Vivien hat aber außerdem Witz und Charme. Und sie ist intelligent. Sein Status als Erfolgsautor scheint sie nicht allzu sehr zu beeindrucken, ja, manchmal scheint sie sich sogar fast ein wenig über ihn lustig zu machen, was ihm gefällt.
Gleichzeitig ist sie aber eine der wenigen, die sich wirklich für seine Arbeit als Autor zu interessieren scheint, und in ihm nicht nur den Prominenten sieht. Imponiert hat ihm ihre Aussage, dass es ihrer Meinung nach gar keine Bestsellerautoren gebe, sondern bloß Autoren. Schließlich würden Bestseller von Lesern gemacht, nicht von Autoren. Man müsse also wohl eher von Bestsellerlesern sprechen.
Limbach ist zunächst ein wenig verblüfft gewesen, hat dann aber zugeben müssen, dass diese Sichtweise nicht ganz abwegig ist. Seine Dankbarkeit, ja Demut, angesichts des Glücks, das ihm gleich mit seinem ersten Buch widerfahren ist, hat sich daraufhin noch einmal verstärkt.
Limbach parkt den Lambo in einer Seitenstraße und betritt das Lokal. Es ist mittelprächtig besetzt, dennoch ist sein Lieblingsplatz nicht frei, was seine schlechte Laune noch verstärkt. Er muss mit einem Platz direkt neben dem Eingang vorliebnehmen. Vivien sieht ihm gleich an, dass etwas nicht stimmt.
„Moin. Was is‘n dir denn für ‚ne Laus über die Leber gelaufen?“, will sie wissen.
„Moin. Kann‘ jetzt nicht drüber reden, brauch‘ erst ma ‚n Frühstück“ brummt Limbach ungewohnt einsilbig.
„Okay, kommt sofort. Wie immer, ja?“
„Hm.“
Nach einer ordentlichen Portion Rühreier mit Speck, dazu drei Brötchen mit Wurst, Käse und Marmelade, einem Glas Orangensaft, zwei Bechern Kaffee und einem kurzen Blick in die Blöd-Zeitung ist er dann langsam so weit, dass er kommunizieren kann. Vivien hat sich auf seine Bitte hin kurz zu ihm an den Tisch gesetzt, um ihm zuzuhören. Sie hat kurze, braune Haare, braune, lebhafte Augen, ist mittelgroß, macht einen sportlichen, durchtrainierten Eindruck. Limbach findet sie sehr anziehend.
Er sitzt schweigend da.
„Was‘n nu?“
„Hm?“
„Was ziehst‘n so ‚ne Fresse?“
„Ich hör auf.“
„Womit?“
„Mit dem Schreiben.“
„Ach!“
„Ich schwör‘s.“
„Und warum? Hasses nich‘ mer nötig, oder was? Quillt dein Konto über?“
„Nee, Quatsch. Aber es is‘ sinnlos. Absolut sinnlos. In diesen Zeiten. Und vor allem in diesem Land. In diesem unseren Lande.“
„Aha. Und warum?“
„Weil die Leute von mir nichts mehr lesen wollen.“
„Kommstn‘ jetzt darauf? Bisher hatte ich aber einen ganz anderen Eindruck. Und nicht nur ich.“
„Bisher. Und das war Zufall. Ein Versehen. Eine Panne, sozusagen. Und es war bestimmt das letzte Mal. Das wird mir mit Sicherheit kein zweites Mal gelingen.“
„Das kannst du gar nicht wissen. Der Leser ist der Souverän, der entscheidet. Das weißt du doch.“
„Und genau das ist das Problem. Der Leser ist launisch, extrem launisch.“
„Aber er hat sich schon einmal für dich entschieden. Vielleicht tut er‘s ein zweites Mal.“
„Komm, ich war nie Viva-Moderator, bin kein Schauspieler, kein Friseur und erst recht kein Fußballer.“
„Hä?“
„Auch kein Koch.“
„Na und?“
„Und Pornodarsteller sowieso nicht.“
„Bitte?“
„Das sind nun mal die angesagten Leute, heutzutage. In diesem unseren Lande. Dass ich überhaupt einen Verlag gefunden habe damals, grenzt schon an ein Wunder.“
„Also, dann freu‘ dich doch umso mehr! Stefan, ganz ehrlich, ich versteh‘ dein Problem nicht ganz. Ich muss dann auch wieder …“
Vivien macht Anstalten, aufzustehen. Limbach hält sie zurück. Er sieht ihr in die Augen. Sie sieht wirklich verdammt gut aus. Ihm fällt ein, dass er eigentlich so gut wie nichts über sie weiß.
