Sie füllte den großen Topf mit Wasser, gab etwas Olivenöl und Salz hinein, dann stellte sie die Herdplatte auf Stufe 12. Im Vorratsschrank holte sie drei Dosen mit stückigen Tomaten, schnitt zwei große Zwiebeln in Würfel, hackte zwei Zehen Knoblauch, den rohen Schinken schnitt sie in dünne Streifen und die Oliven halbierte sie. Dann gab sie Olivenöl in die Pfanne, erhitzte sie, holte die Linguine aus dem Schrank und begann, den Parmesankäse oder das, was man als Parmesan hierzulande verkaufte, zu hobeln.
Sie hatten sich einmal geliebt, aber das war lange her. Seit über zwei Jahren hatte Klaus sie nicht mehr angerührt. Okay, sie hatte einiges an Gewicht zugelegt in den letzten Jahren. Dann kam noch diese OP am rechten Sprunggelenk. Nach der Physiotherapie hatte sie es versäumt, wieder ihre Joggingrunden zu drehen, die sie schon in den Jahren zuvor meist vernachlässigt hatte. Es hatte geschmerzt, sobald sie es versuchte. Und einfach so spazieren gehen brachte ihr keine Freude. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die im Februar die ersten Schneeglöckchen am Wegesrand entdeckten und darüber in Freudentränen ausbrachen.
Also hatten sich über die Jahre einige unerwünschte Fettpolster an ihren Hüften breitgemacht. Und sie hatten sich dort offensichtlich so wohl gefühlt, dass sie ihre Kameraden riefen, die dann die Oberschenkel, den Bauch und den Hintern besetzten. Ihre Brüste hatten daraufhin den jahrelangen Kampf, mehr oder minder stehen zu sollen, endgültig aufgegeben und sich gesetzt. Oder eher gesenkt.
Sie holte die große Salatschüssel und bereitete eine Vinaigrette zu, in die sie Kräuter, Käsewürfel und Mandarinenstücke gab.
Aber Klaus’ Bauch war auch nicht waschbrettmäßig. Im Gegenteil. Er hätte locker im neunten Monat sein können. Anstatt wie früher zweimal die Woche Tischtennisspielen zu gehen, hatte er es sich nach und nach auf der heimischen Couch bequem gemacht und Sport nur aus zweiter Hand, nämlich als Zuschauer, genossen.
Mit der Zeit war er immer träger und dicker geworden. Seine Freizeitgestaltung rotierte um das endlose Fernsehprogramm, und er hatte zu nichts anderem mehr Lust. Anfangs hatte sie gedacht, die Abstände, in denen wir Sex haben, werden eben größer. Das ist wohl so, wenn man älter wird. Aber nach ein paar Wochen, in denen Klaus immer öfter abends später ins Bett ging als sie und an den Wochenenden länger schlief, wurde sie ungeduldig.
Sie blieb an den Sonntagen nach dem Aufwachen extra im Bett, bis er allmählich wach wurde. Dann robbte sie zu ihm hinüber und kuschelte sich an ihn. Sie war mit den Händen seinen Oberkörper entlang gefahren, ein anderes Mal hatte sie ihn am Rücken gekrault. Das hatte ihn früher immer auf Touren gebracht. Und meist dauerte es nicht lange, bis er sich ihr zuwandte und sie Sex hatten.
Doch diese Zeiten waren jetzt wohl vorbei. Ein einziges Mal hatte er sich danach brummend zu ihr rüber gedreht, für ein paar Sekunden lustlos an einer Brustwarze herumgespielt und war dann über sie gestiegen und in sie eingedrungen. Nach kurzer Zeit, in der sie sich fragte, ob sie so tun solle, als gefiele ihr das Hin- und Hergeschiebe, obwohl sie nicht das leiseste Lustgefühl empfand, hatte er aufgekeucht, war von ihr heruntergerutscht, hatte auf seine Uhr auf dem Nachttisch gesehen und ausgerufen: „Oh Gott, jetzt hab ich den Anfang vom Autorennen verpasst!“ Danach war er sofort ins Bad geeilt, hatte sich notdürftig sein Teil gewaschen und war im Schlafanzug nach unten zu seinem geliebten Fernsehapparat gehastet.
Ella lag unbefriedigt im Bett und musste an die Bemerkung einer früheren Kollegin denken, die an ihrem Stammtisch letztens gesagt hatte: „Wenn du als Frau guten Sex haben willst, benutzt du am besten deine beiden gesunden Hände!“
Nein, sagte Ella sich, auf diese Art von Quickie konnte sie locker verzichten. Und das musste sie seitdem auch. Als sie Klaus in ihrem Italienurlaub in einer romantischen Vollmondnacht einmal darauf angesprochen hatte, wieso sie keinen Sex mehr hatten, hatte er gemeint, ihm sei nicht mehr danach. Jegliche weiterführende Diskussion hatte er abgeblockt, sie hätten ja früher oft genug miteinander geschlafen.
