Zuletzt hatten Frau Hecker, der angetrunkene Franz Weigel und der von der Arbeit kommende Martin Kranicz Britta im Treppenhaus lebend gesehen, ehe der Hausmeister Schöllmann das Mädchen mit zertrümmertem Schädel im Fahrradkeller entdeckte und die Polizei benachrichtigte. Zu dieser Zeit war Britta schon über eine Stunde lang tot.
Am auffälligsten hatte sich Jo Rohrbach, Brittas Vater, am Tatort benommen. “Dieses gefühlskalte Pokerface”, sinnierte die Kommissarin. Stumm, mit versteinertem Gesicht hatte er dagestanden, alle Fragen nur mit einem Achselzucken beantwortet, als ginge ihn dieses grausame Verbrechen nichts an. Den scheußlichen Anblick des toten Mädchens konnte er als einziger offenbar emotionslos ertragen. Während Marion vom Verhalten dieses Mannes angewidert war, konstatierte der Polizeiarzt ein schweres Trauma und wies ihn zunächst zur Beobachtung in eine Klinik ein.
“Er war zur Tatzeit angeblich nicht im Hause, sondern auf dem Weg zu seinem Angler-Platz an den Ruhrauen. Zeugen gibt’s dafür keine. Er könnte zurückgekommen sein, wäre gleich in den Keller gegangen, um ...“, murmelte Marion vor sich hin und wanderte dabei grübelnd in dem menschenleeren Großraumbüro auf und ab.
Dabei ging ihr das Schicksal ihrer eigenen Tochter Svenja nicht aus dem Sinn, die vor Jahren das Opfer einer Vergewaltigung wurde. Sie selbst wurde Zeugin dieses Verbrechens und davon, dass der Täter ihr damaliger Lebenspartner Arno war, - ausgerechnet er, der sich zuvor so väterlich fürsorglich gezeigt hatte, obwohl er nicht Svenjas leiblicher Vater war. – Wieder ’n Stiefvater , kam es ihr in den Sinn, doch schüttelte sie diesen Gedanken sogleich als unzulässiges und gefährliches Vorurteil von sich ab. Aber - Brittas Mutter lag derzeit mit einem komplizierten Oberarmbruch im Krankenhaus; Rohrbach war also mit dem Kind allein zu Hause. Genau wie damals Arno mit Svenja. Und er hatte für die Tatzeit kein verwertbares Alibi. Aber das hatten die anderen Hausbewohner auch nicht, einschließlich des Hausmeisters Karlheinz Schöllmann.
Am nächsten Morgen erhielt Marions Misstrauen unerwartet neue Nahrung. Ihr Mitarbeiter und Stellvertreter Gerd Petzold wusste einige neue Details zu berichten: „Also, das Mädchen wurde am Tatort nicht sexuell missbraucht. Kampfspuren von nennenswerter Gegenwehr sind auch nicht zu erkennen. Tatwerkzeug war ein stumpfer Eisengegenstand, ein dicker Hammer, ein Beil oder etwas Ähnliches. Die Rechtsmedizin hat Rostspuren in der Kopfwunde des Mädchens gesichert. Die Tatwaffe konnten wir allerdings bisher nicht finden.“
Marion runzelte die Stirn. „Ein eiskalt geplanter Totschlag?“
„Nicht auszuschließen“, erwiderte Petzold. „Die Britta wollte offenbar ihr Fahrrad aus dem Keller holen. Leider wissen wir nicht, wohin sie wollte. Sie ist übrigens ein Adoptiv-Kind. Frau Rohrbach kann keine Kinder bekommen. Und noch etwas: Die knapp Vierzehnjährige war keine Jungfrau mehr.“
„Heutzutage leider nichts Ungewöhnliches“, meinte Marion nur. “Etwas über die Ehe der Rohrbachs erfahren?”
“Kann man so sagen“, erwiderte Petzold, “entweder gab’s lautstarken Streit oder eisiges Schweigen. So etwa seit einem Jahr. - Sie soll angeblich damals eine Affäre gehabt haben. - Das wusste jedenfalls Frau Hecker zu berichten. Alle Aufmerksamkeit soll Vater Rohrbach seitdem nur seiner Adoptiv-Tochter Britta geschenkt haben, tat angeblich alles für sie, soll sie geradezu vergöttert haben. Ansonsten geht er öfter zum Angeln, meist mit seinem Kumpel, dem Martin Kranicz.”
