1 ...6 7 8 10 11 12 ...16 Sarah errötete leicht und lächelte.
„Jamie, versuch’s erst gar nicht. Sarah fällt nicht auf deine Annäherungsversuche herein. Such dir ein anderes Opfer.“
„Lass das mal deine Freundin entscheiden!“ Damit warf er Sarah noch einen Blick zu, der allen Frauen von zwanzig bis siebzig weiche Knie beschert hätte, dann ging er zu den Männern an der Theke.
Sarah sah ihm amüsiert nach und dachte: ‚Er ist nur ein Jahr jünger als ich und wenn er etwas reifer wäre, könnte er mir glatt gefallen‘.
Erin lachte. „Aha, ich sehe, der Clair‘sche Charme wirkt bereits. Jamie ist ja wirklich ein gutaussehendes Herzblatt. Aber ich kann dich nur vor ihm warnen: Er ist ein absoluter Herzensbrecher, und du wärst nicht die Erste, die er so lange umgarnt, bis er sie in seinem Bett hat und dann nach einigen Tagen oder Wochen die nächste Eroberung macht. Die abgelegten Mädels sind danach reihenweise reif für den Psychiater.“
„Aha …“ Sarah grinste ihre Freundin an. „Gehörst du auch zu ihnen, weil du so genau Bescheid weißt?“
„Nein, wo denkst du hin! Aber ich kenne Jamie schon seit Ewigkeiten. Ich bin mit seinem älteren Bruder Logan zur Schule gegangen. Er ist so alt wie ich. In Ardullie gibt es kein Gymnasium, deshalb kamen sowohl Logan als auch Jamie hierher zu uns.“
Sarah schaute hinüber zur Theke, wo Jamie sich an einem Bier festhielt. Er spürte wohl ihren Blick, denn er sah zu ihr, hob sein Glas und prostete ihr zu. Sie lächelte unverbindlich, dann sah sie zu Erin. „Und ist dieser Logan auch so charmant und frech wie sein jüngerer Bruder?“
„Naja, so charmant ist er, aber er ist ernster, nicht so locker drauf. Jamie hat ein sonniges Gemüt und geht auf jeden offen zu. Logan ist eher ein ruhiger Typ, der sich die Leute genau betrachtet, bevor er zu ihnen Kontakt aufnimmt. Aber er ist mindestens genauso attraktiv wie sein kleiner Bruder. Ich war in der Schule mächtig verknallt in ihn. Aber leider war ich wohl nicht sein Typ. Das hat mich damals in eine schwere Krise gestürzt.“
„Also ist er dein Traummann?“
„Nee, heutzutage nicht mehr. Mein Geschmack hat sich geändert. Heute stehe ich eher auf blonde Männer. Nur gibt es die so selten in unseren Breiten.“ Sie sah unter sich.
Sarah wartete, sagte aber nichts.
Erin schaute auf. „Vor zwei Jahren habe ich mich in einen Mann verliebt, der für ein paar Wochen bei uns in der Tourist Info arbeitete. Er stellte alles auf EDV um, nicht nur hier, sondern in der ganzen Gegend, von Inverness bis John o’Groats und von dort bis Ullapool an der Westküste. Wir kamen recht schnell zusammen und als er seine Arbeit in unserer Gegend beendet hatte, blieb er hier wohnen, weil er nicht so lang von mir getrennt sein wollte. Ich gab ihm eins meiner Cottages und er fuhr jeden Tag dahin, wo er gerade arbeitete.“
„Klingt gut. Aber was ist passiert?“
„Naja, …“ Erin grinste schief. „David war ja irgendwann einmal mit der Umstellung auf EDV fertig. Dann ist er wieder zurück in den Süden gegangen.“
„Ohne dich?“
Erin nickte. „Er war Engländer. Kam aus Nottingham. Und hatte dunkelblonde Haare. Und war für die Leute hier immer noch der Feind. Die Schotten und die Engländer bekämpfen sich zwar seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts nicht mehr. Aber die alten Geschichten und das Wissen um die jahrhundertealte Feindschaft zwischen den beiden Völkern sind hier oben noch sehr lebendig. David hätte wahrscheinlich keinen Fuß auf den Boden gekriegt.“
„Und du wolltest nicht mit ihm gehen?“
„Nein.“ Erin schüttelte den Kopf. „Ich konnte mir irgendwie nicht vorstellen, in England zu leben. Ich bin durch mein Geschichtsstudium und meine Arbeit beim Trust und in der Tourist Info so mit unserer heimischen Tradition verbunden, dass ich nicht weg wollte. Und David konnte sich nicht spontan entscheiden, auf Dauer hier zu leben.“ Sie sah zu dem kleinen Fenster mit den gelben Butzenscheiben hinaus; allmählich dunkelte es draußen. „Tja … und inzwischen hab ich mich gefragt, ob ich es nicht doch zuerst hätte ausprobieren sollen anstatt rundweg abzulehnen, mit ihm zu gehen.“
„Puh! Keine leichte Entscheidung!“ Sarah trank ihr Guinness in einem Zug aus. Erin holte für beide noch ein Pint, obwohl Sarah protestierte, das sei zu viel. Aber Erin ließ sich nicht umstimmen. Sie stellte zwei volle Gläser mit dem festen hellbraunen Schaum auf den Tisch.
