„Aha.“ Sarah kletterte aus dem Rover und folgte Erin in eines der Gebäude. Sie stand in einem kleinen Verkaufsraum. Hinter dem Tresen waren an der Wand Regale angebracht, auf denen etliche Whiskyflaschen thronten.
„An den Tischen da drüben -“ Erin wies zur Linken, „- finden manchmal Whiskytastings statt. Die sind wichtig als Werbung für die Brennerei.“ Sie drückte auf eine Klingel am Tresen und bald darauf kam ein sympathischer älterer Mann mit ergrauten kurzen Haaren aus einer Tür daneben. Sarah fand, dass er eine gewisse Ähnlichkeit mit Jamie hatte: die gleichen Augen, der Mund, als er jetzt lächelte.
„Erin! Was für eine nette Überraschung!“ Er musterte Sarah unauffällig. Erin stellte die beiden einander vor.
Duncan Clair schüttelte ihr die Hand. „Erfreut, Sie kennenzulernen. Interessieren Sie sich für die Whiskyherstellung?“
Sarah lächelte. „Nun, ich habe bisher keine Ahnung davon. Aber ich wüsste schon gerne etwas darüber.“
Clair drehte sich um. „Dann kommen Sie mal mit. Sie haben gerade einen günstigen Zeitpunkt erwischt. Ich hätte eigentlich einen Termin gehabt, der ausgefallen ist.“
In der folgenden halben Stunde führte er die beiden Frauen durch mehrere Räume, in denen es stark nach Alkohol roch. Sarah dachte bei sich, wenn sie hier den ganzen Tag über arbeiten müsste, wäre sie am Feierabend sturzbetrunken.
Duncan Clair erzählte in seinem schottischen Englisch, das Sarah nur zum Teil verstand, von Gerste, Malz und Torf. Von reinem Quellwasser und Brennblasen, von Fässern und Abfüllungen. Und von Geduld und einer guten Nase. Er wandte sich an einen jungen Mann, der mit dem Rücken zu ihnen an einem der Fässer stand, und sagte: „Jamie, hier sind Erin und eine Dame aus Deutschland.“ Als der Genannte sich umdrehte, fügte er hinzu: „Mein Sohn hat hier einen der wichtigsten Jobs – er ist unser Masterblender, obwohl er noch so jung ist. Aber er scheint ein Naturtalent zu sein.“ Er lächelte stolz.
Sarah starrte den jungen Mann verwundert an. Er grinste, als er sah, wen sein Vater ihm da brachte. „Erin und Sarah! Welch unerwartetes Vergnügen – gleich zwei meiner Lieblingsladies!“ Er begrüßte beide charmant lächelnd mit je einem Handkuss.
Duncan Clair verdrehte die Augen. „Mach nicht solch ein Gesülze, du sollst den Damen hier nicht den Kopf verdrehen. Erzähl uns lieber etwas über den Whisky in dem Fass, wo du gerade stehst.“
Jamie wandte sich dem Holzbottich zu. „Nun, da drin lagert ein Single Malt, der zuvor zwölf Jahre lang in einem Eichenfass gereift ist. Dann hat mein Vorgänger ihn vor gut einem Jahr in dieses Sherryfass abfüllen lassen. Ich schätze, mindestens ein weiteres Jahr wird er noch da drin verbleiben. Und wenn es nach Logan geht, füllen wir ihn danach nochmal für weitere ein bis zwei Jahre in ein anderes Fass um.“
Sein Vater nickte Sarah zu. „Logan ist Jamies älterer Bruder. Mein Sohn hat BWL mit Schwerpunkt Marketing studiert und danach während der letzten drei Jahre in verschiedenen Brennereien gearbeitet, um praktische Erfahrung zu sammeln, bevor er im September bei uns anfängt.“
Erin sah ihn überrascht an. „Logan kommt nach Hause? Da wird sich Ihre Frau aber freuen.“
Er grinste übers ganze Gesicht. „Das kannst du laut sagen! Wir freuen uns alle. Der Lausebengel hier“ – er fuhr Jamie liebevoll durch die Haare – „braucht dringend mal wieder Zucht und Ordnung. Von mir nimmt er das nicht mehr an, aber sein älterer Bruder wird ihm schon ab und zu den Marsch blasen.“
Sie verabschiedeten sich von Jamie und gingen wieder zurück. „Und ich bin, ehrlich gesagt, auch froh, wenn Logan wieder daheim ist. Ich bin mit meinen 65 Jahren nicht mehr so leistungsstark wie früher und habe absolut nichts dagegen, wenn Logan mir den Großteil der Geschäftsleitung abnimmt. Er ist jung, begierig sich zu beweisen und hat neue Ideen, wie er unseren Betrieb erweitern und umgestalten will.“
Sie waren im Verkaufsraum angekommen und er wandte sich an Sarah. „So, junge Dame, und jetzt probieren Sie einen wee dram, wie wir Schotten sagen. Das ist ein kleiner Schluck unseres Whiskys, damit Sie wissen, was unsere Jungs hier den ganzen Tag so treiben.“
Erin grinste, während er drei sogenannte ‚nosing glasses‘ holte. Sie sahen fast aus wie Likörgläser, waren unten bauchig und nach oben wurden sie enger. Er schenkte ihnen allen ein gutes Maß ein, von dem Erin später sagte, dass dieser Schluck gar nicht so klein gewesen sei.
