Dem Tatendrang sind allerdings Grenzen gesetzt: Wenn RAF oder Islamisten ins Spiel kommen, immer wenn es also richtig interessant wird, zieht die Generalbundesanwältin in Karlsruhe das Verfahren an sich. Den Hamburger Siebeneinsern bleibt meist nicht viel mehr, als sich mit Hakenkreuz-Schmierereien zu beschäftigen. Würden nicht ein paar tausend Linksautonome in der Stadt leben, denen immer wieder mal was Nettes einfällt, würde es nicht das wunderbare Schanzenviertel geben, wo immer wieder mal was los ist, es würde gar nicht so furchtbar viel zu tun geben für Biedermann und seine Abteilung. Ein solider Landfriedensbruch wäre deshalb eine schöne Abwechslung gewesen. Hätte sich mal wieder gut gemacht in der Bilanz.
Insgesamt kann sich Biedermann aber nicht beklagen. Generell ist Hamburg ein dankbares Pflaster für Strafverfolger, sie haben hier alle Hände voll zu tun. Fast zweihundert Staatsanwälte und Staatsanwältinnen gibt es in der Stadt, sie leiten pro Jahr dreihunderttausend Ermittlungsverfahren ein. Einige der fast zehntausend Polizisten tragen in bestimmten Vierteln Schusswesten und Maschinenpistolen, wenn sie auf Streife sind.
Die Schlappe vom Vortag ist also zu verkraften. Biedermann hat als Staatsanwalt schon ganz andere Enttäuschungen wegstecken müssen. Bewährungsstrafen bei schwerer Körperverletzung und elf Vorstrafen zum Beispiel. Hafturlaub bei Mördern. Und zuletzt sogar einen grünen Justizsenator.
Kreativität ist also gefragt. Kreativität, Flexibilität und Durchhaltevermögen. Ein guter Staatsanwalt zeichnet sich dadurch aus, dass er sich durch Niederlagen, Rückschläge und Enttäuschungen nicht nur nicht aus der Fassung bringen lässt, sondern im Gegenteil, dass sie ihn inspirieren und anspornen. Das ist Biedermanns Grundsatz, der ihn leitet. Mit dem er gut gefahren ist, in all den Jahren. Denn Biedermann ist ein verdammt guter Staatsanwalt.
Dass er sich so ins Zeug legt, hat mit seiner Biografie zu tun. Biedermann ist nämlich gewissermaßen aus Protest Staatsanwalt geworden. Aus Protest gegen seine Achtundsechziger-Eltern. Seinen Vornamen hat er deren Verehrung für Ernesto Che Guevara zu verdanken. Dass er nicht, wie von seinen Eltern eigentlich gewünscht, „Che“ heißt, lag an einem weitsichtigen, verantwortungsbewussten Standesbeamten. Vielleicht fühlte er sich deswegen schon früh zur Staatsmacht hingezogen. Biedermann, der als kleines Kind manchmal gar nicht so genau gewusst hatte, wer eigentlich seine Eltern waren, beziehungsweise sich gewundert hatte, dass er so viele Eltern hatte, ist unter schwierigen Umständen in diversen „Kommunen“, zeitweise in Kalifornien und Indien, aufgewachsen.
Er hat sich nach festen Strukturen, nach Ordnung, nach Halt und klaren Ansagen in seinem Leben gesehnt – eine Sehnsucht, die lange Zeit unerfüllt blieb. Dass der Einser-Abiturient Jura studierte, haben seine Erzeuger gerade noch toleriert. Schließlich konnte es immer mal wieder sein, dass man einen guten Anwalt brauchte. Dass er stattdessen dann aber Staatsanwalt wurde, war ein schwerer Schlag für die Alten, den sie bis heute nicht richtig verwunden haben.
Ihr aufmüpfiger Sohn als Scherge eines „Bullenstaates“, das war kaum zu verkraften. Was haben sie falsch gemacht? Hätten sie sich doch mehr um ihn kümmern sollen? Papa und Mama Biedermann leben seit Jahren in Holstein, wo sie einen alternativen Bauernhof betreiben. Was sie da alles anbauen, will Biedermann lieber nicht so genau wissen. Das Verhältnis zu seinen Eltern heute: höflich-distanziert.
Im Kollegenkreis wahrt Biedermann striktes Stillschweigen über seine Herkunft. Hie und da kann es vorkommen, dass man sich über seinen ungewöhnlichen Vornamen wundert. Bei Nachfragen weicht er entweder aus, oder er flunkert etwas von einem spanischen Vorfahren. Biedermann hat noch eine Schwester, die aus Sicht seiner Eltern wohlgeraten ist: Als Kinderpsychologin kümmert sie sich um die frühen Opfer des unmenschlichen, repressiven kapitalistischen Gesellschaftssystems.
