Alles erstunken und erlogen. Außer das mit dem guten Hause.
Tags darauf wurden die Buchhandlungen gestürmt und in der Druckerei liefen die Maschinen heiß.
Und Limbachs neues Leben begann.
Mit ungeahnten Möglichkeiten. Er hat es SS zu verdanken. Jetzt kommt sich Limbach vor wie Faust. Der Faust von Goethe. Mit Schröder als Mephisto.
Wie SS ihren Chef dazu gebracht hat, ihn, einen völlig unbekannten, kleinen, allenfalls mäßig begabten Möchtegern-Autor auf sechs reich bebilderten Heftseiten zu präsentieren, möchte er lieber nicht wissen.
Natürlich hat sie nicht aus purer Freundschaft gehandelt. Noch nie in ihrem Leben hat Silke Schröder etwas ohne Berechnung getan. Sie kassiert fünfzig Prozent seiner nicht unbeträchtlichen Tantiemen. Egal. Limbach hat ihr alles zu verdanken.
Sein Buch ist jetzt seit genau einem Jahr auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste. Und ein Ende der Nachfrage ist nicht abzusehen.
Eines ist ihm allerdings klar: Man darf SS niemals den Rücken zudrehen! Wirklich niemals. Dreh' ihr den Rücken zu, und sie rammt dir ein Messer hinten rein, sagt er sich immer wieder. Eiskalt und ohne mit der Wimper zu zucken. Weiß man das und hält sich konsequent an diesen Grundsatz und noch an ein paar andere, hat man theoretisch eine kleine Chance, die Begegnung mit ihr zu überleben. Eine kleine. Theoretisch.
Limbach schaudert.
„Wie viele Lizenzen hat dein Verleger eigentlich bisher verkauft?“, flötet Silke Schröder. Ihre Pupillen haben die Form von Euro-Zeichen.
„So um die zwanzig, glaub' ich. Korea ist jetzt auch dabei. Und Japan. Mit Thailand verhandelt er gerade.“
„Geil!“
Limbach hat den Eindruck, dass das Thema sie sexuell erregt. Er legt nach.
„Kanada und Brasilien hat er letzte Woche klar gemacht. Norwegen und Finnland die Woche davor. Und für nächste Woche haben sich zwei Herren aus China angekündigt.“
Silke Schröder rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her.
„Na also. Läuft doch. Ich sag's ja. Filmrechte?“
„Noch nicht, soweit ich weiß.“
„Kommt noch, wirst sehen.“
„Ich weiß nicht...“
„Aber ich. Herr Ober!“
Der Ober eilt beflissen herbei und deutet eine Verbeugung an.
„Der Champagner perlt nicht.“ Silke Schröder hält ihm mit vorwurfsvollem Blick ihr Glas hin.
„Entschuldigung. Ich kümmere mich sofort darum.“ Er verbeugt sich ein weiteres Mal, nimmt das Glas und fliegt davon.
„Bei fünfzehn Euro pro Glas kann man ja wohl erwarten, dass einem nicht irgendwelches abgestandenes Gesöff vorgesetzt wird“, erklärt Silke Schröder dem peinlich berührten Limbach. Er sagt nichts.
„Hast du dir schon mal über eine Theaterverwertung Gedanken gemacht?“
„Äh, nee. Eigentlich nicht.“
„Solltest du aber. Kann mächtig Schotter bringen, wenn das Ding gut läuft.“
Limbach fröstelt.
„Erstmal müssen die natürlich was für die Bühnenaufführungsrechte abdrücken, is' ja klar. Dann gibt’s obendrauf nochmal zehn Prozent vom Einspielergebnis für den Autor. Mindestens. Alles Verhandlungssache.“
„Aha.“
„Kannst du mir glauben. Ich habe mich ausgiebig mit dem Thema befasst. Brecht war Millionär. Mehrfacher. Wusstest du das?“
„So? Nee. Trotzdem, ich weiß nicht. Das ist für die Bühne doch völlig ungeeignet. Wie soll das gehen? Selbst als Film kann ich mir das kaum vorstellen. Viel zu komplex, das Ganze.“
„Deren Problem. Hauptsache, sie machen Knete locker. Wie sieht's mit den Hörspielrechten aus?“
„Keine Ahnung.“
„Aber auf die Idee, eine Hörbuch-Fassung rauszubringen, wird dein Verleger, dieser linke Knispel, ja wohl selber kommen, oder?“
„Ich weiß nicht. Ich denke schon. Vielleicht...“
Silke Schröder wirft Limbach einen mitleidigen bis verständnislosen Blick zu.
„Honey, ich seh' schon, ich muss noch kündigen und offiziell deine Agentin werden.“
Limbach schluckt und lächelt gequält.
