Mein Blick driftet ab, schwenkt auf meine Hände, die nun fest in die Bettdecke gekrallt Halt suchen. Darauf zeichnet sich das Muster der Regentropfen ab.
Ein Schattenspiel, das etwas grausam Schönes an sich hat.
Es sieht so aus, als ob Tränen wie dünne Rinnsale meine Arme entlanglaufen würden. Dabei hinterlassen sie diese langgezogenen Muster, die mich unweigerlich an Schlangen und Würmern erinnern.
Herpetophobie: Angst vor Kriechtieren .
Allein die blanke Vermutung, wie es sich anfühlen muss, wenn sie an mir empor kriechen, lässt meine Nägel fest in meine, durch reine Baumwolle behandschuhten, Handinnenflächen graben.
Adrenalinausschüttung – Pulsrasen – Schnappatmung – Pupillenerweiterung – Schweißausbruch.
Der eingebildete Schmerz löst die Angst aus, mich selbst zu verletzen – Amychophobie.
In meinem Kopf werden die Rinnsale lebendig. Ich spüre förmlich die Feuchtigkeit an meiner Haut, die unerbittlich in die Richtung meiner Handinnenflächen kriecht, sich ihren Weg über meine imaginären, offenen Wunden sucht und in meinen Blutkreislauf eindringt. In dem endlosen Strom stößt sie bis in den letzten Winkel meines Körpers vor, löst Infektionen aus, die mich krank machen.
Ich sehe das Püppchen vor meinem geistigen Auge – die hochroten Bäckchen vom Fieber zerfressen – Pyrexiophobie . Das Fieberthermometer im Mund, dessen Flüssigkeit an der Spitze herausplatzt, so hoch ist es.
Adrenalinausschüttung – Pulsrasen – Schnappatmung – Pupillenerweiterung – Schweißausbruch.
Gerade eben will ich aus meiner eigenen Haut fahren, was natürlich zum Scheitern verurteilt ist.
Ich klammere mich an den Strohhalm, dass ich meine Hände mitsamt Nägel gefühlte hundertmal am Tag desinfiziere und sie immer bedeckt trage. Nicht nur, wenn ich den Raum verlasse.
Bacteriophobie: Angst vor Bakterien .
Gegen meinen Willen muss ich mein Zimmer in regelmäßigen Abständen verlassen. Dazu zwingen mich meine Eltern, um nicht – ich zitiere wörtlich: „ Mit mir und meiner Angst den ganzen Tag allein zu sein “.
Als „Kamerad“ soll mir übrigens dieses überaus hässliche, rosa Stofftier-Einhorn mit durchsichtigen Glitzerflügeln dienen, das auf dem Nachttisch neben meinem Bett steht.
Nur die Tatsache, dass es mir mein Dad geschenkt hat und ich ihn nicht verletzen will, hat mich bis jetzt davon abgehalten, es für immer spurlos verschwinden zu lassen.
Dabei gibt es hunderte, verlockende Szenarien in meinem Kopf, wie ich es angestellt hätte. Eines hässlicher als das andere.
Ich hasse Stofftiere, weil sich in ihnen Feinstaub – Amathophobie – anreichert und sie etwas für Hasenfüße sind, die Angst davor haben, allein zu sein.
Gerade stelle ich mir den Puppenspieler als rosa Einhorn vor, das mich aus den total überzeichneten, viel zu groß geratenen Kulleraugen doof anglotzt.
Egal wo ich mich im Raum befinde, es scheint so, als würde es mich immer direkt anstarren.
Echt gespenstisch. Da ist es kaum überraschend, dass es mir noch mehr Angst macht, anstatt mir zu helfen.
Was eigentlich wieder ein Paradebeispiel dafür ist, wie wenig mich meine Eltern doch kennen.
Schnell wende ich den Blick ab und scheitere dabei, einen gequälten, von mehreren Ängsten genährten Laut zu unterdrücken. AAAhhhhh . In einer letzten, verzweifelten Geste kralle ich meine Hände in meine Kapuze.
Ich könnts nicht genau beschwören, aber gerade ist es, glaube ich, die Angst vor der Angst selbst – Phobophobie – die mich einnimmt.
Mir wird klar, dass ich mich geradewegs in der Abwärtsspirale befinde. So nenne ich den Zustand, wenn eine Angst der anderen die Türklinke reicht. Das geht immer so weiter – wie eine unaufhaltbare Kettenreaktion.
