rasch durch die Wüste zu tragen vermochte. Dabei bemühte er sich,
wenigstens den richtigen Schrittwechsel vorzunehmen, damit der alte Krieger
keinen Grund zur Kritik fand.
Bald war es so weit, bald würde Heglen-Tur sich endlich Heglen-Turik
nennen dürfen.
Der Fünfzehnjährige erreichte einen der aufragenden Pfosten, auf denen
das Schädelhaus ruhte, schwang sich behände hinauf und blieb in
ehrerbietiger Haltung vor dem Krieger Bimar-Turik stehen. Bimar-Turik bot
keinen schönen Anblick. Sein Gesicht wies zahllose Narben auf, denn als
Kind war er in eine Stachelpflanze gestürzt, deren Dornen ihn übel
zugerichtet hatten. Er hatte viel Spott ertragen müssen, nachdem die Wunden
verheilt und hässliche Narben zurückgeblieben waren. Dieser Spott hatte
wohl dazu beigetragen, dass der Clankrieger als ebenso humorlos wie mutig
galt. Keiner hatte mehr Schädel genommen als Bimar-Turik, wenn man von
Heldar-Turiko einmal absah, dessen Namensendung auf seinen Status als
Clanchef hinwies.
»Der Turiko will dich sehen«, knurrte Bimar-Turik und musterte Heglen
ironisch. »Warte einen Moment, bis du nicht mehr so schwer atmest. Hat dich
der Anblick der Weiber so erregt oder der kurze Lauf so angestrengt?«
Heglen-Tur errötete ein wenig. »Mein Atem ist leicht wie ein Sandkorn im
Wind.«
Der ältere Krieger ließ seinen Blick von Kopf bis Fuß über den Jungmann
gleiten. »Fehlt es dir an Respekt, oder bist du nur zu dumm, um nicht zu
wissen, wann du zu schweigen hast?« Sein Blick wurde kalt. »Noch hast du
keinen Schädel genommen und nicht das Recht, deine Stimme einem
erfahrenen Krieger gegenüber zu erheben. Und wenn du so laut schnaufst,
wirst du nie nahe genug an einen Feind herankommen, um seinen Schädel zu
erhalten.«
Heglen-Tur schwieg, denn er spürte, dass der alte Krieger ihn auf die
Probe stellen wollte. Bimar-Turik zupfte an Heglen-Turs Knochenpanzer und
Gurt und klopfte an den Beinschutz. »Wenigstens siehst du halbwegs so aus
wie ein Clankrieger der Wüstennager«, brummte er. »Also lass uns
hineingehen und schnaufe nicht so, damit der Turiko wenigstens glauben
kann, er hätte einen künftigen Krieger vor sich.«
Der narbige Kämpfer schob den innerlich kochenden Heglen-Tur durch
den Eingang in das Schädelhaus. Von der sonnenüberfluteten Hitze des Tages
traten sie in den dämmerigen Schatten der riesigen Halbkugel, und Heglen-
Turs Augen mussten sich erst auf das seltsame Zwielicht einstellen. Zum
ersten Mal betrat er das Haus des Kriegerrates, und der Anblick der vielen
Schädel raubte ihm den Atem. So sorgsam waren sie entlang der Wände in
die Höhe gestapelt, dass sie die Anwesenden überwölbten, ohne
herabzustürzen.
Davor saßen die erfahrensten Krieger des Clans und blickten den
Eintretenden ausdruckslos entgegen. Aber Heglen-Tur achtete nicht auf die
Kämpfer. Sein Blick galt einzig der imposanten Gestalt in der Mitte des
Schädelhauses: Heldar-Turiko, dem Oberhaupt des Nagerclans, der eine
lebende Legende des Sandvolkes war.
Als einziger Krieger trug der Turiko einen Helm auf seinem Kopf. Er war
hoch, mit einem golden schimmernden Kamm und einer fein gearbeiteten
Figur am Stirnschutz. Einst hatte er einem Elfen gehört, der jedoch schon
lange keine Verwendung mehr für einen Kopfschutz hatte. Heldar-Turiko
hatte Helm und Schädel in einem bemerkenswerten Kampf erfochten.
Niemand würde es wagen, den Mut des Turiko anzuzweifeln, und so konnte
er den Kopfschutz als Zeichen seiner Würde tragen.
Doch nicht nur der Mut Heldar-Turikos war bemerkenswert. Auch sein
Haar war es. Die Menschen des Sandvolkes hatten für gewöhnlich schwarze
Haare, doch die des Turiko schimmerten in der Farbe der Sonne, so wie es bei
vielen Menschen des Pferdevolkes vorkam. Damals, als das Reitervolk
besiegt worden war, hatte man einige ihrer Weiber genommen, denn die
eigenen Verluste waren hoch gewesen, und man brauchte neue Krieger.
