
waren kaum sicher vor dir. Wie bei mir, in meinen jungen Jahren.«
Dorkemunt nickte versonnen. »Zu meiner besten Zeit war ich ein rechter
Hengst. Aber was ist es dann, was dich nervös macht?«
Dormunt legte seufzend seinen Harnisch zur Seite und nahm den Helm
auf, um dessen Messingteile mit Spucke und einem weichen Leder zu
polieren. »Ah, es ist einfach, ein richtiges Weib zu haben. Jede Nacht die
Bettstatt mit Gandoryn zu teilen und für ihr Wohl verantwortlich zu sein.«
»Ja, es wird deine Verantwortung sein, dass es ihr wohlergeht.«
Dorkemunt nickte bestätigend. »Und glaube mir, mein Sohn, Gandoryn ist ein
gutes Weib. Sie wird für dich und eure Kinder sorgen. So wie deine Mutter,
sie möge ihren Weg zwischen den Goldenen Wolken finden, immer für dich
und mich gesorgt hat. Auch sie war ein gutes Weib.«
Einer der anderen Männer des Weilers erschien in der offenen Tür. »Alles
ist bereit, ihr Pferdelords. Wo bleibt ihr nur?« Der Mann grinste. »Hat
Dormunt etwa den grünen Umhang abgelegt?«
Dorkemunt grinste. »Nein, sein Mut hat ihn noch nicht verlassen. Er wollte
nur ganz sicher sein, dass alles wohl gerichtet ist. Doch Ihr habt recht, mein
Freund. Es ist an der Zeit.«
Der kleinwüchsige Pferdelord erhob sich, schob den Dolch in seinen
Gürtel und schlang den grünen Umhang des Pferdelords um seine Schultern.
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