Und doch bespricht er gerade mit ihr sein zurzeit größtes Problem. Wieso? Ist sie eigentlich hauptberufliche Bedienung? Oder vielleicht Studentin und jobbt hier nebenbei? Oder vielleicht Praktikantin? Oder die Tochter des Chefs? Oder was? Eigentlich ziemlich unhöflich, immer nur von sich zu reden, und nie etwas zu fragen. Außerdem dämlich. Limbach beschließt, das demnächst zu ändern.
Demnächst.
„Also?“
„Also was?“
„Stefan, bitte! Was is‘ nu dein Problem?“
„Also gut.“
Limbach erzählt Vivien von dem ungeheuerlichen Vorgang auf der Bestsellerliste. Dass eine „seit fünf Jahren dreißigjährige Silikon-Blondine mit Körbchengröße 75 G (‚Kann man da eigentlich noch von Körbchen sprechen?‘) aus der Pornobranche es geschafft habe, mit ihrer notdürftig als Roman getarnten Lebensgeschichte (‚Dreck!‘) aus dem Stand heraus auf Platz eins zu kommen. Und ihn von dort zu verdrängen.“ Dabei vermeidet es Limbach peinlichst, den Namen der Frau in den Mund zu nehmen und spricht von ihr immer nur als „Pornoschlampe“.
Vivien ist kurz davor, lauthals loszuprusten. Was Limbach, der eigentlich mit hochsensiblen Antennen ausgestattet ist, nicht bemerkt.
„Verstehst du mich jetzt?“
Vivien bewahrt mühsam Fassung.
„Ehrlich gesagt, so ganz immer noch nicht. Die Leute lesen halt einfach, was sie wollen und was sie interessiert. Und es interessiert sie halt, mit wem die…“
„Bitte sprich‘ den Namen nicht aus!“
„…so alles in der Kiste war…“
„Widerlich! Allerunterste Kategorie!“
„Sollen ja auch einige Prominente dabei gewesen sein. Zum Beispiel dieser eine Fernseh-Moderator… Dieser große, blonde…“
„Na und?“
„Mein ja bloß.“
„Der kackt auch bloß braun!“
„Schon klar. Aber er is‘ halt prominent.“
„Du hast das Buch gelesen!“
„Nein, hab‘ ich nicht! Ich hab‘ bloß einen Bericht darüber gesehen, auf RTL. Gelesen hab‘ ich‘s nich‘. “
„Ehrlich?“
„Großes Indianer-Ehrenwort!“
Vivien hebt die Hand feierlich zum Schwur.
Limbach ist erleichtert. Zunächst. Aber schon im nächsten Moment sieht er sie unsicher an.
„Aber du wirst es lesen.“
Vivien verdreht amüsiert die Augen.
„Kann schon sein. Wenn du so weitermachst, werd‘ ich noch richtig neugierig.“
„Ich wusste es!“
„Wenn es so viele Leute lesen, muss doch was dran sein, oder nicht?“
Vivien grinst sadistisch. Sie will Limbach auf den Arm nehmen. Seine Antennen versagen ein weiteres Mal. Eine ganze Weile sitzt er schweigend da. Der Satz hat ihn getroffen. Den Schalk in Viviens Blick hat er übersehen. Hätte er ihn bemerkt, wäre er insgesamt in besserer Verfassung gewesen, hätte er womöglich cool gekontert und etwas in der Art von „Esst Scheiße, Millionen Fliegen können sich nicht irren“, oder so gesagt.
So sagt er bloß: „Meine Autorenseele ist zutiefst verletzt.“
Vivien sieht Limbach mit gespieltem Mitleid tief in die Augen und legt ihre Hand auf seine.
„Poor, poor boy.“
* * *
„Wie jetzt, auswandern?“
„Ja, ich werde auswandern.“
„Wohin?“
„Keine Ahnung. Norwegen vielleicht. Oder Island. Aber eigentlich egal wohin. Bloß weg aus diesem Land.“
„Aber warum denn um Himmels Willen? Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“
„Man legt hier keinen Wert mehr auf meine Anwesenheit. Ich werde hier nicht mehr gebraucht.“
„Wie kommst du denn darauf? Red‘ dir doch nicht so was ein!“
„Das red‘ ich mir nicht ein. Das sind alles Tatsachen. Nackte Tatsachen, sozusagen. Das ist hier das Land der Viva-Moderatorinnen und Pornodarstellerinnen…“
„Was…?
„… der Köche, Friseure und Fußballer …“
„Stefan, jetzt übertreibst du aber…“
„… und der Schauspieler natürlich.“
„Ich versteh‘ ja was du meinst, aber…“
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