Sarastro beendete im Film gerade seine große Arie „In diesen heil’gen Hallen“, da hörte sie neben sich ein dumpfes Knackgeräusch. Prüfend wandte sie den Kopf zur Seite und stutzte. Der Mann hing nach vorn gebeugt über die Lehne des Vordersitzes, den Kopf schlaff nach unten gerichtet. Die Filmszene wurde heller, und in dem schwachen Widerschein erkannte sie, dass irgendein länglicher Gegenstand in seinem Nacken steckte. Sofort rutschte sie zu ihm hinüber, um Näheres erkennen zu können. Und sie erschrak ...
Urplötzlich sprang sie auf, eilte zum Ausgang, sprach kurz mit einer Angestellten des Filmhauses und blieb mit verschränkten Armen am Ausgang des Saales stehen. Niemand käme mehr an ihr vorbei. Trotz der Unruhe lief die Vorstellung zunächst weiter, bis wenig später Polizei und Notarzt eingetroffen waren. Der Film wurde gestoppt und das Licht im Saal eingeschaltet. Niemand durfte den Raum verlassen.
Der Notarzt stellte den Tod des Mannes fest. Die Spurensicherung rückte an. Dann erschienen zwei Herren, die den Anwesenden verkündeten, sie seien von der Kriminalpolizei und müssten jeden einzelnen befragen sowie die Personalien aufnehmen. Der ältere der beiden stellte sich kurz als „Kommissar Bödecker“ vor, blickte kurz in die Runde und meinte: „Da fangen wir doch gleich mit der jungen Dame an, die am nächsten an dem Toten dran war.“
Doch die junge Dame hatte sich wieder dem Toten genähert und unterhielt sich angeregt mit dem Polizeiarzt und den Beamten der Spurensicherung. „Dem Mann wurde ein Messer in den Nacken gestoßen. Die Klinge traf den oberen Teil der Halswirbelsäule und verletzte dabei das Hals-Rücken-Mark. Der Tod trat vermutlich sofort ein. Der Stoß muss mit hoher Wucht erfolgt sein, da die Spitze vorn in Kehlkopfhöhe um etwa zwei Zentimeter austritt.“
„Das ist ja mehr als merkwürdig.“ Marion grübelte nach, wie das möglich sein konnte, wo sie doch quasi neben dem Mann gesessen hatte. Unmöglich, dass ein Fremder sich unbemerkt hätte anschleichen können, um dem Mann dieses Messer in den Nacken zu stoßen!
Der jüngere der beiden Kripobeamten trat hinzu, zog Marion ziemlich unsanft beiseite und ranzte Arzt und Spurensicherung an: „Die Ermittlungen gehen neugierige fremde Personen hier überhaupt nichts an! Was denken Sie sich eigentlich dabei?!“
Die neugierige fremde Person kramte ein grünes Plastikkärtchen aus ihrer Tasche und reichte es dem Beamten. Der schluckte erst mal, als er las: „Marion Zelenka – Hauptkommissarin – Kriminalpolizei Duisburg“.
„Määänsch!!“, rief er dann aus, dass alle im Saal irritiert zu ihnen herüber blickten. „Sie kamen mir gleich irgendwie bekannt vor. Damals unser Fortbildungs-Seminar in Köln! Erinnern Sie sich? Willkommen in Berlin! – Übrigens, ich bin Karsten Roloff.“
Bödecker hatte inzwischen mit der Geschäftsführung vereinbart, dass vor dem Kino jedes Aufsehen vermieden werden sollte. Die nächsten Vorstellungen mussten offiziell „wegen technischer Probleme“ ausfallen. Besucher, die schon vernommen worden waren und deren Personalien eindeutig feststanden, durften einzeln durch einen seitlichen Notausgang den Tatort verlassen. Der Kommissar war ebenso ratlos wie verärgert; denn keiner der Kinobesucher hatte irgendetwas gesehen oder gehört, - bis auf die Tatsache, dass die blonde Frau irgendwann ein paar Plätze von dem Opfer abgerückt war. „Lebte der Mann zu diesem Zeitpunkt denn noch?“ Niemand konnte diese Frage eindeutig beantworten.
Nun sah er mit Erstaunen, wie sich sein junger Kollege Roloff mit eben dieser Dame, die für ihn erst mal die Hauptverdächtige war, angeregt und offenbar sehr freundschaftlich unterhielt. Dem wollte er augenblicklich ein Ende setzen.
„Das ist eine Kollegin, Frau Zelenka aus Duisburg,“ erklärte Roloff.
