Erin wies nach rechts. „Wenn du die Straße entlanggehst, die wir hereingefahren sind, und dann scharf nach links abbiegst, kommst du nach etwa hundert Metern zum Rosslair. Unsere Gegend hier ist das Easter Ross, ein lair ist ein Versteck oder Schlupfwinkel. Meine Großeltern haben ihrem Pub diesen Namen gegeben, eingedenk der alten Zeiten, wo die Männer sich abends auf ein Bier oder auch mehr im Pub quasi vor ihren Frauen versteckten, um ihre Ruhe zu haben.“ Sie grinste. „Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Allerdings gibt es immer mehr Frauen, die ihre Männer heutzutage ins Pub begleiten.“
„In Deutschland ist die Kneipenkultur nicht ganz so stark ausgeprägt wie bei euch hier. Aber ihre Ruhe wollen die deutschen Männer auch meist, allerdings eher vor dem Fernseher.“
Erin lachte. „Der kommt dann nach dem Pubbesuch zum Einsatz.“ Sie ging auf den Gang hinaus und sah auf ihre Uhr. „Ich würde vorschlagen, du packst erst einmal aus und machst dich mit deinem neuen Zuhause vertraut. Ich müsste dringend einige E-Mails beantworten. Aber ich dachte, wir treffen uns später so um sechs im Pub. Meine Schwester ist ganz gespannt auf dich, ich habe ihr viel von dir erzählt.“
„Klingt gut. Dann bis später!“
Sarah ging mit Erin nach unten und begann, ihre Lebensmittel einzuräumen. Dann kochte sie sich einen Tee und setzte sich an den Küchentisch. Sie war zwar erst seit einer knappen Stunde hier, aber irgendwie fühlte sie sich schon wohl. Das Häuschen war genau richtig für sie. Und da sie in Deutschland nur ein Zimmer ihr eigen nennen konnte, weil sie Küche und Bad mit zwei weiteren Mitbewohnerinnen teilen musste, empfand sie dieses Cottage als puren Luxus. Drei Zimmer ganz für sich alleine, das würde sie auskosten. Und das alles für nur hundert Pfund pro Woche … normalerweise verlangte Erin 550 Pfund inklusive Endreinigung. Die würde Sarah selbst übernehmen.
Sie dachte darüber nach, dass sie sich über die Geschichte des Landes informieren, etliche Romane auf Englisch lesen und sich vieles anschauen wollte. Die zwanzig Seiten aus dem Immobilienkatalog musste sie auch übersetzen. Und plötzlich verschmolzen die langen vier Wochen, die vor ihr lagen, zu einem sehr kurzen Zeitraum.
Als sie ihren Tee ausgetrunken hatte, ging sie nach oben und packte Koffer und Reisetasche aus. Dann platzierte sie ihren Laptop auf dem Schreibtisch, legte den Immobilienkatalog daneben und freute sich bereits darauf, hier zu arbeiten und zwischendurch aufs Meer hinauszuschauen.
Nach dem Duschen zog sie ein Kurzarmshirt und eine dünne Jeans an, dann nahm sie ihre Sommerjacke und den Lederrucksack, den sie anstatt einer Handtasche mitgenommen hatte, steckte den Hausschlüssel ein und ging durch den Garten aus dem Haus. Es war erst zwanzig nach fünf und irgendwie reizte sie der Weg durch die Hügel, obwohl Erin sie gewarnt hatte, dass sie dort nicht allein herumlaufen sollte.
Sie ging den schmalen Pfad entlang, öffnete die Gartentür und stand auf einem Feldweg, der offensichtlich am Ort entlang führte. Sie überquerte ihn und stieg den grasbewachsenen Hügel hinauf. Es gab keinen Weg, sie ging einfach querfeldein. Zwischen ruppigem Gras wuchsen lilablaue Disteln und kleine Erikastauden.
Nach einigen Minuten hatte sie den ersten Hügel erklommen. Vor ihr lagen wellenförmig noch weitere Hügel. Auch hier war kein Weg auszumachen. Als sie sich umdrehte, sah sie die Häuser des Ortes vor sich liegen. Mitten aus dem Häusermeer ragte ein Kirchturm. Er gehörte wohl zu der sogenannten Free Church, von der sie gelesen hatte.
Sie überlegte, ob sie auch den nächsten Hügel hinaufgehen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Erin hatte bestimmt ihre Gründe, wenn sie sie warnte. Und sie konnte sich gut vorstellen, dass sie weiter oben keine Häuser mehr sehen würde. Da es keinen erkennbaren Weg gab, konnte man sich wirklich verirren.