„Andererseits kann ich da, wo ich jetzt bin, am meisten für dich tun. Mehr als jede Agentin wahrscheinlich.“
„Vermutlich.“
„Ganz sicher.“
Falsche Schlange.
Der Ober bringt ein neues Glas Champagner. Silke Schröder mustert es kritisch und führt es, nachdem es Gnade vor ihren Augen gefunden hat, zum Mund. Sie nickt dem Kellner zu, der sich daraufhin erleichtert verzieht.
„Und du willst wirklich nicht?“
„Nee, wirklich nicht.“ Limbach trinkt brav von seinem Alsterwasser.
„Versteh' ich nicht. Ich trinke ja nichts anderes. Grundsätzlich.“
„Ich weiß. Ein anderes Mal gerne. Muss aber nachher noch fahren. Hab' außerdem danach noch was vor.“
„Verstehe. Nui?“
„Hm.“
Schröder grinst
„Willste noch einen wegstecken?“
„Wenn du es so formulieren möchtest.“
* * *
Nachdem Limbach Silke Schröder mit dem Lambo zu Hause in Eppendorf abgesetzt hat, steuert er ein weiteres Mal die Innenstadt an. Ziel diesmal: Der Neue Wall. Dort jobbt seine derzeitige Teilzeit-Freundin Nui in einer Edelboutique. Teilzeit deswegen, weil sich Limbach ungern festlegt. Allerdings ist Nui seit bald zwei Jahren öfter an seiner Seite zu sehen als andere Frauen. Er selbst bezeichnet sie als Glück seiner späten Jahre. Ob er das ernst meint oder scherzhaft, darüber gehen die Meinungen auseinander. Tatsache ist, dass Nui bisher nicht bei ihm eingezogen ist. Sie ist zweiundzwanzig, kommt aus Thailand und ist wunderschön. Bildhübsches Gesicht, zierliche Gestalt, lange, schwarz glänzende Haare.
Wie immer, wenn er sie abholt achtet Limbach darauf, dass er mit dem Lambo kurz vor Geschäftsschluss direkt vor der Boutique vorfährt. Nui hat viel Sinn für Prestige und Statussymbole und weiß diese Geste sehr zu schätzen.
Des Neides und der Bewunderung ihrer Kolleginnen kann sie sich dann jedes Mal sicher sein. Die sind über Porsche- und Mercedes-Fahrer bisher nicht hinausgekommen.
Nui begrüßt Limbach mit einem Küsschen auf die Wange und nimmt auf dem Beifahrersitz Platz.
„Wie war dein Tag?“, erkundigt sie sich.
„Anstrengend. Bin den ganzen Tag nicht rausgekommen und hab' die ganze Zeit geschrieben.“
„Du Ärmster.“
Nui setzt eine mitfühlende Miene auf und gibt Limbach zum Trost für sein hartes Los ein weiteres Küsschen.
„Bist du wenigstens vorangekommen?“
„Klar. Ich halte jeden Tag eisern mein Pensum ein. Weißt du doch. Und wie war's bei dir?“
„Wie immer. Frauen mit zu viel Geld und noch mehr Zeit.“
Limbach überschlägt in Gedanken, wie lange es wohl noch dauern würde, bis er genug Geld zusammen hätte, um Nui eine eigene Boutique kaufen zu können. Er hat null Ahnung von der Branche, aber für n' Appl und n' Ei waren diese Nobel-Schuppen in 1-a-Lage bestimmt nicht zu bekommen. Vermutlich hat SS recht und er sollte sich selbst um die Vermarktung seines Buches kümmern. Sein Verleger ist zu dem Bestseller, wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Ist so einer für Geschäfte im ganz großen Stil der richtige Mann?
Limbach macht sich manchmal ein wenig Sorgen um seine Freundin. Sie hat keine Ausbildung, keinen Schulabschluss, der in Deutschland anerkannt wird und lebt mehr oder weniger von einem Tag zum anderen. Ganz so, wie er selber jahrelang. Mit dem wesentlichen Unterschied allerdings, dass er immer irgendwelche hochtrabenden Pläne und Ziele hatte. Dabei ist Nui durchaus begabt. Deutsch hat sie in Windeseile gelernt und beherrscht es nun nahezu fließend, Englisch hat sie vorher schon perfekt gesprochen, sie ist enorm wissbegierig und liest alles, was sie in ihre wohlgeformten Finger bekommt.
Darüber hinaus besitzt sie erstaunliche handwerkliche Fähigkeiten und ist zu allem Überfluss auch noch eine exzellente und begeisterte Köchin. Mittelfristig ist wohl die Gründung einer eigenen Familie Nuis wichtigstes Ziel. Das beunruhigt Limbach ein wenig. Bis es so weit ist, will sie aber noch jede Menge Spaß haben. Das wiederum gefällt Limbach.
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