Bödeckers Stimme war durchdringend laut und heiser vor Wut, als er erwiderte: „Das wird unsere Kriminaltechnik alles herausfinden, auch ohne ihre vorwitzigen Bemerkungen.“ Drohend fügte er hinzu: „Würde mich nicht wundern, wenn am Ende ein sehr überraschendes, aber für manch einen hier unangenehmes Ergebnis steht.“
„Da sind wir uns ausnahmsweise einig“, erklärte Marion spöttisch. „Fragt sich nur für wen.“
Bödecker wurde es nun endgültig zu bunt. Legte es diese angebliche Kollegin aus Duisburg darauf an, ihn vor seinen Kollegen zu provozieren? Nein, von diesem jungen Ding wollte er sich nicht zum Narren machen lassen. Einen Moment spielte er mit dem Gedanken, Marion als dringend Tatverdächtige vorläufig fest zu nehmen. Aber mit einem so dünnen Beweismaterial wollte er dann doch lieber nicht vor den Haftrichter treten. Stattdessen ranzte er sie lautstark an: „Wenn Sie sich nicht augenblicklich zügeln, sorge ich dafür, dass Sie in Duisburg ein Disziplinarverfahren an den Hals kriegen, das sich gewaschen hat. Darauf können Sie Gift nehmen!“
„Das mit dem Gift streichen Sie lieber. Könnte für Sie wenig hilfreich sein,“ erwiderte Marion ruhig. „Ich werde mich hier noch ein wenig umsehen. Und wenn mir dann etwas auffällt, wende ich mich vertrauensvoll an Ihren erheblich aufgeschlosseneren Kollegen.“
Bödecker kochte. „Sie werden jetzt hier verschwinden! Wir haben jeden befragt, der auch nur im Entferntesten als Täter in Betracht kommen könnte.“
„Da habe ich erhebliche Zweifel.“
Karsten Roloff schaltete sich nun beschwichtigend ein. Alle seien wohl ob dieser brutalen Tat recht nervös. Und ernsthaft glaube niemand, dass die Duisburger Kollegin irgendetwas mit dem Verbrechen zu tun habe. Sie dürfe nicht alles so wörtlich nehmen, der Kollege Bödecker habe das nicht so gemeint.
Marion lächelte über dieses Friedensangebot und nickte zustimmend. „Wie sagt man? – Hunde die bellen, beißen nicht. Ist schon okay so.“
Ruckartig wandte Bödecker sich um und verließ wutschnaubend den Kinosaal. Für ihn stand es fest, dass er sobald wie möglich eine schriftliche Beschwerde gegen diese dreiste Person ausarbeiten würde. Froh, den Störenfried los zu sein, schritt Marion die Sitzreihen ab. Klebestreifen kennzeichneten jene Sitze, die zur Tatzeit von Besuchern belegt waren. Von jedem Platz aus stellte sie in Gedanken eine direkte Linie zum Opfer her. Roloff, der sie interessiert dabei beobachtete, ahnte ihre Gedanken. „Glauben Sie an ein Wurfmesser?“
„Ich versuche das gerade zu prüfen, - besser gesagt, es auszuschließen. Der Täter müsste ein Zirkuskünstler von Weltklasse sein, um auf diese Entfernung zu treffen. Außerdem hätte er von hier hinten nicht unbemerkt von den anderen Besuchern das Messer schleudern können. Auch keines, das er vorher sorgfältig geschwärzt hat.“ Marion sah Ihren Berliner Kollegen ernst an. „Ich denke, das Messer wurde mit einer Hilfseinrichtung regelrecht abgeschossen, - vielleicht eine Art umgebauter Armbrust.“
Nun befielen auch Roloff Zweifel, ob er diese Frau weiter ernst nehmen durfte. Hatte sie Spaß daran, sich hier in dieser Weise aufzuspielen? – „Warum glauben Sie das?“, fragte er zögernd und mit unüberhörbarem Zweifel.
„Der Handschuh unter meinem Sitz, – das war ein kapitaler Fehler des Täters,“ sinnierte Marion. „Eindeutig eine falsche Spur, die vom wahren Hergang ablenken soll. Solche Aufmerksamkeiten von Tätern nehme ich stets mit Dankbarkeit entgegen.“
„Mit einer Armbrust hier im Kino herumzuschießen? Und das soll kein Mensch bemerkt haben?!“ Roloff wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Ging mit dieser Kollegin nun gewaltig die Fantasie durch?
