Instinktiv schlug Sonnborn mit beiden Händen auf die rote “NOTAUS”-Taste, sprang aus der Kabine und presste eine Hand vor den Mund, um sich nicht übergeben zu müssen. Dann endlich angelte er sein Handy aus der Jacke und wählte die Notrufnummer der Polizei.
Kommissar Welter und seine Kollegen von der Spurensicherung und der Rechtsmedizin hatten stundenlang am Tatort zu tun, bis alle Routinearbeiten erledigt waren. Bei der Untersuchung des Toten fand man Ausweispapiere; er wurde als Mitarbeiter des Hafenbetriebes identifiziert und als der hier zuständige Kranführer. Sein Name: Martin Kranicz. Er war seit über fünf Stunden tot. - Gegen Mittag erfuhr auch Marion von diesem grausigen Geschehen.
Am späten Nachmittag desselben Tages.
Marion und ihr Kollege Petzold saßen an den Ruhrauen oberhalb einer Böschung im Gras und beobachten nachdenklich den einsamen Angler unten am Wasser. Berufsunfähig durch Unfall , sinnierte Marion, Ehe kaputt, miese Wohngegend und das Einzige, das Liebste auf Erden wird ihm auf diese schreckliche Weise genommen. Und das von einem ehemaligen Kollegen, dem er vertraute und den er für seinen Freund hielt, - der sich aber an seiner über alles geliebten Tochter verging und sie dann aus Angst vor Entdeckung brutal ermordete. Wäre mir doch Brittas Tagebuch vor einer Woche in die Hände gefallen, dann hätte ich das Schlimmste verhindern können. Hätte, hätte ...
Langsam und leise näherte sich auf dem Weg hinter ihnen der angeforderte Streifenwagen und hielt an. Zwei Beamte stiegen aus. Marion erhob sich, atmete einmal tief durch und rief dem Angler zu: “Herr Rohrbach ...!”
Jo Rohrbach zog seine Angel aus dem Wasser; gerade hatte ein Fisch angebissen. Mit müdem Lächeln präsentierte er den Beamten seinen Fang. Dann wurde sein Gesicht ernst, er nickte Marion zu, - wie zum Einverständnis mit dem, was nun unabänderlich folgen musste. – Vorsichtig nahm er den Fisch vom Haken und schenkte ihm im Wasser der Ruhr das Leben.
Dann kam Rohrbach langsam und gefasst die Böschung herauf.
Die Kommissarin wandte sich um, verwischte mit dem Handrücken eine Träne und raunte ihrem Kollegen: “Das war’s dann wohl. Mach du den Rest.“
War es das wirklich?
In diesen heil’gen Hallen
Es ging auf Nachmittag zu, und die Kantine im Polizeipräsidium hatte sich schon weitgehend geleert. In einer Ecke saßen jedoch Hauptkommissar Hasenbach, Leiter des K20, und seine Mannschaft zu einer Besprechung beisammen, - wie schon so oft. Hasenbach bezeichnete dies gern als „Arbeitsessen“ und tat sich dabei furchtbar wichtig. Der Obrigkeit in Person von Kriminalrat Dr. Sowetzko behagte das allerdings weniger, und so nutzte er heute die Gelegenheit, sich an einem Nebentisch zu platzieren, einen Kaffee zu trinken und dabei – hinter einer Zeitung verborgen – neugierig den kriminalistischen Erkenntnissen dieses angeblich so wichtigen Treffens zu lauschen.
Marion und ihr Kollege Hoffeld kamen gerade von einem Einsatz zurück. Zum Mittagessen hatte die Zeit nicht gereicht, und nun hofften sie, dass die Kantine ihnen noch etwas zu bieten hatte.
„Ach siehe da! Der Stammtisch ist auch wieder versammelt“, rief sie gedehnt und mit unüberhörbarer Geringschätzung durch den Saal. Zwischen Hasenbach und ihr bestand eine über Jahre gewachsene Feindschaft. Auch darüber machte Dr. Sowetzko sich zunehmend Sorgen. Er wusste, dass die Zelenka die Überlegenere war und auch einiges unbeschadet einstecken konnte, Hasenbach dagegen war sensibel, neigte zu Frust und in diesem Zustand vermehrt zu Fehlern. Dass er überdies die Manie besaß, sich ständig als der bessere Kriminalist beweisen zu müssen, machte das Verhältnis besonders schwierig.