Früher, ja, da hatten sie guten Sex gehabt. Und wieso hatte er jetzt, mit gerade mal fünfundfünfzig Jahren, keine Lust mehr dazu? War das normal? Ella wusste es nicht. Aber sie vermisste es. Sie sehnte sich danach, wieder richtig erobert und begehrt zu werden.
Während das Nudelwasser überkochte, stellte sie sich vor, dass einer ihrer Romanhelden lebendig wäre und er sie mit diesem bestimmten Blick ansehen würde - diesem Blick aus „Ich-will-dich-und-zwar-hier-und-jetzt“, der ihr bei dem Gedanken allein weiche Knie bescherte. Sie wischte die kochende Brühe von der Herdplatte und gab die Linguine ins sprudelnde Wasser, während ihr heißer Lover aus ihrem Tagtraum sie stürmisch an sich zog und ihre Lippen küsste, bevor sein Mund ihren Hals hinunter wanderte.
Unwillkürlich stieß sie einen Seufzer aus. Vielleicht waren es ihre erotischen Träume, die nicht normal waren. Und sie konnte nun wirklich nicht erwarten, dass ihr seit über zwanzig Jahren angetrauter Ehemann sie noch begehrte. Er war schon immer sehr bodenständig gewesen und hatte jegliches romantische Gefühl, das er vielleicht irgendwann gehabt hatte, in dem Moment abgeschüttelt, in dem sie ihre gemeinsame Wohnung zum ersten Mal als Mann und Frau betreten hatten. Einer, der zu sehr ein Kerl war, um Blumen für sie zu kaufen, mit ihr tanzen zu gehen oder sie zu einem gemütlichen Abendessen bei Kerzenschein einzuladen. Geschweige denn, sie in den Arm zu nehmen und ihr zu sagen, dass er sie liebte. Lächerlicher Blödsinn!
Dennoch sehnte sie sich nach Zärtlichkeit und gelebtem Sex, das war nun einmal so. Und dass sie darauf für den Rest ihres Lebens verzichten sollte, tat einfach weh.
Darüber reden konnte sie mit niemandem. So etwas Intimes vertraute man nicht seiner über achtzigjährigen Mutter an. Und ihren Freundinnen auch nicht, das wäre ihr peinlich gewesen. Es half nichts, sie musste ihre romantischen Wunschträume den wehrlosen Seiten in ihren Romanen anvertrauen und sie quasi aus zweiter Hand leben.
Dass Klaus ihre Sehnsüchte je erfahren würde, war höchst unwahrscheinlich. Er hatte, sehr zum Verdruss ihrer besten Freundin, noch keine einzige Zeile von den drei Romanen, die sie bis jetzt geschrieben hatte, gelesen.
Während die Zwiebel-Schinken-Oliven-Tomatensauce vor sich hin blubberte und die Linguine dem Al-Dente-Zeitpunkt entgegensimmerten, nahm Ella sich das Fernsehprogramm vor.
Oh, dachte sie, die -zigste Wiederholung von Pretty Woman läuft um viertel nach acht. Die könnte ich mir mal wieder anschauen. Dabei kann man so schön träumen. Ich bin zwar kein Richard-Gere-Fan, aber he, von der Bettkante stoßen würde ich ihn nicht.
Kapitel 3
Erin stand auf dem Gleis, als Sarah aus dem Zug stieg, und kam ihr dann entgegen. Die beiden jungen Frauen umarmten sich stürmisch.
„Céad Mìle fàilte!“ sagte Erin auf Gälisch. Es klang wie ‚Kiad mili fahlhi‘. „Tausendmal herzlich willkommen!“ wiederholte sie dann auf Englisch.
„Danke! Ich habe mich so sehr darauf gefreut, dich endlich wiederzusehen.“
„Das hättest du schon früher haben können. Aber jetzt hast du wenigstens genug Zeit mitgebracht!“ Erin nahm Sarah ihre Reisetasche ab, dann schlenderten sie zum Ausgang. Die Schottin strebte auf einen Land Rover zu, der schon bessere Zeiten gesehen hatte.
Erin arbeitete zehn Stunden pro Woche in der örtlichen Tourist Info und halbtags für den National Trust, der Schlösser, Abteien und Herrenhäuser verwaltete. In den Frühjahrs- und Sommermonaten vermietete sie noch die sechs Cottages, die ihre Großeltern ihr vererbt hatten. Ihre Schwester hatte das kleine Pub bekommen.
Der Land Rover fuhr in nördlicher Richtung aus Inverness hinaus. Bald hatten sie eine Brücke erreicht, die den Beauly Firth überspannt. Dingwall, wo Erin wohnte, war nicht nur der nächste größere Ort, es war auch immer noch das Zentrum aller Aktivitäten in der Region.
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