Die genaue Zusammenstellung der Inhaltsstoffe nicht zu kennen, macht mich fertig und ist beängstigend.
Zumindest klang die Geschichte meiner Eltern, das Etikett müsse beim Versand verlorengegangen sein, nur beim ersten Mal halbwegs glaubwürdig.
Das Püppchen mag vielleicht die eine oder andere Macke haben, aber dämlich ist es nicht. Zumindest verneble ich mir seit Jahren mit unzähligen dieser Asthma-Pfeifen die Sinne – und auf keiner war bisher ein Etikett dran.
Ich stelle mir den Beipackzettel, der mir ebenfalls vehement vorenthalten wird, vor. Informiere mich vor meinem geistigen Auge über abartige Nebenwirkungen und lese den Hinweis, dass das Präparat abhängig macht.
Adrenalinausschüttung – Pulsrasen – Schnappatmung – Pupillenerweiterung – Schweißausbruch.
Der Vorhang der nächsten Vorstellung wird hochgezogen und ich erkenne eine neue Figur im Puppentheater. Eine riesige Spritze, die Fahrt aufnimmt und nur ein Ziel kennt: Den bleichen, verängstigten Junkie-Püppchenpopo.
Erneut drohe ich, vom Sog der Abwärtsspirale erfasst zu werden. Ich sehe das zappelnde Püppchen, wie es auf die Knie sinkt, um um Erbarmen zu flehen und den Puppenspieler, der den Inhalator herablässt, nur um ihn immer im letzten Moment wegzuziehen, bevor das Püppchen ihn erreichen konnte. So als würde er mir eine Karotte hinhalten, damit ich immer weiter seinen vordefinierten Weg beschreite.
Adrenalinausschüttung – Pulsrasen – Schnappatmung – Pupillenerweiterung – Schweißausbruch.
Beschämt gebe ich mich geschlagen und schnappe nach dem Inhalator, der die Leine des Strippenziehers – zumindest vorübergehend – lockern wird.
Dabei stelle ich mich so ungeschickt an, dass ich den Inhalator vom Fensterbrett stoße. Liegt vielleicht auch an den übergroßen Topflappen, die ich über den Baumwollhandschuhen trage, um mich nicht irgendwo zu verbrühen – oder am Frost der Scheibe hängenzubleiben, was ich soeben als Zusatznutzen identifiziere.
Das silbern schimmernde Plastik streift im freien Fall die Schatten der Rinnsale der Regentropfen, bevor es scheppernd auf dem Boden auftrifft und seine Einzelteile in alle Richtungen verstreut.
Das Klackern, der über den Boden tanzenden Teile der Pfeife, die mir einen kurzen Moment des Friedens bescheren hätte können, hallt in meinem Kopf nach. Das Lachen des Puppenspielers ebenso, der mir heute wohl keine Pause gönnt.
Mir stockt der Atem. Mein kurzer Moment der Abnabelung, der zum Greifen nahe war, ist nun mit Schmutzpartikeln des Bodens kontaminiert.
So kann ich sie nicht mehr verwenden. Das geht nicht. Darüber hinaus würde mich der Zusammenbau der Teile gefährden.
Ich bin in hellem Aufruhr, habe Probleme, klar zu denken. Jemand muss sie aufheben und desinfizieren. Unter meiner Aufsicht, versteht sich.
Nein, warte, das geht nicht. Ich muss das selbst machen. Niemand sonst vermag es, mit der richtigen Besonnenheit und dem Fingerspitzengefühl vorzugehen, das es braucht, um so eine Aktion durchzuführen. Und ich fasse das Ding bestimmt nicht mehr an.
Daher gibt es nur eine Möglichkeit: Ein neuer Inhalator muss her.
Sie befinden sich im Arzneischrank, der für mich ungefähr so unerreichbar ist, wie die Unabhängigkeit vom Puppenspieler für das Holzpüppchen.
Meine Mum schließt sie darin weg – rationiert sie, damit ich nicht – ich zitiere wörtlich: „ Nur noch durch dieses Ding atme. “
Sie hat mich damit in der Hand.
Manchmal beschleicht mich das ungute Gefühl, sie würde mit dem Puppenspieler unter einer Decke stecken. Das würde zumindest ihre mehr als übertriebene Reaktion auf meine Bitte erklären, die Atemluft meines Zimmers mit dem Mittel zu versetzen.
