Er lässt kurz den 700-PS-Motor aufheulen, um Nui eine weitere Freude zu machen und fährt los Richtung Pöseldorf. Unterwegs treffen ihn, wie immer, wenn er mit dem Lambo unterwegs ist, jede Menge bewundernde, neidische, aber auch wütende Blicke. Limbach ist es mittlerweile gewohnt und genießt es. Entschädigung für die schlimmen, demütigenden Hungerleider-Jahre. Den Aufkleber „Eure Armut kotzt mich an“ am Lambo anzubringen, hat er sich dann aber doch nicht getraut. Jagger besingt den „Streetfighting Man“ und klagt, dass ein armer Junge eben nicht viel anderes tun könne, als in einer Rock-' n'- Roll-Band zu singen.
In Limbachs Penthouse in Pöseldorf hüpft Nui schnell unter die Dusche. Limbach wäscht sich die Hände, zieht sich um und fläzt sich auf das überdimensionale Sofa. Mittels Fernbedienung schaltet er das Radio an. Nachrichten. Irgendwo ist ein Flugzeug abgestürzt. Die Bundesregierung hat einen weiteren Militäreinsatz im Ausland beschlossen. Ebenso soll die Entwicklungshilfe für China ein weiteres Jahr verlängert werden. Und an Hamburger Schulen soll ab sofort niemand mehr sitzen bleiben.
Limbach schaltet auf den CD-Player um. Gregorianische Choräle. Mönche aus Münsterschwarzach loben den Herrn. Diese Art von Musik törnt Nui immer besonders an.
„Möchtest du was essen, Schatz?“, fragt sie, als sie mit einem Bademantel bekleidet das Wohnzimmer betritt.
„Danke, hab' vorhin am Hauptbahnhof schnell eine Bratwurst verdrückt. Aber mach' du dir doch was. Müsste noch was im Kühlschrank sein.“
„Keinen Hunger. Ich esse bloß einen Joghurt. Vielleicht trink ich ein Glas
Wein dazu“, antwortet sie. Gerne würde sie einen Joint rauchen, was der notorische Drogenfeind Limbach in seiner Wohnung jedoch nicht gestattet.
Nui verschwindet in der Küche. Limbach fällt ein weiteres Mal auf, dass sie fast nie etwas isst. Sie kommt zurück und lässt, kurz bevor sie das Sofa erreicht, den Bademantel auf den Boden gleiten. Ihre langen Haare trägt sie jetzt offen. Sie glänzen seidig und reichen fast bis zu den Hüften. In etwa so stelle ich mir das Paradies vor, denkt Limbach. Ziemlich genau so. Mit Nui als Engel.
„Was machst du da?“, fragt sie und kniete sich vor ihn hin.
„Ich? Nichts.“
„Lass mich mal.“
Während Nui ihm viel Freude bereitet, lässt Limbach seinen Blick durch das riesige Panoramafenster und über den umlaufenden Balkon weit über die Außen-Alster schweifen. Segelboote und Schwäne drehen ihre Runden. Die eisern trainierende Mannschaft eines Ruderclubs scheint fest entschlossen, mindestens die nächste Weltmeisterschaft zu gewinnen.
Die Mönche aus Münsterschwarzach legen sich mächtig ins Zeug und Nui kommt in Fahrt. Limbach auch.
Spätes Glück. Paradies. Der Herr ist gerecht.
Limbach empfindet eine große Freiheit.
2. Emil und die Detektive
2. Emil und die Detektive
Oberstaatsanwalt Ernesto Biedermann, Kriminalhauptkommissar Emil Kostner, ein Mobiles Einsatzkommando der Polizei, zwei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei, eine Kassiererin, ein halbes Hemd, mehrere Supermarkt-Kunden
Oberstaatsanwalt Ernesto Biedermann hatte schon mal bessere Tage. Linksautonome, Rechtsradikale – seine Hauptkundschaft – sind kein Problem. Routine eben, wenn man das Dezernat „Politisch motivierte Straftaten“ der Hamburger Staatsanwaltschaft leitet. Auch an Razzien am frühen Morgen hat er sich gewöhnt, in über zwanzig Dienstjahren.
Aber schwere Geschütze aufzufahren, die ganz große Nummer aufzuziehen, die Kavallerie ausschwärmen zu lassen – und dann nichts als heiße Luft zu ernten, das kann er nicht leiden.
Biedermann, Ende vierzig, eins neunzig, schlank, weiße Haare, Seitenscheitel wie mit der Axt gezogen, schwarze Brille, dunkler Anzug mit Weste, weißes Hemd, blankpolierte Schuhe – ein Staatsanwalt wie aus dem Bilderbuch – steht an einem alten Lagerschuppen im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Ein Feldherr, der seine Truppen ausschwärmen lässt. Das Mobile Einsatzkommando der Hamburger Polizei. Zwei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei. Obendrein, als fliegende Einsatzzentrale, ein Hubschrauber, der über der ganzen Szenerie schwebt.