„Das geht heute alles aufs Haus. Ist für meine Schwester Ehrensache. Und es ist dein erster Abend hier. Du wirst dich daran gewöhnen, dass wir gut schlucken können. Und du solltest dich nicht gleich zu Anfang unbeliebt machen, indem du nach einem einzigen Glas schon die Fahne streichst oder dir, was noch schlimmer wäre, ein Glas Wasser bestellst.“
„Oh, …“ Sarah hatte wirklich vorgehabt, ein stilles Wasser zu bestellen.
„Und wie lief es bei dir so in den letzten Jahren? Männermäßig, meine ich?“, fragte Erin sie.
Sarah erzählte von ihrem letzten Freund, mit dem sie ein knappes Jahr zusammen war. „Er war ein netter Kerl, aber irgendwie stur und engstirnig in seiner ganzen Art. Für mich war es das Schönste am ganzen Jahr, wenn ich im September, nach einem Jahr intensiv studieren und im August vierzig Stunden die Woche als Aushilfskraft bei der Post arbeiten, endlich meinen Rucksack packen und irgendwo ins Ausland reisen konnte. Aber Peter wollte nur zelten oder wandern gehen. Das war mir zu öde. Ich konnte mir weder vorstellen, einen hohen Berg nach dem andern hinaufzukraxeln noch unter Otto-Normalverbrauchern eng an eng vor einem Wohnwagen zu sitzen, blödes Zeug zu labern und abends als Highlight Bier zu saufen und Grillwürstchen zu essen. Nein, danke! Und als er sich dann noch wie ein beleidigter Ehemann aufführte, der meinte, mich gängeln zu können, hab ich ihn in die Wüste geschickt und bin allein nach Frankreich gefahren.“ Sie nahm einen großen Schluck. „Du siehst also, ich suche auch noch nach meinem Traummann.“
„Manchmal frage ich mich, ob es den überhaupt gibt. Was wir uns in unseren Wunschträumen so zusammenfantasieren, ist wahrscheinlich sehr unrealistisch. Männer wollen dich zuerst ins Bett kriegen und in dieser Phase bemühen sie sich um dich. Aber nach einer Weile wollen sie ihre Ruhe, Fußball gucken und Bier trinken. Sowas brauche ich nicht in meinem Leben. Da bleib ich lieber allein.“
Sarah schüttelte den Kopf. „Sie sind bestimmt nicht alle so. Irgendwo da draußen läuft einer herum, der mir gefallen würde, und sucht nach einer Frau wie mir. Ich muss ihn nur noch finden.“ Vor ihrem inneren Auge stand ein groß gewachsener Mann mit dunklen Haaren, der sie mit Jamies charmantem Lächeln ansah. Aber Jamie war es nicht.
Kapitel 6
Als Klaus kurz nach fünf heimkam, früher als sonst, weil er abends zu der Eröffnung des Drogeriemarktes gehen musste, war Ella noch nicht zuhause. Sie hatte ihre Mutter kurz vor halb fünf abgeholt und sie wieder heimgebracht.
Im Auto fragte sie Hannelore Schmitz, wie es ihr gefallen hatte.
Zuerst antwortete sie nicht, dann meinte sie knapp: „Es ging so.“
„Was hast du denn zu essen bekommen?“
„Weiß ich doch jetzt nicht mehr.“ Nach einer Weile sagte sie: „Naja, es gab so eine Brühe und danach irgendein Gemüse mit Kartoffeln. Das Fleisch hab ich nicht gegessen.“ Sie zog ein trotziges Gesicht. „Aber den Schokopudding hinterher hab ich weggeputzt.“
„Ui, Vor- und Nachspeise hat es auch gegeben, das ist ja toll. Sowas kann ich nicht leisten.“
„Du kochst dennoch besser als die dort.“
Und damit war die Diskussion beendet. Als Ella sie fragte, ob sie sich vorstellen könne, wieder dorthin zu gehen, vielleicht sogar regelmäßig einmal die Woche, bekam sie keine Antwort.
Bei ihrer Mutter angekommen, richtete sie ihr Abendbrot, dann ließ sie den Rollladen im Schlafzimmer herunter und deckte das Bett auf.
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