Die Kürzung meiner wöchentlichen Ration bestätigte dafür meinen ersten Verdacht, sie könnte mehr über die Substanz wissen als ich. Der Einwand, dass es ja eigentlich ihre eigene Idee gewesen sei „ nur noch durch dieses Ding zu atmen “, hat eine Buchführung ins Leben gerufen, mit der sie meinen Verbrauch seitdem mit Argusaugen überwacht und penibelst aufzeichnet.
Es ist ein erschreckend banaler Gedanke, keine Angst mehr zu empfinden zu wollen und für jemanden wie mich, der jeden Tag ums nackte, horrormäßige Überleben kämpft, doch mehr als erstrebenswert.
Normal sein – ja, das wärs.
Ich seufze lautstark und erschrecke vor dem Geräusch.
Logophobie – Angst, einen Ton von sich zu geben.
Doch, selbst wenn der Arzneischrank sperrangelweit offenstehen würde – ich bin zu klein, um die Pfeifen zu erreichen. Eine Leiter kommt nicht infrage, denn ich hab Höhenangst – Acrophobie .
Daher ist es auch jedes Mal aufs Neue ein Nervenkitzel, mich ans Fenster zu setzen, das mich magisch anzuziehen scheint.
Ich könnte in die Tiefe stürzen – irreparable Schäden am Schädel erleiden. Aber etwas in mir sagt mir, dass das bei mir vielleicht schon der Fall sein könnte.
Adrenalinausschüttung – Pulsrasen – Schnappatmung – Pupillenerweiterung – Schweißausbruch.
Mein Kopf sackt mutlos auf meine Brust. Vielleicht bin ich als Kind vom Wickeltisch gefallen. Das wäre zumindest eine plausible Erklärung für mein absonderliches Verhalten.
Ich schließe die Augen, denn jetzt kommt wieder der Teil, für den ich mich schäme.
„ Mum “, krächze ich weinerlich in die Richtung der Sprechanlage, die ich durch Drücken eines Knopfes aktiviert habe. Zu meiner Verteidigung – dieser Raum ist schalldicht und irgendwie muss ich doch mit meiner Außenwelt kommunizieren, wenn ich mich hier drin abschotte.
Mein Hilferuf bleibt unbeantwortet.
„ Kunststück, es ist drei Uhr morgens. Die schlafen alle. Du bist also allein und niemand wird dich hören “, verhöhnt mich der Puppenspieler schadenfroh.
Okay, dann lauter. Das ist schließlich ein Notfall.
„ Mum!!! “
Stille.
Dann nochmal.
„ MUM!!! “
Stille.
Isolohobie: Angst, alleine zu sein .
Beim Püppchen hat erneut Schnappatmung eingesetzt, während es schluchzend an seinen Fäden zerrt und um Gnade winselt, doch der Puppenspieler lässt nicht los.
Niemals.
Der Puppenspieler gewinnt. Jedes Mal.
Wieso hört sie mich denn nicht? Vielleicht ist auch schon wieder der Akku vom Gegenstück leer. Das passiert ihr ständig. Oder sie hat es wiedermal in der Küche stehenlassen, anstatt es – wie von mir aufgetragen – immer bei sich zu tragen. Dazu ist schließlich die Schlaufe, die daran befestigt ist, da.
Nie ist sie darüber erreichbar. Manchmal glaube ich, sie macht das absichtlich.
„ Stell dich deiner Angst “, hat sie mir eingetrichtert.
Als ob das so einfach wär. Darüber hinaus, was bedeutet das überhaupt? Sich seiner Angst stellen , meine ich.
Ich stelle mir vor, wie das Püppchen die herab baumelnden Fäden ergreift, um daran hochzuklettern. Bis ganz nach oben, wo der Puppenspieler an den Enden der Schnüre wartet, um sich ihm entgegenzustellen. Kurz schafft es das Püppchen, ihn wutentbrannt anzufunkeln, bevor dieser in Gelächter ausbricht, Zeigefinger und Daumen spitzt, nur um es zurück auf die Bühne zu schnippen, wo es seinen aufgezwungenen, holprigen Stepptanz weiter vollführt.
Ich kann das nicht.
Der Puppenspieler gewinnt immer.
Ich bin anders.
Und da ist schon wieder das zweite Gefühl, das an meine Angst gekoppelt zu sein scheint: Die Scham.
Ob sich meine Eltern auch für mich schämen? Nicht, dass sie das immerwährend beteuern würden, schließlich müssen sie mich doch hinnehmen, wie ich bin. Sie können mich ja schlussendlich nicht mehr zurückgeben, wie es bei einer kaputten Puppe der Fall wäre, die nicht mehr „ Ich hab dich lieb, Mummy und Daddy “ trällert, wenn man sie drückt.
Читать дальше