Ich nannte dem Skipper – er hieß Jos Botterfass und musste um die Fünfzig sein – die Position, die das Hubschrauber–GPS festgehalten hatte: 36:2:24S und 30:4:12E, zu deutsch: 36 Grad, zwei Minuten und vierundzwanzig Sekunden südlicher Breite sowie 30 Grad, vier Minuten und zwölf Sekunden östlicher Länge. Man konnte das auch als Dezimalzahl mit vielen Ziffern hinter dem Komma ausdrücken, aber ich zog die gute alte Art vor.
Botterfass drehte sich zu dem winzigen Kartentisch um, hinter dem ein Zwitter aus Sitzbank und Behelfskoje an die Rückwand der Brücke geflanscht war. Er stieß mit seinem öligen Zeigefinger, der etwa dreimal so breit war wie meiner, auf eine Seekarte nieder, als wolle er sie mitsamt der Tischplatte perforieren. Dann brummte er in breitem Burenenglisch, das seien etwa 160 Seemeilen, für die er rund zwanzig Stunden bräuchte. Ob und wie lange ich vor Ort bleiben wolle?
Zwar konnte ich nicht einmal raten, wieviel Zeit vergehen würde, bis wir etwas fanden, und ob wir überhaupt auf etwas stoßen würden, aber ich sagte, ein Tag – zwölf Stunden Tageslicht – müsste genügen. Da kämen drei Tage zusammen, knurrte der Kapitän. Das koste zwölftausend Dollar.
Es war nicht weiter schwierig, ihn von seinem Wucherpreis auf 50 000 Rand herunterzuhandeln, rund 8000 Dollar – aber nur gegen die Zusage, dass er während des Kreuzens auf der angegebenen Position fischen durfte. 25 000 Rand wollte er vor Fahrtbeginn, der Rest war nach der Rückkehr zahlbar.
Ich holte meinen Koffer aus dem Taxi und ging an Bord. Zwei Stunden später legten wir ab. Wir bunkerten fünfzehnhundert Liter Diesel und eine Tonne Eis. An der Eisfabrik warteten wir auf einen jungen schwarzen Matrosen, den Botterfass telefonisch an Bord beordert hatte, und stachen dann endlich in See. Es war stockdunkel, als wir losdampften.
Die »Starina« war ein Hecktrawler von etwas über zwanzig Metern Länge, rund 120 Tonnen und unbestimmbarem Alter. Ich schätzte, dass sie dreißig bis vierzig Jahre auf dem Buckel hatte. Die Maschine war wohl ebenfalls nicht mehr ganz jugendfrisch, denn wenn Botterfass für 160 Meilen zwanzig Stunden einkalkulierte, lief der Kahn nur acht Knoten. Die »Palermo Express« hätte für die Strecke sechseinhalb Stunden gebraucht.
Auf der Brücke zahlte ich die erste Rate. Botterfass, der seine suppentellergroße rechte Pranke aufhielt, grapschte die Scheine und ließ sie in einer Tasche seines Overalls verschwinden. Dann knurrte er, ich solle ihm folgen. Er wolle mir meine Koje auf der Back zeigen.
Meine Bettstatt war die oberste von drei Bunks im klaustrophobisch engen Logis der Crew. Es stank nach Fisch, Schmieröl, Zigarettenqualm und Athletenfüßen – wie wir Briten Schweißquanten schonend umschreiben – und war offenbar nur durch ein mageres Schott von dem tobenden Diesel getrennt. Alle Kojen waren, bis auf ein auffällig kleines rundes Einstiegsloch, mit dickem Sperrholz verkleidet, damit die Schläfer bei dem hier üblichen Seegang nicht herauspurzelten.
Wären die ziemlich wahllos mit Reißbrettstiften an den Blenden befestigten Pin–up–Fotos schwarzer Schönheiten nicht gewesen, hätte man das Ganze für drei überdimensionale Nistkästen halten können. Ich stellte meinen Koffer auf den Boden. Unter das Tischchen passte er nicht.
Die Toilette lag auf der anderen Seite des Gangs. Sie war winzig, ziemlich vorsintflutlich und hatte statt einer Tür einen blauen Plastikvorhang mit zwei Dutzend Zigaretten–Brandlöchern. Ein rundes Stahlbecken von Amselnestgröße neben dem Klo, dessen Inneres größtenteils schokoladenbraun war, schien die einzige Waschgelegenheit an Bord zu sein. Wer den Schmutz nicht kennt, lernt die Sauberkeit nicht schätzen, dachte ich und ging auf die Brücke. Rudergänger war der ältere Schwarze. Ich fragte ihn nach dem Skipper. Der sei in der Kombüse, bedeutete er mir knapp.