„Tut mir leid, mehr war da nicht, Herr Oberstaatsanwalt.“ Der Leiter des MEK.
Biedermann zeigt keine Regung.
„Würde sagen, das war‘s, Herr Oberstaatsanwalt.“ Der Bepo-Chef.
Biedermann stiert düster vor sich hin. Dann zieht er eine Grimasse, die Zustimmung signalisieren sollt. Die Polizeiführer bleiben unsicher stehen.
Biedermann ist der Boss.
„Okay, haut ab. Und danke.“
Ein Wochenende auf dem Kiez. Ein Schwachkopf ist mit seiner aufgemotzten Karre mit fast hundert Sachen über die Hafenstraße gebrettert.
Ist dann von der Fahrbahn abgekommen, hat dreizehn parkende Autos gestreift und schwer beschädigt, ist zu schlechter Letzt in einen Pulk abgestellter Motorräder gedonnert, was denen nicht gut bekommen ist – und wäre daraufhin fast gelyncht worden.
Die, denen die Maschinen gehören, haben in einem nahen Clubheim irgendwas gefeiert und verstehen wenig bis gar keinen Spaß, wenn es um ihre Bikes geht. Die Besatzungen mehrerer Streifenwagen hatten ordentlich zu tun, um die Sache einigermaßen unter Kontrolle zu bekommen und sind dann selber von den Rockern attackiert worden. Schließlich haben die Beamten ihre Waffen gezogen und Warnschüsse abgefeuert. Der Lagedienst hat daraufhin schweren Landfriedensbruch konstatiert.
Und Biedermann ist um seinen freien Sonntag gekommen.
„Rocker-Terror in der Hansestadt“, hat eine Zeitung getitelt, eine andere befürchtete „Die Rückkehr der Hells Angels“.
Dann die übliche Tour. Erst der Generalstaatsanwalt beim Justizsenator. Dann der Leitende Oberstaatsanwalt beim Generalstaatsanwalt. Dann Biedermann beim Leitenden Oberstaatsanwalt. Schließlich die Führungskräfte der Polizei bei Biedermann.
Und jetzt: Drei Penner in Wilhelmsburg. Die in einem alten Lagerschuppen ihr Domizil aufgeschlagen haben. Ganz heißer Tipp aus der Szene. Versteck der Motorrad-Gang. Waffen und Drogen. Prima Handhabe, den Biker-Club endlich zu verbieten. Pustekuchen.
Statt Harley ein altes verrostetes Zündapp-Moped. Und die Erde ist eine Scheibe, denkt Biedermann. Nicht sein Fehler, natürlich. Auf seine Informanten muss man sich doch verlassen können. Aber es bleibt an ihm hängen. Er ist der „Herr des Verfahrens“, wie es so schön im Justiz-Deutsch heißt. Der Leitende ist fein raus. Der General auch. Man konnte sich ja nicht um jedes Detail selber kümmern. Und der Senator hat Initiative gezeigt. Eine Rückkehr des Rocker-Terrors werde er unter keinen Umständen dulden, hat er gesagt. Das reicht für einen Politiker.
* * *
Tags darauf ist die Schlappe vom Vortag schon wieder ziemlich weit weg. Biedermann sitzt in seinem Büro am Gorch-Fock-Wall und ist in seiner Welt. Hier ist er ganz bei sich. Er tut, was er am liebsten tut: Akten studieren. Er ist mit Leib und Seele Staatsanwalt. In der Branche gilt er als hartnäckiger Ermittler und akribischer Aktenarbeiter. Als „scharfer Hund“ wird er gelegentlich tituliert. Das ist stark untertrieben. Manche finden, dass er mitunter gewaltig über das Ziel hinausschießt. Als er vor Jahren beim Hamburger Gastspiel eines weltberühmten Geigers und bekennenden Kiffers in dessen Hotelzimmer allen Ernstes eine Drogenrazzia durchführen wollte, konnten ihn seine Vorgesetzten in letzter Sekunde zurückpfeifen.
Anschließend wurde er in die Abteilung VII.1 „Politisch motivierte Straftaten“ weggelobt, wo er sich ein wenig, aber nicht zu sehr austoben konnte und deren Leitung er alsbald übernahm. Hier steht er jetzt einem Team von sechs Staatsanwältinnen und Staatsanwälten vor. Ein junges, motiviertes, hungriges Team, die meisten seiner Leute sind Mitte, Ende dreißig.
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