Also ging sie wieder nach unten und von ihrem Cottage aus die Straße zurück, die sie mit Erin zusammen hergekommen war. Dann bog sie an der Kreuzung nach links und sah schon weiter vorne das bunte Schild, auf dem Rosslair stand.
Vor einem gelben Hintergrund zeigte es ein typisches Pintglas mit einer dunkelbraunen Flüssigkeit. Sarah tippte darauf, dass es Guinness, das bekannte irische Bier, darstellen sollte. Auf ihr erstes Pint freute sie sich. Sie war zuletzt zwei Jahre zuvor in Großbritannien gewesen und hatte Appetit auf den würzig, leicht süßlich-herben Geschmack des dunklen Gebräus.
Kapitel 4
Ella hatte endlich die Kurve gekriegt und sich ihrer Bügelwäsche angenommen. Verbissen schob sie das Eisen über das schwarze Herrenhemd, das Klaus am nächsten Abend anziehen wollte.
Er arbeitete als Filialleiter eines großen Drogeriemarktes und am nächsten Abend würde ein neuer Markt in Seckenheim eröffnet werden. Man erwartete von ihm, dass er dort erschien.
Ella fragte sich, ob ihm sein dunkelgrauer Anzug nicht zu eng war. Er hatte ihn seit Jahren nicht mehr getragen und sie war sich ziemlich sicher, dass er den Blazer nicht würde schließen können, die Hose erst recht nicht. Als sie ihm zwei Wochen zuvor vorgeschlagen hatte, beides vorsichtshalber anzuprobieren, hatte er abgewunken. „Das passt schon.“
„Wenn nicht, hast du ein Problem. Jetzt hättest du noch Zeit, dir einen neuen Anzug zu kaufen und vor allem die Hosenbeine kürzen zu lassen.“
„Du immer mit deiner Besserwisserei!“
Ella hatte zunächst vernünftig mit ihm reden wollen, aber dann sagte sie sich: Bin ich seine Mutter? Nö. Alt genug ist er auch, soll er sehen, wie er mit der Situation zurechtkommt.
Sie bügelte vorsichtig den Kragen und überlegte sich, wie es nach der Szene im Pub weitergehen würde mit Sarah. Sie könnte sich zusammen mit Erin einige Sehenswürdigkeiten in Dingwall ansehen. Dazu muss ich einiges recherchieren, dachte sie. Aber zum Glück konnte man heutzutage relativ schnell und unproblematisch im Internet fast alles nachlesen. Wikipedia war immer eine gute Möglichkeit, sich zu informieren. Und bei Google Earth konnte sie sich alles genau ansehen.
Sobald sie das Nötigste gebügelt hatte, kochte sie sich einen Kaffee, nahm ihn mit in ihr Arbeitszimmer und informierte sich über den alten Ort im Norden Schottlands. In der folgenden Stunde scrollte sie durch die diversen Informationen, schrieb sich einiges heraus und wollte gerade an ihrem Roman, den sie Schottische Romanze genannt hatte, weiterschreiben, als das Telefon klingelte.
„Mist, verfluchter!“ Wer riss sie denn jetzt aus ihrer Konzentration?
Ihre Mutter. „Hallo, ich wollte nur mal fragen, wie’s dir geht.“
„Mir geht’s gut, Mama. Und dir?“
„Naja …“ Stille am anderen Ende. Und Ella wusste, was als nächstes käme. „Ich bin halt so allein. Immer sitze ich den ganzen Tag nur herum. Und mir ist langweilig.“
„Mama, ich kann heute nicht schon wieder kommen.“
„Du warst ja schon eeewig nicht mehr bei mir!“
Ella sah auf die Uhr. „Es ist etwas mehr als zwanzig Stunden her, seit ich bei dir war. Erinnerst du dich – gestern war ich für dich einkaufen, habe deinen Müll rausgebracht, dir die Tabletten für die kommende Woche gerichtet und die gewaschene Wäsche mitgebracht.“
„Ach so, ja, hab ich vergessen. Wann kommst du?“
„Mama, heute nicht, ich muss auch mal meine Arbeit erledigen.“
Ella brauchte nur zehn Minuten mit dem Auto bis zur Wohnung ihrer Mutter. Sie war 84 und baute in letzter Zeit geistig ab. Sie vergaß vieles, konnte nicht mehr so gut sehen wie früher, und wenn sie las, musste sie nach knapp einer Stunde aufhören, weil ihre Augen tränten oder juckten. Dann saß sie in ihrem Sessel und langweilte sich. Nachmittags schaute sie zwei Soaps nacheinander, dann löste sie Rätsel. Aber nach fünf Uhr kam noch nichts im Fernsehen, was sie interessierte, also rief sie dann meist bei Ella an, wenn die nicht gerade bei ihr war, was jeden zweiten Tag der Fall war.
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