Ich denke an die heutige Bühne des Puppenspiels. An fallende Dominosteine. Daran, dass das Püppchen ganz winzig ist und am Ende der Kette steht. Die Vorstellung, dass in dem Moment dieser riesige, letzte, schwarze Stein mit den weißen Pünktchen kippt, um den Winzling darunter zu zerquetschen droht, raubt mir beinahe den Verstand.
Asthenophobie: Angst vor Schwäche .
Adrenalinausschüttung – Pulsrasen – Schnappatmung – Pupillenerweiterung – Schweißausbruch.
Die Abwärtsspirale zieht mich runter. Bedingungslos. Immer tiefer reißt mich der Strudel in die Tiefe – wie Treibsand.
In meiner Vorstellung bin ich nun in der Wüste und drohe zu verdursten. Die Sonne knallt unbarmherzig auf meine Haut herab – hinterlässt schmerzende Brandblasen.
Adrenalinausschüttung – Pulsrasen – Schnappatmung – Pupillenerweiterung – Schweißausbruch.
Stopp! Hör auf zu denken , befehle ich mich selbst. Ein letzter Selbstversuch, Kontrolle über meine Gefühle zu erlangen, der wie immer zum Scheitern verurteilt ist.
Der Puppenspieler gewinnt immer.
Das war immer so und wird auch immer so sein. Nur abfinden kann ich mich damit einfach nicht. Obwohl der Kampf aussichtslos erscheint, ziehe ich jeden Tag aufs Neue in die Schlacht, um mir meine Niederlage zu holen.
Dennoch verzeichne ich einen kleinen Teilerfolg, denn ich schaffe es, mich aus der Starre zu befreien.
Panisch schießt meine Hand in die Richtung, in der ich meinen Rettungsanker vermute, den ich gerade durch tapsige, unkoordinierte Bewegungen verfehle und geradewegs ins Leere greife, weil das Püppchen nun seine erschrockenen Kulleraugen wieder so fest geschlossen hält, dass es Angst hat, seine Augäpfel könnten dem Druck nicht mehr länger standhalten. Bei dem Gedanken reiße ich die Lider wieder auf.
Alles in mir sträubt sich, nach dem Rettungsring zu greifen, aber ich stecke zu tief im Abwärtsstrudel, um mich daraus aus eigener Kraft zu befreien.
Ab jetzt gibt’s nur eins, um daraus zu entkommen: Und es befindet sich im Halbdunkeln vor mir – griffbereit auf dem Fensterbrett stehend und macht mir weit mehr Angst als alles andere.
Adrenalinausschüttung – Pulsrasen – Schnappatmung – Pupillenerweiterung – Schweißausbruch.
Das Plastik des geraden Mundstücks des Inhalators, wie ihn auch Asthmakranke benutzen, schimmert im Mondlicht – lässt es beinahe silbern erscheinen.
Meine Hände zittern bei dem Gedanken, dass der pulverisierte Wirkstoff, der sich darin befindet, einem modernen Chemielabor entsprungen sein könnten, das jegliche Hygienevorschriften missachten könnte. Das, was das Zeug in meinem Körper alles anrichten könnte, muss ich wohl oder übel in Kauf nehmen.
Alles, was ich darüber weiß, ist, dass die Substanz darin vorübergehend mein Angstzentrum betäubt und meine Fesseln, zumindest kurzzeitig, vom Puppenspieler zu lockern vermag. Aber das, was mir Abhilfe verschaffen kann, ist ebenfalls ein Instrument, mit dem er mich quält.
Es läuft immer nach seinen Spielregeln ab: Ich will es nicht benutzen. Es ist ein Zeichen von Schwäche und ich schäme mich dafür, immer gezwungen zu sein, darauf zurückzugreifen.
Als wär ich ein Verrückter, der seine Persönlichkeit mit Psychopharmaka dämpfen muss, um gesellschaftsfähig zu sein. Denn seien wir uns doch mal ehrlich, genau das ist es, was da drin ist, auch wenn ich es nicht genau weiß.
Der Inhalator beschert mir so eine Art Verschnaufpause zwischen dem ersten und zweiten Akt der Vorstellung und ist unter anderem die Voraussetzung, die es mir möglich macht, mein Zimmer überhaupt verlassen zu können.
Aber ich will das nicht. Will nicht von einem mir gänzlich unbekannten Medikament – Nopharmaphobie – abhängig sein, um Dinge zu tun, die für die meisten Menschen alltäglich sind. Dinge, an die sie nicht mal einen klitzekleinen Gedanken verschwenden würden.
‚ Aber du bist nicht wie die meisten Menschen: Du bist anders ‘, reibt mir der Puppenspieler unter die Nase.
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