Darauf knallte sie ihre Tür zu und ließ sie mich einfach stehen.“
Jutta schluchzte verzweifelt.
Müller konnte nicht fassen, was er da hörte. Sollte hier in ganz widerwärtiger Absicht eine Ehe auseinander gebracht werden? Jutta war menschlich und kümmerte sich ernsthaft um die Probleme ihrer Kollegen. Vielleicht war sie deshalb der Chefin suspekt?
Gleichzeitig aber verwarf er diesen Gedanken wieder, da er sich von seiner eigenen inneren Haltung her so viel Niedertracht nicht vorstellen konnte. Dabei war Frau Sanam seit dem Elternabend auch bei ihm schon an der Arbeit. Die Direktorin hatte mit seinen Mädchen nicht nur den Schülervortrag in Deutsch besprochen. Er sollte es bald erfahren.
Müller sprach Jutta Mut zu. Sie brauchte das.
„Hoffentlich möbelt mich die Kur etwas auf und bringt mich auf andere Gedanken“, sagte sie unvermittelt.
„Du fährst zur Kur? Da ist er ja ganz allein zu Hause.“
„Nein, unsere Tochter wohnt ja noch bei uns, und der Sohn kommt ebenfalls sehr oft nach Hause. Außerdem soll so eine zeitweilige Trennung auch ganz gut sein für eine Ehe. Übrigens, die Jutta Schatz fährt auch dorthin nach Schmiedefeld. Da ist man wenigstens nicht ganz allein.“
Jutta Schatz war eine kleine, freundliche Person, studierte Unterstufenlehrerin, stellvertretende Direktorin für Außerunterrichtliche Tätigkeit, SED-Mitglied, verantwortlich für die Organisation offizieller Schulfeierlichkeiten, der Schulmesse, Arbeitsgemeinschaften, den Schülersommer (einer freiwilligen produktiven Tätigkeit von Schülern während der Sommerferien in irgendeinem Volkseigenen Betrieb) und die Betreuung der sowjetischen Kollegen und Schüler - sprich Komsomolzen -, die nach dem im Jahre 1971 abgeschlossenen Patenschaftsvertrag mit einer Moskauer Schule regelmäßig alle zwei Jahre im Schüleraustausch nach Berlin kamen.
Jutta Schatz hatte ein ausgesprochenes Organisationstalent. Müller bereitete mit ihr gern das große Weihnachtskonzert vor, das offiziell Solidaritätskonzert genannt wurde, da der Verkaufserlös der von den Kindern der einzelnen Klassen auf den Klassenbasaren verhökerten Dinge wie Bastelarbeiten, Büchern, Naschereien und anderem auf das Solidaritätskonto des Berliner Rundfunks „Dem Frieden die Freiheit“ eingezahlt wurde. Das Programm begann dann auch stets mit den ersten Takten des b-Moll-Klavierkonzertes von Tschaikowski. Dann entfaltete sich ein weihnachtliches Stimmungsbild mit Rezitationen, Weihnachtsliedern, in denen die christlichen Inhalte meist fehlten, die durch „Lichter“, „Tannenbaum“, „Schnee“ und „Frieden“ ersetzt wurden, Instrumentalvorspielen und anschließender Bekanntgabe der erreichten Solidaritätssumme, mit der das Programm endete.
Für das eingezahlte Geld wurde im Berliner Rundfunk der Wunschtitel der Schule gespielt.
Jutta Mofang fuhr mit ihrer Namensvetterin zur Kur, mit einem Mitglied der Schulleitung also. Sie wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Frau Sanam mit Jutta Schatz ein Gespräch unter vier Augen geführt hatte, das kurz und eindeutig war:
„Genossin Schatz, du berichtest mir von eurer Kur, nicht wahr?“
Sehr zum Ärger der Direktorin zeigte Genossin Schatz keinerlei Reaktion auf dieses Ansinnen.
„Wann fährst du zur Kur, Jutta?“, erkundigte sich Müller.
Am Montag, den 3. Oktober. Nach den Ferien sind wir wieder da.“
„Hoffentlich ist dann mit eurer Ehe alles wieder in Ordnung. Ich denke außerdem, dass der Flirt mit der Pretorius harmloser ist, als du denkst. Die hat doch einen furchtbar eifersüchtigen Mann, der niemals eine Liaison mit deinem Kurt zuließe. Sie ihrerseits spricht sehr oft über ihr schönes Familienleben.“
„Es ist gut, dass du zu mir gekommen bist. Das Gespräch hat mich etwas beruhigt. Ich war heute schon fast kurz vor dem Selbstmord. Nun habe ich die ganze Zeit nur von mir gesprochen. Hattest du etwas auf dem Herzen?“
Müller erzählte ihr, was bei der Elternversammlung geschehen war. Jutta schüttelte den Kopf:
„Das soll noch jemand verstehen! Wie kann ein Direktor nur so unpädagogisch sein? Sie hat dir ja regelrecht Knüppel vor die Beine geworfen. Ist das vielleicht eine gemeine Person.“
Müller unterbrach das Gespräch mit dem Argument der vorgerückten Zeit und verabschiedete sich von ihr, nachdem er erholsame Tage in Schmiedefeld gewünscht hatte. Der eigentliche Grund des Gesprächsabbruchs war jedoch das Gefühl des Hasses gegenüber Frau Sanam, das er auf keinen Fall stärker werden lassen wollte, da er sich so viel Niedertracht immer noch nicht vorstellen wollte. Er wollte nicht hassen. Er hatte einen Ausweg besprechen wollen, wie er seine Klasse wieder in den Griff bekommen könne. Die Direktorin war fünfzehn Jahre jünger. Da macht man schon einmal Fehler, versuchte er sich einzureden, um diese unguten Emotionen zu unterdrücken.
Er ging voll schwerer Gedanken zurück zum Lehrerzimmer und traf dort eine jüngere Kollegin, die Englisch und Russisch unterrichtete. Ihm fiel wieder die Gefährdetenkartei ein und fragte, wie sie das handhabe.
Die Antwort war ganz schlicht und einfach: "Horst, mach dir doch darüber keine Gedanken. Wenn ich gefragt werde, gibt es in meiner Klasse keine Schüler, auf die diese Kriterien zutreffen. Basta!"
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.