Um sich abzulenken, warf sie einen Blick auf die Uhr. Es blieb ihr noch fast eine Stunde bis zum Treffen mit Sheila, die sie damit verbringen würde, weiter nach Kleidern und Stoffen Ausschau zu halten. Sie fand einen alten Vorhang aus schwerem Brokat mit bordeaux- und ecrufarbenem Muster, aus dem sie eine perfekt fallende Robe schneidern konnte, und eine Rolle Spitzenstoff. Auch an einem Stand, an dem handgehäkelte Borten angeboten wurden, kaufte sie ein. Außerdem entdeckte sie ein schwarzes Kleid im Stil der zwanziger Jahre mit einem langen Oberteil und einem tief gesetzten, in Falten gelegten Rock, der gerade das Knie umspielte. Goldfarbene Knöpfe auf den Schultern sorgten für einen eleganten Blickfang. Das Kleid musste sie einfach für sich selbst kaufen. Sie wusste zwar noch nicht, zu welcher Gelegenheit sie es tragen sollte, aber sie liebte Samtstoff.
Als sie bei Mr. Lee’s eintraf, winkte Sheila ihr von einem Zweier-Tisch zu. Wie immer hatte ihre Freundin es geschafft, pünktlich zu sein, während Carys meist die Zeit vergaß, wenn sie ins Stöbern geriet. Aber als sie Sheila ihre Einkäufe zeigte, war die wieder versöhnt. Besonders das schwarze Kleid gefiel ihr sehr gut. „Du bist groß und schlank, das wird dir wunderbar stehen“, seufzte Sheila und musterte ihre eigene Figur. „Ich werde eher in der Kinderabteilung fündig, aber ich hasse rosa T-Shirts mit Häschen darauf.“ Sie zog eine Grimasse und Carys musste lachen. „Du übertreibst. Du nähst dir, genau wie ich, das meiste selbst. Und ich habe dich noch nie in einem rosa T-Shirt mit Häschen gesehen. Es würde dich wahrscheinlich jünger machen.“
Sheila kicherte. „Das nehme ich jetzt als Kompliment, obwohl es in unserem Alter eher eine Beleidigung sein könnte.“ Ihre Augen funkelten. „Ich sehe, es geht dir besser. Ich wusste doch, dass ein Ausflug auf den Markt genau das Richtige für dich sein wird.“
„Ja, du hast recht.“
Ein Kellner brachte ihnen die Speisekarte. Als Carys das Drachenmotiv auf dem Umschlag der Karte entdeckte, dachte sie wieder an ihren spontanen Einkauf. Der Drache sah aber definitiv nicht so aus wie der auf dem Kästchen. Wo hatte sie dieses Wappen – wenn es denn eines war - schon gesehen?
„Ist alles in Ordnung?“ Sheila sah sie forschend über den Rand der Speisekarte an.
Carys zuckte zusammen. „Ja, natürlich, warum?“
„Du guckst so komisch. So, als ob du meilenweit weg wärst.“
„Ich habe gerade nachgedacht. Über ein Kostüm.“ Das war nur halb gelogen, aber sie hatte trotzdem ein schlechtes Gewissen. Nur – wie sollte sie Sheila ihre merkwürdigen Empfindungen erklären?
„Ach so.“ Sheila gab sich damit zufrieden. Sie kannte Carys inzwischen so gut, um zu wissen, dass sie öfter gedanklich in fremde Welten abdriftete und machte sich darüber keine Sorgen. Deshalb akzeptierte sie auch das Schweigen ihrer Zimmergenossin und eine gewisse Zerstreutheit während des Essens. Was diese mit Erleichterung zur Kenntnis nahm.
Gerade bevor die Rechnung kam, läutete Carys‘ Handy und holte sie aus ihren Grübeleien. Sie sah auf das Display.
Anne.
Sofort überfiel sie das schlechte Gewissen, das sich seit dem Tod ihrer Mutter ihrer Schwester gegenüber verstärkt hatte. Wann hatte sie zum letzten Mal mit Anne gesprochen? Sie konnte sich momentan nicht erinnern.
Mit einem entschuldigenden Lächeln nahm sie das Gespräch an.
„Helo, Kleine.“ Es berührte sie seltsam, dass ihre ältere Schwester sie immer noch so bezeichnete. „Wie geht’s dir?“
„Gut, danke.“ Carys wollte nicht, dass ihre Antwort so knapp und unhöflich ausfiel, deshalb setzte sie hinzu: „Ich bin gerade mit Sheila beim Lunch. Alles ok.“
„Das freut mich. Hör mal, ich möchte dir einen Vorschlag machen.“ Wie immer kam Anne sofort zur Sache. „Die Saison im Globe ist doch zu Ende und du müsstest ja endlich frei haben. Komm für ein paar Tage zu uns, wir haben uns ewig nicht gesehen und die Jungs würden sich auch freuen.“
Mit den Jungs meinte sie ihren Mann und ihre Zwillingssöhne. Anne war ein Familienmensch durch und durch, etwas, das sie schon immer von Carys unterschieden hatte. Deshalb hatte Anne auch mit neunzehn geheiratet und die jüngere war nach London geflüchtet.