Jetzt stand Hasenbach wütend auf und rief zurück: „Werden Sie ja nicht übermütig, gnädige Frau! Nur weil Sie mal wieder einen Fall so la-la gelöst haben. Ich aber prophezeie Ihnen: Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zuteil . Das hat schon der alte Goethe gewusst.“
Marion lachte und sagte mitleidig: „Ich weiß – ich weiß. Der Ring des Polykrates. Ist aber nicht von Goethe sondern von Schiller. Übrigens, falls Sie’s noch nicht bemerkt haben sollten, dort hinten auf der Fensterbank liegen Anmeldeformulare aus, - für die Volkshochschule.“
Während Hoffeld, der älteste Kommissar im K21, zu Marion mahnend eine dämpfende Handbewegung machte, überlegte Dr. Sowetzko, ob er eingreifen sollte, als Chef vielleicht sogar eingreifen müsste, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Doch dann sagte er ärgerlich zu sich selber: Was soll’s? Der Hasenbach ist ein Idiot, der sich ständig provozieren lässt und meist selbst den Anlass dazu liefert, und die Zelenka lässt sich ohnehin nicht das Maul verbieten. Wenn sich das weiter zuspitzt, muss da mal eine ganz andere Lösung her.
Als er sich anschickte aufzubrechen und gerade seine Zeitung zusammenfaltete, stand seine Hauptkommissarin plötzlich vor ihm. „Haben Sie noch einen kurzen Moment Zeit?“, fragte sie ungewöhnlich freundlich.
„Falls Sie mich auch über deutsche Klassiker belehren wollen ...“
„Keine Sorge, ich brauche nur drei Tage Sonderurlaub aus meinem Überstunden-Fundus. Meine Tochter ist mit Freunden von mir eine Woche an der Nordsee. Und ich möchte in dieser Zeit gern meinen Partner zu einem VDE-Kongress nach Berlin begleiten.“
„Machen Sie jetzt auch noch in Elektrotechnik?“
„Nein, für mich steht mehr Kultur auf dem Programm.“
„Hätt’ ich mir denken können. Und vermutlich ist bereits alles schon komplett gebucht, nicht wahr? Nach dem Motto: Der Chef wird’s schon absegnen. Ich sollte es Ihnen rein aus Prinzip abschlagen.“ Dr. Sowetzko sah sie dabei strafend, doch eher ein wenig gekünstelt strafend an.
„Ach nein, der Typ sind Sie absolut nicht“, erwiderte sie lächelnd.
„Wie bitte darf ich das verstehen? Etwa als Kompliment – aus Ihrem Munde? Das wäre ganz was Neues. – Ach, hauen Sie schon ab!“ Er wusste genau, dass sie im K21 alle notwendigen Maßnahmen für ihre Abwesenheit getroffen hatte und dass es dadurch keine Probleme geben würde. Doch wenn er geglaubt hatte, das Thema „Berlin-Trip seiner Hauptkommissarin“ damit abhaken zu können, sollte er später noch eines Besseren belehrt werden. –
Ganz schön anstrengend, dieses Berlin , dachte Marion, als sie im soeben frisch erworbenen figurbetonten schwarzen Blazermantel an der Philharmonie vorbeischlenderte in Richtung Potsdamer Platz. Ihre Füße schmerzten vom vielen Laufen, der Rücken meldete sich. Daher war sie geradezu dankbar, im Filmhaus das Kinoplakat „Trollflöjten“, Ingmar Bergmans filmische Version von Mozarts „Zauberflöte“, zu entdecken. Den Film wollte sie immer schon gern sehen. In wenigen Minuten sollte die nächste Vorführung beginnen. Wenn das kein Wink des Himmels war ...
Die Nachmittags-Vorstellung war an diesem Sonnabend nur mäßig besucht. Die Plätze links und rechts von ihr blieben zunächst frei, bis kurz vor Beginn, als das Licht im Saal schon fast verloschen war, mit vernehmlichem Ächzen eine stämmige männliche Gestalt sich neben sie setzte, sogleich eine Tüte mit billigen, nach Bratfett riechenden Kartoffelchips hervorkramte und sie mit lautem Rascheln aufriss. Musste sich der Kerl ausgerechnet hierhin setzen? Er stank zudem unangenehm nach Kneipe. Als er genüsslich und hörbar die Chips zwischen seinen Zähnen zermalmte und dabei ungeniert schmatzte, sah sie ihn hasserfüllt an. Er verkannte völlig die Empfindungen seiner Nachbarin und hielt ihr gönnerhaft die Tüte hin: „Woll’n ’Se ooch?“
Statt einer Antwort rückte Marion demonstrativ drei Plätze zur Seite und konzentrierte sich ganz auf den Film. Dennoch gelang es ihr nicht, die störenden Geräusche völlig zu überhören, die der widerliche Mann in allen denkbaren Variationen von sich gab. Irgendwann wurde er dann ruhig. Die Tüte war wohl endlich leer. Vielleicht war er auch eingeschlafen. Na, hoffentlich würde er nicht zu schnarchen beginnen!
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