„Lieber Kollege, drehen Sie sich mal um“, sagte Marion freundlich. „Schauen Sie nach hinten auf die Wand zum Projektionsraum. Schauen Sie auf die Durchbrüche, durch die das Licht vom Projektor auf die Leinwand strahlt. Einer dieser Durchbrüche diente als Schießscharte für eine Waffe, mit der das Messer abgeschossen wurde. Wie gesagt: Umgebaute Armbrust oder so etwas Ähnliches. Daher das grifflose Messer, daher der schwarze Anstrich, daher die Kerbe am Ende des Heftes. Und der dusselige Handschuh sollte uns weismachen, die Tat sei von Hand im Zuschauerraum erfolgt.“
„Man hätte doch den Schatten des Messers auf der Leinwand erkennen müssen.“
„Nicht unbedingt. Wenn der Projektionsstrahl aus dem linken Schacht austrat, das Messer aber aus dem rechten abgeschossen wurde, hätte es nie den Lichtstrahl geschnitten.“
„Und das Motiv?“
„Vielleicht wollte einer den perfekten Mord üben, Ihre Kollegen gründlich hinters Licht führen – was weiß ich. Auf alle Fälle war die Tat geplant und vorbereitet. Das beweist der gelbe Gartenhandschuh, - reine Irreführung.“
Roloff starrte Marion voller Respekt an. „Ist der Ermordete ein Zufallsopfer, oder galt der Anschlag gezielt dieser Person? Was denken ...“
„Also nun reicht’s! Sonst muss ich mir noch Gedanken darüber machen, ob ich nicht auch dieses Zufallsopfer hätte sein können“, unterbrach ihn Marion. „Wissen Sie was, verehrter Herr Kollege? Ich gehe jetzt. Den Rest werdet ihr wohl alleine schaffen.“
Roloff schickte zwei Beamte los, um den Vorführer dingfest zu machen. Er selbst begleitete Marion hinaus auf die Straße. Eine Weile ging er stumm neben ihr her und grübelte nach passenden Worten. Endlich wagte er die Frage, ob er sie zum Essen einladen dürfe.
Marion blieb abrupt stehen, zeigte mit ausgestrecktem Arm auf die andere Straßenseite und sagte: „Sehen Sie den Mann dort, da drüben neben der Laterne. Den kenne ich! Der ist hier in Berlin wegen einer VDE-Tagung.“
„Und wer ist das?“, fragte Roloff interessiert, wieder ganz Polizist. „Wird er gesucht?“
„Gesucht nicht, aber erwartet – vor mir. Das ist Sven, mein Freund. Tschau! War nett, Sie kennen zu lernen.“ Sprachs, hangelte sich wieselflink zwischen zwei Autos hindurch über die Straße und rannte in die ausgestreckten Arme ihres Lebenspartners.
Als Roloff seine Enttäuschung überwunden und seinen traurigen Dackelblick abgelegt hatte, griff er zum Handy und erfuhr, dass seine Kollegen den Vorführer gefunden hatten. „Bringt ihn ins Kommissariat. Ich komme gleich.“ –
Für Marion hingegen hielt dieser Abend noch eine ganz andere Überraschung bereit.
Seit drei Monaten lebte sie mit Sven zusammen in dessen Haus. Ihre alte Wohnung hatte sie geräumt, nachdem ihre Tochter Svenja alle Ängste und Vorbehalte gegen ihn nicht nur überwunden hatte, sondern in ihm schließlich einen Freund fand, dem sie vertraute und zu dem ihre innere Bindung stärker und stärker geworden war. Sven, der schon einmal glücklich verheiratet war, hatte vor zwei Jahren am Ende eines Urlaubs an der Algarve Frau und Tochter beim Absturz eines Rundfliegers verloren. Seitdem hatte er allein in diesem Haus gewohnt, das er einst für seine Familie baute.
Als er Marion und Svenja kennenlernte, erschien es selbst diesem nüchtern denkenden Ingenieur wie ein Wunder, - als wolle ihm der Himmel angesichts eines schreienden Unrechts sein verlorenes Glück zurück geben. Eine selbstbewusste, sympathische junge Frau, eine Tochter, die Svenja hieß ... Sven und Ja! Solch seltsame Assoziationen geisterten ihm durch den Kopf, so dass er diese Begegnung als einen gut gemeinten und zugleich mahnenden Wink des Schicksals empfand. Ohne langes Zögern und Prüfen griff er zu. Und genau das fiel bei Marion auf fruchtbarem Boden. Denn sie kannte bisher nur schwache, unentschlossene Männer, angefangen bei ihrem Vater über Henning, ihrem ersten Lebenspartner und Vater Svenjas bis hin zu dem weichlichen Arno, der ihr Kind eines Tages brutal missbrauchte.
Zwar erschien ihr Sven beim ersten Kennenlernen grob und unfreundlich. Einen „Hackklotz“ nannte sie ihn, und tat dies auch heute noch manchmal. Doch schon nach wenigen Stunden hatte er bei ihrer ersten Begegnung ihr Gefühlsleben arg durcheinander gewirbelt. Nein, zu diesem Zeitpunkt wollte sie wirklich keine neue Beziehung, - auf gar keinen Fall! Aber Sven war stärker und blieb später in vielen Situationen auch der Stärkere.
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