Ich folgte dem Fischgeruch und fand Butterfass in der Messe. Sie war so eng, dass die Kabine der Sikorsky im Vergleich zu ihr wie ein Tanzsaal gewirkt hätte. Die Decke war so niedrig, dass ich mich bücken musste. Der Kapitän hockte am einzigen Tisch und zerlegte fluchend ein paar große silberne Fische. War eine Anzahl Filets fertig, packte er sie mit seinen öligen Schaufelhänden und hielt sie gegen das Licht der Deckenlampe. Dann warf er sie ungehalten auf den Tisch zurück, dass es klatschte, und säbelte oder kratzte mit dem Messer mit ärgerlichen Bewegungen irgendetwas aus ihnen heraus. Immer wieder half er mit dem schwarz geränderten Nagel seines rechten Zeigefingers nach. »Alles voller verdammter Nematoden!« polterte er, als er mich sah. »Jedes Jahr gibt es weniger Fisch, aber mehr von dem verfluchten Wurmzeug!«
Ich bat um einen Overall, denn auf dem Kutter würde es keine zehn Minuten dauern, bis meine Hose und mein Armanisakko durch Öl oder Schmierfett ruiniert wären. Botterfass warf das Messer hin und holte mir, ohne sich die Pranken abzuwischen, einen Blauen Anton, in den ich zweimal hineinpasste. Es war wohl seine eigene Reservegarnitur.
Ich zog den Blaumann über und wechselte gleich meine lederbesohlten italienischen Halbschuhe gegen die knöchelhohen Wanderstiefel, die ich meist im Koffer mitführte, obwohl sie enorm viel Platz beanspruchten. Nicht nur auf Schiffen konnte hochwertiges Schuhwerk mit gutem Schutz vor Bänderrissen und griffigen Sohlen lebenswichtig sein.
Meine Boots hatten ein kleines Extra. Unter der Polsterung des Zungenrückens des rechten Stiefels war ein Geheimfach versteckt. Wenn man den per Klettverschluss befestigten Mittelteil des Synthetikfellbelags in exakt dem korrekten Winkel von links aufzog, kam eine kleine Tasche zum Vorschein. Fünf Rasierklingen, ein Schließfachschlüssel, Pillen, Knopfbatterien, gefaltete Geldscheine und Notizzettel passten hinein – kleine wichtige Dinge eben, die niemand dort suchen würde. Jetzt war das Versteck natürlich leer.
Das Abendessen bestand aus etwa drei Dutzend öltriefender Fischfrikadellen, die selbst den auf Fisch versessenen Admiral Nelson in die Flucht getrieben hätten, und einem Pappkarton voll runder Schaumgummibrötchen. Sie waren einzeln in Plastik eingeschweißt und sahen aus, als seien sie von einem McDonalds–Lkw gefallen. Ich zwang mich, ein paar Bissen zu essen, obwohl ich immer an die Fadenwürmer und die öligen Fingernägel denken musste, und spülte zwei der Styroporwecken mit Bier herunter, das Botterfass, mit dem ich alleine am Tisch saß, kredenzte.
Weil es nichts zu tun gab und der Skipper keinerlei Interesse an einer Unterhaltung hatte, ging ich nach dem Mahl an Deck. Dort wollte ich mir von einer gesunden Salzwindbrise den Fischgestank aus Kleidern und Haaren wehen lassen. Am Heck setzte ich mich unter dem Gienmast auf das Netz, das dort als Berg aus grüner Nylonschnur lag. Aber es war nichts mit Auslüften. Der Wind drückte beißenden Dieselqualm aus dem Schornstein nach unten und mir direkt ins Gesicht. Außerdem kam Gischt über. Ich beschloss, in die Koje zu gehen.
In meinem Quartier zog ich Sakko und Hose aus, faltete sie zusammen, stieg auf den Rand der untersten Koje und legte die Kleidung durch das Loch auf das klamme Bettzeug. Dann schlüpfte ich wieder in den Overall und versuchte, durch das Loch in die Bunk zu kriechen. Das war unerwartet schwierig, weil es keine Leiter und nichts zum Festhalten oder Abstoßen gab und ich schaffte es erst beim fünften Versuch in meinen Nistkasten. Wahrscheinlich würde ich noch länger brauchen, um ihn wieder zu verlassen. Sollte die »Starina« sinken, würde ich höchstwahrscheinlich wie eine Ratte ersaufen.
Hose und Sakko bugsierte ich ans Kopfende meiner Schlafstätte. Dabei stieß ich mit der Stirn an die Decke. Sie bestand aus Presspappeplatten, die nur lose auf Halteleisten lagen. Jedes Mal, wenn ich sie berührte – was mir am Anfang mehrfach passierte, weil die Koje kaum 45 Zentimeter hoch war – hoben sie sich ein wenig, und Dreck rieselte mir über Schädel, Gesicht und Genick. Vergeblich versuchte ich, das körnige Zeug vom Bett zu wischen und es zwischen Matratze und Sperrholzverhau zu bugsieren.
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