Wieder beschlich Marion ein mulmiges Gefühl. Schmerzhafte Erinnerungen wurden wach. War Britta vielleicht über längere Zeit zuvor missbraucht worden? - Wollte sie sich nun der Mutter, der Polizei oder einer anderen Vertrauensperson offenbaren? - Wollte der Täter dies im letzten Augenblick verhindern, und musste Britta deshalb sterben? - Welch andere Motive gäbe es sonst noch, dieses junge Mädchen einfach so brutal zu erschlagen? - Raub oder ein Vergewaltigungs-Versuch schieden offensichtlich aus. Und bei der Tat gestört wurde der Täter auch nicht. - Oder war es vielleicht doch ein Wahnsinniger, der auch jeden anderen da unten im Keller erschlagen hätte. Britta als das Zufallsopfer eines gefährlichen Psychopathen? Als gewissenhafte Kriminalbeamtin durfte Marion auch dies nicht ausschließen, glauben mochte sie an diese Möglichkeit freilich nicht.
Petzold hatte noch einiges mehr recherchiert. “Die gute Frau Hecker ist sehr redselig. Ihr Mann ist übrigens zur Zeit auf Montage in Nürnberg. - Der Franz Weigel über ihr trinkt sich gern einen, schaut jedem Weiberrock nach und schleppt öfter irgendwelche Frauen an, dann geht’s da wohl manchmal hoch her. Hat keine Vorstrafen, ist auch sonst nicht durch Schlägereien oder Brutalitäten auffällig geworden. - Der Martin Kranicz aus der zweiten Etage ist seit zwei Jahren geschieden, wohnt dort allein und ist mit Jo Rohrbach eng befreundet. Die beiden waren früher Arbeitskollegen, heute angeln sie oft gemeinsam. Ruhrauen. Kranicz ist Kranführer im Ruhrorter Hafen. Ist eher so der ruhige Typ, auch keine Vorstrafen und ...“
“Mensch,” unterbrach ihn seine Chefin, „die Heike Boritzki sollte längst hier sein.” Sie schaute auf die Uhr. Bereits vor vierzig Minuten hätte sie hier ihre Aussage machen sollen. Die Kriminalisten hatten sie als beste Freundin des ermordeten Mädchens ermittelt und erhofften sich nun von einer Befragung tiefere Einblicke in Brittas Privat- oder sogar Intimleben.
Petzold griff zum Telefon.
“Sorry, nimmt keiner ab. Vielleicht ist sie ja unterwegs zu uns. - Ich hab mir übrigens auch mal den Hausmeister, diesen Karlheinz Schöllmann, näher angesehen. Er hat ja die Tote gefunden. Dabei ist mir in seiner Wohnung aufgefallen, dass man dort sehr deutlich ein dumpfes Geräusch hört, wenn die Kellertür zufällt. - Mit der Britta hat’s schon öfter deswegen Ärger gegeben, weil sie die Tür nie leise von Hand schloss, sondern über den Federmechanismus immer laut zuknallen ließ. - Der Schöllmann hat sich darüber schon über die Maßen aufgeregt und unflätig im Hausflur herum gebrüllt, - sagt unsere aufmerksame Frau Hecker. Seine Frau soll ihn vor ein paar Wochen verlassen haben. Er gilt als unfreundlicher, grobschlächtiger Griesgram und in bestimmten Situationen als unberechenbarer Choleriker, hat drei Vorstrafen wegen Körperverletzung bei Kneipen-Schlägereien, und er soll auch seine Frau früher öfter geschlagen haben, - sagt Frau Hecker.”
„Türenknallen als Mordmotiv hatten wir zwar bisher noch nicht“, meinte die Hauptkommissarin zweifelnd.
Petzold druckste ein wenig herum. „Da ist noch etwas: Vor ’nem halben Jahr etwa gab’s diesen denkwürdigen Prozess um die angebliche Nutte, die aber wohl keine war. Der angetrunkene Schöllmann soll mit ihr Oralsex gehabt haben, - freiwillig oder unfreiwillig, das wurde nie geklärt. Und äh ... na ja, der Rest ist dir bestimmt noch in Erinnerung. Stand ja in allen Zeitungen.“
„Keine Spur.“ Marion zuckte hilflos mit den Schultern. „He, was liest du denn für Zeitungen?“
„Ach, weißt du garantiert. Tu nicht so ...“ Petzold schien es nicht aussprechen zu wollen. „Die Klatschblätter und Illustrierten waren voll davon. Hast du bestimmt irgendwo gelesen, beim Frisör zum Beispiel.“
„Zum Frisör nehme ich mir allenfalls etwas zu lesen mit. Schließlich will ich da meinen Kopf verschönern und nicht verblöden lassen. Also, welchen Zusammenhang gibt’s da mit unserem Fall?“
Petzold war es peinlich, seine Chefin in dieser Angelegenheit aufklären zu müssen. „Die Frau hat sich angeblich heftig gewehrt und ihm dabei etwas von – nun ja – seinem besten Stück abgebissen.“
In Marions Gesicht zeigte sich keinerlei Regung, als sie kriminalistisch korrekt und ohne innere Beteiligung antwortete: „Das müssen wir auf jeden Fall bedenken. So etwas soll einen Mann ziemlich verändern, - nicht nur äußerlich.“
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