„Na, was sagst du?“ In Annes Stimme lag eine Spur Ungeduld, Carys hatte zu lange geschwiegen.
„Ich überlege gerade“, sagte Carys. „Ein paar Tage muss ich noch dranhängen, um die Kostüme durchzusehen und einzulagern, aber danach könnte ich mir frei nehmen. Ab Donnerstag?“
„Perfekt! Du kommst bestimmt mit dem Zug? Curt kann dich vom Bahnhof abholen. Ich habe nachgesehen. Wenn du um halb neun abfährst, bist du um viertel nach zwölf in Bangor, und wir können gemeinsam um eins lunchen.“
Carys seufzte unhörbar. Annes Fürsorge und ihre Vorliebe, das Leben anderer zu planen, waren manchmal schwer zu ertragen.
„Also gut. Abgemacht. Ich freu mich.“ Sie versuchte, so viel Herzlichkeit wie möglich in ihre Stimme zu legen. Sie wusste noch nicht so recht, ob es tatsächlich stimmte, Anne hatte sie überrumpelt. Andererseits – sie schuldete ihrer älteren Schwester mehr als einen Gefallen, nachdem sie sie so schmählich im Stich gelassen hatte.
Die untergehende Sonne zauberte ein Farbenspiel von hellgoldenen bis tiefroten Streifen an den Himmel. Sie sah aus wie ein großer, orangegelber Klecks, dessen Ränder zerfaserten. Darunter lagerten die dunklen Spitzen der mächtigen Rothanos, einer Zedernart, die nur in Sardaryon, der Provinz der Lichtwächter, vorkam. Eine leichte Brise wehte ihren würzigen Duft bis auf den Hügel, auf dem die mächtige Burg Colheldon stand, die seit Urzeiten der Sitz des Obersten Lichtwächters, des Arcsardars, war. Die grauen Mauern bildeten einen Ring um die Kuppe der höchsten Erhebung im Umkreis, die wie eine Insel aus dem Meer von Bäumen ragte. Das Farbenspiel des Himmels lag auch auf den grauen Steinen, tauchte sie in zauberhaftes Licht. Ein Falke zog seine einsamen Kreise über dem Hügel, es mochte sein, dass er sein Nest in einem der mächtigen Türme gebaut hatte. Es waren sieben und sie standen noch immer stolz und aufrecht, ihrer einstigen Bedeutung bewusst.
Ein früh erwachtes Käuzchen klagte in der Dämmerung und der Wind rauschte leise in den mächtigen Nadelbäumen.
Arcsardar Arian de Gordaw stand an der Mauer, die den Burggarten vom steil abfallenden Abhang trennte. Er starrte auf die sich ausbreitenden Schatten der Bäume unter ihm. Manche der Wipfel waren so hochgewachsen, dass sie sich beinahe auf Augenhöhe mit ihm befanden. Fast sein ganzes Reich war von Wald bedeckt, von diesen mächtigen Riesen, deren würzig duftendes Holz den Sardars, den Wächtern des Lichts, zur Herstellung ihrer Möbel gedient hatte. Sie überdauerten Generationen und würden auch ihn überleben.
Er strich geistesabwesend eine Strähne seines langen Haars zurück und richtete den Blick auf den Horizont nach Süden. Die sanfte Silhouette der Hügelkette von Kelingow hob sich dunkel von den feurigen Farben des Himmels ab. Dahinter lag Ladarnon wie eine ferne, bittersüße Erinnerung an vergangene Zeiten.
Sein forschender Blick prüfte wieder das Dunkel unter ihm. Er misstraute der Finsternis und der Schrecken, die sie barg, obwohl er wusste, dass ihm hier keine Gefahr drohte. Trotzdem überlief ihn ein Schauder und er wandte sich ab, vermied bewusst den Blick nach Osten, dorthin, wo die fernen Nebelwälder von Zordon lagen.
Zordon, die Wasserreiche, deren Fluten dunkel und fruchtbar das Land überschwemmen. Begrenzt von mächtigen, mit Schnee bedeckten Bergen. Mit zahlreichen wundersamen Pflanzen und Tieren beschenkt. Ein wahres Paradies, so wird erzählt aus vergangener Zeit, bevor das Böse über das Land kam. Die mächtige Burg, einst strahlendes Bollwerk, versunken in den Tiefen dunkler Sümpfe, beherbergt das Böse, das lauernd wartet, die Welt zu vernichten.
Читать дальше