Da war eines der größten Containerschiffe der Welt, ein nagelneuer, nach den letzten Erkenntnissen des Schiffbaus konstruierter und mit Elektronik und Sicherheitseinrichtungen vollgepackter Frachterriese, dem nach menschlichem Ermessen kein Sturm und kein Brecher etwas anhaben konnte – auch, weil es schweren Unwettern routinemäßig aus dem Weg ging.
Aber was war der Stahlkoloss im Vergleich zu der unendlichen Weite, Tiefe und Masse des Ozeans? Kaum mehr als ein Staubkörnchen in der Sahara. Die »Palermo Express« war 337 Meter lang gewesen, 43 Meter breit und vom Kiel bis zur Spitze der Aufbauten 61 Meter hoch. Damit überragte sie viele Kirchtürme. Als sie verschwand, war sie ein schwimmender bunter Tafelberg aus knapp 9.000 Standard–Containern gewesen. 17 Reihen hoch und 17 Reihen breit waren die sechs und zwölf Meter langen Stahlkästen, die in der Branche TEU und FEU genannt wurden, auf ihr gestapelt gewesen. Sie hatte eine Tragfähigkeit von 110 000 Tonnen gehabt und etwa ebenso viele PS, die sie 25 Knoten schnell gemacht hatten – respektable 46,3 Kilometer pro Stunde. Die stolze »Titanic«, ihres Zeichens ein Schnelldampfer, war selbst bei äußerster Kraft eine Handvoll Knoten langsamer gewesen.
Aber was waren hunderttausend PS gegen die Urgewalt des Meeres? Nichts!
Der »Gigant«, so hatten alle Zeitungen das in Panama registrierte riesige Schiff genannt, war für etwa 100 Millionen Dollar auf der Samsung–Werft im koreanischen Geoje gebaut worden und der ganze Stolz der Reederei gewesen, die voller Begeisterung über das Wunderwerk der Technik gleich nach der Übergabe des Kahns vier Schwesterschiffe geordert hatte.
Das Meer jedoch hatte eine 360 Millionen Quadratkilometer große Oberfläche und war im Schnitt 3700 Meter tief. Damit kam es auf 1,4 Milliarden Kubikkilometer. Das waren – wer kann schon mit Kubikkilometern umgehen? – 1,4 Milliarden Milliarden Kubikmeter. (Das ist kein Druckfehler, sondern eine absichtsvolle Wiederholung, denn alles, was jenseits der Milliarden liegt, wird für viele Nicht–Mathematiker unverdaulich.) Ein Kubikmeter Wasser brachte etwa eine Tonne auf die Waage, also wog das Meer – ich musste ein paar Sekunden nachdenken – 14 Trillionen Tonnen. Das war eine 14 mit 18 Nullen!
Ich hatte ein Faible für Zahlen – was sich gut traf, denn in meinem Job kam man nur auf einen grünen Zweig, wenn Zahlen für einen mehr waren als Kolonnen von Ziffern. Las oder hörte ich eine Zahl, hatte ich augenblicklich eine ziemlich exakte Vorstellung von ihrer Bedeutung, selbst wenn sie neun– oder zehnstellig war. Und ich wusste in der Regel sofort, ob sie stimmen konnte oder faul war. Mit 1,4 Milliarden Kubikkilometern hatte jedoch selbst ich Probleme – wie mit dem Staubkörnchen, das in der ungeheuren Flut verschwunden war. Denn ich sollte es finden, beziehungsweise sein Schicksal klären.
Ich konnte mich nicht beschweren, denn ich hatte den Auftrag angenommen, und der Erfolgsdruck war relativ gering, weil es ein »unlösbarer« Fall war. Aber ich war nun einmal der Experte für hoffnungslose Fälle. Ich hatte die Herren von Lloyds verwöhnt, und jetzt erwarteten sie Wunder von mir. Deshalb machte ich mir Sorgen, dass sich mein siebter Sinn nicht meldete – oder nicht so, wie ich es erhoffte. Außer dem Bild einer irgendwie klobigen Schwanzflosse oder Fluke, das in meinem Kopf aufgeleuchtet war, hatte ich nichts in der Hand. Das war bedauerlich wenig und als Hinweis keine große Hilfe; alleine da drunten gab es Millionen Flossen.
Die »Palermo Express« war auf ihrer zweiten Asien–Fahrt mit Mann und Maus gesunken. Auf der Reise Nummer 0004 hatte es jedoch weder einen schweren Sturm noch eine Kollision gegeben, mit der man den Verlust des Schiffes mit dem Rufzeichen PAXXX hätte erklären können. Auch Monsterwellen hatte niemand gemeldet, und das hieß, dass keine »Freak Waves« übers Meer gerollt waren; denn im Seegebiet vor dem Kap der Guten Hoffnung herrschte dermaßen viel Container–Verkehr von und nach Asien, dass eine Wasserwand von dreißig Metern Höhe unter keinen Umständen unbemerkt geblieben wäre.