Für Biedermann wiederum war es ein Schock, als eines Tages plötzlich ein Gesinnungsgenosse seiner alternativen Eltern der Justizbehörde als Senator vorstand. Ein Jahr vor seinem Amtsantritt hatte der noch die Abschaffung alles Gefängnisse gefordert, weil man den Einzelnen doch nicht für das Versagen der Gesellschaft verantwortlich machen könne. Die Einrichtung einer staatlichen Heroin-Ausgabestelle wiederum hatte bereits der Vorgänger-Senat beschlossen. Schwerstabhängige können sich seitdem in aller Ruhe und unter behördlicher Obhut ihren Schuss setzen.
Das Leben von Oberstaatsanwalt Ernesto Biedermann ist also nicht ganz frei von Zumutungen. Vor allem in letzter Zeit nicht. Da ist zum einen eine Reihe von Brandanschlägen auf Autos, die offensichtlich politisch motiviert sind und die Stadt in Unruhe versetzen. Zum anderen gibt es aber auch noch eine Herausforderung, die sogar einen ganz konkreten Namen hat. Er lautet Stefan Limbach. An dem hat er sich bisher die Zähne ausgebissen. Genauer gesagt: Er ist bisher überhaupt nicht dazu gekommen, seine Zähne einzusetzen. Der Leitende ist zum General gerannt. Der zum Senator. Dann der General wieder zum Leitenden. Schließlich saß Biedermann beim Leitenden. Ergebnis: Unmöglich. Einem derart populären Autor, noch dazu einem, der sogar kurz vor dem internationalen Durchbruch stehe, könne man nicht ans Bein pinkeln. Wegen irgendwelcher, Jahrzehnte zurück liegender Ereignisse, die heute sowieso nicht mehr zu klären seien. Wie sehe das denn aus? Die Medien. Das Ausland.
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Spezialauftrag für Emil Kostner. Kriminalhauptkommissar Emil Kostner vom Landeskriminalamt Hamburg, Abteilung 7, Staatsschutz. Babynahrung, Pampers, Söckchen, Schnuller, Kinderrassel, Stofftier.
Er ist vor kurzem Opa geworden. Seine Tochter hat ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht. Lea-Sophie. Prächtiges Kind. Ganz die Mama.
Emil Kostner ist der glücklichste Mann der Welt.
Jetzt steht er in der Lebensmittelabteilung eines Supermarktes im Hamburger Stadtteil Lurup und ist überfordert. Babynahrung, klar, aber welche Marke? Pampers, welche? Und Söckchen sind sowieso weit und breit nicht zu sehen. Da muss er wohl ein Kinderbekleidungsgeschäft aufsuchen. Aber wo ist eines? Schnuller, Kinderrassel, Stofftier? Das muss hier doch irgendwo aufzutreiben sein, Himmel!
Dass Frauen immer so unpräzise Angaben machen müssen!
Seit seiner Scheidung führt Kostner das Leben eines Junggesellen. Allein im Reihenhaus in Lurup. Frau weg, Tochter und Sohn längst aus dem Haus. Aber eigentlich ist er nicht wirklich ein Junggeselle, jedenfalls nicht freiwillig. Er ist ein verhinderter Familienvater.
Kostner, bulliger Mittfünfziger, Stoppelhaarschnitt, eisgrau, eins fünfundneunzig, ist seit Jahrzehnten bei der Hamburger Polizei. Seit fünfzehn Jahren beim LKA. Seit zehn Jahren in der Abteilung Staatsschutz. Seit fünf Jahren arbeitet er eng mit Oberstaatsanwalt Biedermann zusammen. Hilfsbeamter, oder, wie es offiziell heißt, „Ermittlungsperson“ der Staatsanwaltschaft. Die vorerst letzte Station seiner beruflichen Laufbahn ist ihm die bisher liebste. Er hofft, dass diese Konstellation noch möglichst lange Bestand hat. Biedermann ist nämlich ein Oberstaatsanwalt ganz nach seinem Geschmack. Korrekt vom akkuraten Scheitel bis zur blitzsauberen Sohle. Geradlinig und durch nichts und niemanden von seinem Weg abzubringen. Wirkt manchmal vielleicht ein wenig abgehoben, der Herr Oberstaatsanwalt. Vielleicht sogar ein wenig arrogant. Ist aber bestimmt nicht böse gemeint. Kann er nichts für. Hat wohl mit seiner Herkunft zu tun.
Man munkelt, dass er aus den allerbesten Kreisen stammt. Traditionsreiche Hanseaten-Dynastie oder sowas.
„Geld her, oder ich stech‘ dich ab!“
Wenn der in die Politik ginge, hätte er bestimmt gute Chancen, denkt Kostner manchmal.
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