Einige der aus diesen Verbindungen hervorgegangenen Kinder waren ebenso
blond gewesen wie der Turiko, doch im Laufe von Generationen waren die
Sonnenhaare immer seltener geworden. Es hieß, der Turiko sei der einzige
Mann des Sandvolkes, der noch das Sonnenhaar besaß.
»Tritt vor, Heglen-Tur«, sagte der Clanchef. Seine Stimme war leise, und
doch schien sie das Schädelhaus auf seltsame Weise zu erfüllen.
Bimar-Turik stieß den Jungmann auffordernd an. »Geh schon und zeige
deinen Respekt!«
Heglen-Tur trat rasch vor, näherte sich dem Clanchef und sank dann auf
die Knie. Respektvoll neigte er sich vor und bot dem Turiko den
ungeschützten Nacken dar. »Meine Trophäe gehört dem Turiko im Zeichen
des Nagers«, sagte er heiser und bemühte sich, seiner Stimme einen festen
Klang zu geben.
Heldar-Turiko nahm seine Schädelkeule und legte sie symbolisch in den
Nacken des Fünfzehnjährigen. »Dein Schädel sei dir erhalten, damit du dem
Clan Ehre machst und viele Schädel in sein Haus bringst.«
Die Keule hob sich wieder aus Heglen-Turs Nacken, und er richtete sich
langsam auf, ohne jedoch den Blick vom Boden zu nehmen.
Heldar-Turiko sah nacheinander die Männer an, die um ihn herumsaßen.
»Ein Jungmann will zum Krieger werden und seinen ersten Schädel lösen. Es
ist wohl an der Zeit, ihm diese Ehre zuteil werden zu lassen. Doch zuvor
brauchen wir den Beweis, dass er ihrer würdig ist.«
Der Clanchef richtete den Blick auf Heglen-Tur. »Willst du Ehre erlangen,
musst du auch Ehre erweisen, Heglen-Tur. Bist du bereit dazu?«
»Meine Trophäe gehört dem Turiko im Zeichen des Nagers«, wiederholte
Heglen-Tur ehrerbietig.
Der Clanchef schmunzelte leicht. »Ich frage nicht nach deinem Schädel,
sondern nach dem, was du darin hast.«
Einige der Krieger lachten auf, und Heglen errötete. Der Turiko bemerkte
die Verlegenheit des Jungmannes und nickte verständnisvoll. »Bevor du den
Schädel eines Lebenden als Trophäe nimmst, musst du denen Ehre erweisen,
deren Schädel wir einst lösten.«
Heglen-Tur begriff. Der Clanchef meinte damit die »Tote Wache«.
»So kämpften Ross und Mann des Pferdevolkes, bis der letzte Schädel
gelöst war«, zitierte der Turiko mit leiser Stimme. »Und sie gereichten dem
Volk der Pferde zur Ehre und auch dem Volk des Sandes. So wird es
besungen.«
»So wird es besungen«, echoten die Anwesenden.
Heldar-Turiko richtete Heglen-Tur an den Schultern auf. »Einen Zehntag
lang wirst du der Wache des Pferdevolkes die Ehre erweisen. Einen Zehntag
lang wirst du nichts essen und nur den Saft der Stachelpflanze zu dir nehmen.
Einen Zehntag lang wirst du deine Kraft der Ehre der Toten widmen. Dann,
Heglen-Tur, wirst du zu den Nagern zurückkehren. Und danach wirst du die
Krieger des Clans auf deinem ersten Streifzug begleiten. Nun geh, Heglen-
Tur, und erfülle die Pflicht der Ehre. Mögen dir künftig reichlich Schädel
beschieden sein. So sei es besungen.«
»So sei es besungen«, murmelten die Versammelten.
Heglen-Tur erhob sich unsicher. Es hatte geklungen, als sei er nun
entlassen, und dies bestätigte sich, als der narbige Bimar-Turik ihn am Arm
packte und aus dem Schädelhaus hinauszog.
»Einen Zehntag lang, Heglen-Tur«, brummte der alte Krieger. »Und
trödele nicht bei den Weibern herum. Du wirst sie früh genug besteigen
können.« Das Gesicht des Kriegers verzog sich auf grässliche Weise und
Heglen-Tur begriff, dass der Turik lächelte. »Glaube mir, Heglen-Tur, du
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