„Slaintè mhat!“ Es klang wie ‚Slänschi-ma‘.Sie hoben alle ihre Gläser und Sarah roch erst einmal an der dunkelbraunen Flüssigkeit. „Mm, das riecht lecker. Irgendwie nach Mandeln und Zimt.“ Sie sah verunsichert zu Erin und dann zu Duncan Clair, weil sie diese Geschmacksnoten in einem Whisky nicht erwartet hätte.
Er klatschte in die Hände. „Bravo! Das haben Sie sehr gut erkannt. Ich sehe schon, Sie haben ein Näschen für unseren Whisky!“ Er lächelte erfreut.
Sarah nahm einen kleinen Schluck und war überrascht, wie samtig der Single Malt ihre Kehle hinunterlief. Sie hatte gedacht, er würde brennen.
Als sie das sagte, lachte er. „Tja, das liegt daran, dass ich Ihnen ein gutes Tröpfchen eingeschenkt habe. Er durfte sich achtzehn Jahre lang in unseren Fässern entwickeln, und jetzt ist er weich wie ein Kinderpopo!“
Er trank sein Glas aus und hielt den beiden Frauen die Flasche hin. Aber sie wehrten ab, Erin, weil sie noch Auto fahren musste; Sarah, weil die wenigen Schlucke sie schon ziemlich betütelt hatten. „Er ist sehr lecker, aber ich bin es nicht gewohnt, so viel Alkohol zu trinken.“
Als Duncan Clair hörte, dass Sarah Englischübersetzerin war, fing er an zu strahlen. „Wären Sie eventuell bereit, für unseren Trust einiges zu übersetzen?“ Sarah nickte zögerlich. Da sagte er: „Wir haben bei unserer letzten Sitzung nämlich beschlossen, dass es sinnvoll wäre, wenigstens ein paar der wichtigsten Broschüren auf Deutsch und Spanisch übersetzen zu lassen. Viele Touristen aus diesen beiden Ländern besuchen unser schönes Land jeden Sommer, und die meisten von ihnen können nicht genug Englisch, um die Erklärungen unserer Stadt- und Schlossführer zu verstehen. Das ist schade, denn hätten sie die Möglichkeit, die wichtigsten Informationen in ihrer Sprache zu bekommen, würden sie die eine oder andere Tour doch buchen, die sie jetzt wegen der Verständigungsprobleme auslassen. Dadurch fehlt uns einiges an Eintrittsgeldern. Und mit Ihnen könnten wir zumindest Deutsch abdecken.“
Sarah räusperte sich. „Nun, ich bin zwar nur Übersetzerin für Englisch und Französisch, aber mein Vater war Spanier und ich bin zweisprachig aufgewachsen. Deshalb spreche und schreibe ich Spanisch fließend.“
Duncan Clair starrte sie zunächst an, dann klopfte er sich auf die Schenkel. „Mädchen, Sie schickt ja der Himmel! Das ist großartig! Erin, das hast du gut gemacht, deine Freundin hierherzubringen.“ Er strahlte beide Frauen an.
„Um wie viele Seiten würde es sich dabei denn handeln?“ fragte Sarah vorsichtig nach.
„Nun, das kann ich so aus dem Stegreif nicht sagen, aber es wäre schon einiges. Es sind nur die Hauptbroschüren der wichtigsten Sehenswürdigkeiten, aber – naja, ich schätze, zwei- bis dreihundert Seiten sind das schon. Für Deutsch; für Spanisch etwa die Hälfte.“
Sarah fragte sich, ob der Trust überhaupt das nötige Kleingeld hatte, um sie bezahlen zu können, als er hinzufügte: „Wissen Sie was, begleiten Sie doch Erin am übernächsten Samstag zu unserem Sommerfest des National Trust. Ich lade Sie hiermit herzlich ein! Bis dahin habe ich mich auch erkundigt, welches Volumen dieser Auftrag umfassen würde und bis wann wir das gerne hätten. Und vor allem“ – und hier grinste er – „ob wir überhaupt das Geld haben, um Ihre Dienste bezahlen zu können.“
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