„Na und?!“, knurrte Bödecker ebenso ärgerlich wie drohend. „Sie setzen sich jetzt vorne zu den anderen Kinobesuchern und warten, bis wir Sie aufrufen. Extrawürste gibt’s auf der Kirmes – hier nicht!“
Marion sah ihn spöttisch an. „Aua, verdächtigen Sie mich etwa?! – O verstehe, das müssen Sie ja. Steht so im Lehrbuch.“
Roloff zog sie beiseite. Er kannte seinen Kollegen als einen prima Kumpel, aber er wusste auch, dass er schnell nervös und ungenießbar wurde, sobald er in einem Fall nicht mehr weiter wusste. „Der ist nicht immer so,“ sagte er beschwichtigend, während Marion unbekümmert zu einem weißgekleideten Herrn ging, der sich gerade anschickte, vorsichtig dem Toten das Messer aus dem Hals zu ziehen.
„Stopp – stopp – stopp!“, rief sie. „Bringen Sie den Toten erst in die normale Sitzposition. So, wie er vermutlich dasaß, bevor ihn das Messer traf.“ Zwei Beamte schauten sich verdutzt an. War diese Frau neu in ihrem Kommissariat? Sie kamen der Aufforderung aber nach, und Marion überprüfte, unter welchem Winkel das Messer den Hals durchbohrt hatte. Ihr Blick verlängerte diesen Winkel, der schräg nach oben wies. Ein vager Verdacht befiel sie.
„Hat die ’n Gehörschaden?!“, schrie Bödecker wütend. „Was fällt der ein, unseren Leuten Anweisungen zu geben!“ Und noch lauter forderte er: „Halten Sie sich da gefälligst raus! Wir sind hier in Berlin und nicht im Ihrem Ruhrpott oder wo immer Sie herkommen mögen!“
Marion reagierte darauf wie gewohnt: was sie nicht hören wollte, das hörte sie auch nicht. Also ignorierte sie einfach die Anweisung, tat, als wäre dieser Bödecker gar nicht da, - ein für sie typisches Verhalten in solch einer Situation. Ihre Duisburger Vorgesetzten hätten manch garstig Lied darüber singen können.
„Und zeigen Sie mir bitte das Messer.“ Zum Kollegen Roloff gewandt fuhr sie fort: „Geben Sie mir ein Paar Handschuhe.“ Als Marion die blutige Tatwaffe in Händen hielt und sie akribisch genau betrachtete, schüttelte sie nachdenklich den Kopf. „Schauen Sie mal! Das ist mal ein ganz normales Küchenmesser gewesen. Nur, - es fehlt der Griff. Hier an den Bohrungen war mal der Griff befestigt. Frage: Wo ist er jetzt? Ohne Griff damit zuzustechen, birgt für den Täter selbst eine Verletzungsgefahr. Ist der Griff bei der Ausführung der Tat abgefallen, läge er vielleicht hier irgendwo herum? Womöglich mit verwertbaren Fingerabdrücken des Täters?“
„Wir werden jeden Zentimeter des Fußbodens absuchen,“ beeilte sich Roloff zu versichern.
„Immer schön der Reihe nach. Mir fällt noch etwas viel Interessanteres auf: Die gesamte Klinge ist mit schwarzer Farbe überzogen und zwar auch dort, wo sich mal der Griff befand. Haben Sie ’ne Ahnung, warum die Tatwaffe komplett geschwärzt wurde?“
Er überlegte eine Weile, ehe ihm ein Licht aufging: „Klar. Wegen der Lichtreflexe. Andere Besucher wären womöglich auf die Handbewegung mit der blitzenden Klinge aufmerksam geworden.“
Marion nickte. Unbemerkt hatte sich währenddessen Kommissar Bödecker herangeschlichen und hielt einen gelben Gartenhandschuh hoch. „An der Innenfläche sind Spuren schwarzer Farbe,“ sagte er triumphierend. „Sollte mich nicht wundern, wenn es die gleiche Farbe ist wie die an der Tatwaffe.“
„Mit so einem dicken Handschuh könnte der Täter die Klinge auch ohne Griff seinem Opfer in den Hals gestochen haben,“ sinnierte Roloff.
„Genau.“ Bödecker sah Marion mit überlegenem Grinsen an: „Der Handschuh ist einer der kleineren Sorte, - wie Damenhände ihn bevorzugen. Soll ich Ihnen verraten, wo wir ihn gefunden haben? – Ausgerechnet unter Ihrem Sitz, gnädige Frau! – Und jetzt fordere ich Sie zum letzten Mal auf, sich da unten still irgendwo hinzusetzen und bis zu Ihrer Vernehmung zu warten. Wir werden Sie aufrufen.“
Marion lachte kurz spöttisch auf und hielt ihm die Tatwaffe entgegen. „Kümmern Sie sich lieber um diese nachträglich eingefeilte Kerbe am Ende des Griffstücks. Die Kerbe gehört nämlich nicht dahin, aber sie könnte für die Tat wesentlich gewesen sein.“
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