Mit Wellen–Ungetümen dieser Art musste man in den fraglichen Breiten immer rechnen. Der Agulhasstrom, der dicht an Port Elizabeth vorbei nach Süden strebte, bei Kap Agulhas – der Südspitze Afrikas, der er seinen Namen verdankt – in den Atlantik vorstieß und nach einigen Hundert Seemeilen aus mysteriösen Gründen eine abrupte Kehrtwendung vollzog, war für seine Monsterwellen berüchtigt. An der Power, um Wogen aufzutürmen, fehlte es der gewaltigen Strömung keinesfalls: Pro Sekunde bewegte sie 65 Millionen Tonnen Wasser! Das reichte für einige Badewannen.
Die »Palermo Express« hatte keinen Notruf gesendet, und es hatte keine Überlebenden gegeben. Alle 25 Mann, in der Mehrzahl Philippinos, dazu die Schiffsoffiziere aus England, Norwegen und Indien, galten als vermisst und waren mit höchster Wahrscheinlichkeit umgekommen. Ebenso Kapitän Howard Shearer auf seinem letzten Turn vor der Pensionierung. Kleine Schachfiguren, die das Meer geschlagen hatte.
Wir hatten alle verfügbaren Satellitenbilder des Seegebiets vor dem Kap gekauft und ausgewertet: Auf drei Fotos eines Umweltsatelliten der NOAA, die um 8.37 Uhr und 8.57 Uhr geschossen worden waren, konnte man den Frachter-Goliath, das Flickenmuster der Container und das Kielwasser gestochen scharf erkennen; auf dem Bild von 9.17 Uhr dagegen fehlte von ihm jede Spur.
Der Riesenpott hatte die erste Hälfte seiner Rundreise zurückgelegt, die von Le Havre über Antwerpen, Southampton, Singapur, Hongkong, Yantian, Xiamen nach Shanghai führte und zurück nach Xiamen, Yantian, Hongkong, Singapur, Port Klang in Malaysia und schließlich Le Havre. Auf der Heimreise war er irgendwo vor dem Kap abgesoffen, dort, wo der Indische Ozean und der Atlantik verschmolzen.
Im Seegebiet zwischen dem Kap und den Prinz–Edward–Inseln, etwa eine Tagesreise nach Überquerung des Südlichen Wendekreises, waren drei Container der »Palermo Express« geborgen worden. Sie waren nicht untergegangen, weil sie sich vom sinkenden Schiff losgerissen hatten, bevor der Wasserdruck sie zerquetscht hatte, und eine kaum zu übertreffende Schwimmhilfe sie über Wasser hielt: Zehntausende in Plastik eingeschweißter Männerunterhosen aus China.
Man hatte versucht, aus ihren Fundorten die Position der »Palermo Express« beim Untergang zu errechnen; aber das hatte wegen der stürmischen See und der häufig wechselnden und keineswegs immer bekannten Strömungsverhältnisse im Seegebiet vor dem Kap nicht geklappt. Die Computer hatten für jeden Container einen völlig anderen Eintauchpunkt errechnet und keinen Schnittpunkt der simulierten Treibwege gefunden. So hatte man den Ort der Havarie nur auf ein Areal von 25 mal 40 Seemeilen eingrenzen können.
Landratten erschien das nicht sonderlich viel. Sie bemerkten erst, um welch ein riesiges Gebiet es sich in Wirklichkeit handelte, wenn man ihnen die eintausend Quadratmeilen in Quadratkilometer umrechnete. Dann sperrten sie allerdings Mund und Augen auf, denn das Resultat waren 3434 Quadratkilometer. Eine ganze Menge km2 also, über denen ich jetzt kreiste.
Das war ein wenig kostspielig, und ich hatte kein übermäßig angenehmes Gefühl dabei. Nicht, weil es mir um die Pfund Sterling von Lloyds leidgetan hätte. Gott bewahre! Die hatten Geld zum Verbrennen, wie wir Briten zu sagen pflegen. Mich wurmte einzig und allein, dass der Flug reiner Aktionismus war, weil ich keine Eingebung gehabt hatte, und ich Aktionismus verabscheute.
Dabei war hier etwas. Das Gefühl war eindeutig; aber Empfindungen nutzten mir derzeit wenig. Sie waren dumpfe Regungen des Unterbewusstseins,, unlogische, taubstumme und blinde Empfindungen, die wie Würmer durch das Gehirn krochen. Was ich brauchte, waren Einsichten, Informationen, Tipps, an denen Fleisch war. Notfalls würde ich mich auch mit einem der Träume zufriedengeben oder einer Meldung meines »Radars«. Immerhin hatten sie mich, Jim Cunningham, zum Star unter den Lloyds–Ermittlern gemacht.
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