1 ...8 9 10 12 13 14 ...19 Karl zögerte nicht lange. Noch am selben frühen Vorabend lud er Abdallah zu einer Aussprache unter sechs Augen. Nur Roland war dabei, als der König direkt zur Sache kam.
„So, Amir Abdallah“! eröffnete er in fließendem Latein, das alle drei beherrschten, „nun trag uns vor, was dich wirklich zur mir geführt!“
Ebenso kurz und bündig kam Abdallahs schon länger erwogene Antwort:
„Mein Emir steht mit einigen Verbündeten im Aufstand gegen unseren Ober-Emir in Cordoba. In der kommenden Auseinandersetzung können wir jede helfende Hand brauchen. Wir bitten um eine unterstützende Hilfstruppe der Franken und bieten dafür vertraglich Frieden und Ruhe an eurer Südgrenze!“
„Und was geht wirklich bei euch vor? Was sind eure Absichten, eure Aussichten, wie stark seid ihr und wer steht zu euch?“
Karls Sturzbach an Fragen erschütterte den gut vorbereiteten Emissär des Emirs nicht. Es folgte ein längerer Vortrag zur allgemeinen Lage südlich der Pyrenäen, und zur besonderen in der nördlichen Hochebene, welche die Aufrührer beherrschten. So präzise und zielgerichtet vorgetragen, dass seine beiden aufmerksam lauschenden Zuhörer nicht nur ein gutes Bild der Lage bekamen, sondern auch ein gleichwertiges von der Befähigung ihres Gesprächspartners.
„Ich kann dir noch keine feste Antwort geben“, wies Karl darauf hin, dass der Reichstag das letzte Wort habe. Aber diese Formulierung ließ Abdallah erkennen, dass er siegreich im Zieleinlauf war. Sie brachen ab und gingen gemeinsam zur abendlichen Schau in den Königssaal.
Am folgenden Morgen saßen König Karl und sein Freund Roland allein und unter sich beim gemeinsamen Frühstück. Dies war einer der Augenblicke privater Zweisamkeit, der ihnen den intimen, vertraulichen und fruchtbaren Gedankenaustausch möglich machte. Nachdenklich sah der Graf in sein Bier.
Schon zum Frühstück gab es Bier, Wein, Met oder sonstiges Alkoholhaltiges. Zu jener Zeit war das nicht Alkoholismus sondern Vorsicht. Hygiene war noch kein Lehrfach, aber Erfahrung genügte. Die Umweltverschmutzung des Menschen hatte die Flüsse zu Kloaken gemacht. Im Wortsinn! Wenn überhaupt, dann entsorgte der Mensch die städtischen und sonstigen Abwasser, Tierleichen und alle Abfälle ins nächste Fließgewässer.
Als trinkbar galt nur Quellwasser. Zur Herstellung von Getränken benutzte man aufgefangenes Regenwasser. Das galt als einziges als absolut gesund. Aber dazu musste es auch erst mal regnen. Kuh- Schafs- oder Ziegenmilch wurde ebenso genutzt. Die gab es nur in beschränktem Umfang, denn die Tiere gaben nicht viel her, und das auch nur zu Hause. Wer unterwegs war, konnte nur alkoholhaltigen Getränken vertrauen. Von Geburt an tranken Mann wie Frau überwiegend Alkoholhaltiges - und war daher ständig guter Laune.
„Wir haben zum ersten Male ein volles Jahr der Ruhe vor uns. Hast du schon ein neues Ziel für unsere Rabauken? Wir müssen denen in 778 wieder was bieten, damit sie beschäftigt sind und nicht auf dumme Gedanken kommen!“
„Hmh, na ja, da wird sich schon was finden,“ mauerte Karl.
„Du solltest aber dem Reichstag etwas dazu anbieten“, bohrte Roland nach.
„Na ja, wir könnten mal die Awaren im Land hinter der Donau besuchen gehen. Die sollen einen enormen Goldschatz durch Raubzüge und Plündern der Byzantiner in ihrer Festung Buda angehäuft haben.“
„Du weichst mir aus“, grinste Roland zurück. „Du weist ganz genau, was ich jetzt denke!“
„So, so, jetzt hältst du mich auch noch für deinen Gedankenleser?“
„Mit absoluter Sicherheit nicht! Die wirst du nie erraten! Aber ich kann deine lesen! Du solltest mal schnell eine von diesen Zitronen kommen lassen, die uns diese Mauren mitgebracht.“
„Aha, und was soll ich damit?“
„Die sollst du umgehend komplett auffressen!“
„Ich habe aber keine Verdauungsprobleme!“
„Darum geht es mir auch nicht!“
„Was soll die Zitrone denn dann bewirken?“
„Die soll dir altem Heuchler den gierigen Blick aus deinen Augen vertreiben, der die seit gestern trübt!“ Brüllte es laut heraus und wälzte sich vor Lachen.
„Ha, Ha, ich wusste es ja! Du würdest mir den Streich mit den Schwertern heimzahlen. Na gut, jetzt sind wir mal wieder quitt, und jetzt sprichst du gefälligst Klartext mit deinem armen König. Der ist es nämlich leid, wenn du um den Brei herumredest, um ihm hinterrücks die Würmer aus den Nase zu ziehen!“
Der Graf fasste sich wieder.
„Na ja, wir haben beide gesehen, erlebt - und beide dasselbe gedacht. Fast fünf Jahre haben wir uns mit den Sachsen herumgeschlagen. Jetzt haben wir deren Land, und sonst nichts! Da kommen diese Mauren daher. So wie die hier auftreten, zeigen sie uns ein Land wo Gold und Silber, Seide und kostbares Gewürz in Bergen herumliegen müssen. Da braucht nur ein Franke zu kommen, zuzugreifen, und das alles gehört ihm. Ich glaube ich kenne diesen Franken!“
„Glaub ich kenn den auch!“
„Na also, na endlich! Jetzt sind wir uns einig. Die „Hilfstruppe“ wird die da unten mächtig überraschen – die wird so ungefähr das halbe Frankenheer umfassen.“
„Genau, aber bitte jetzt kein Wort mehr darüber. Horch deinen neuen Kumpel, diesen Abdallah so gründlich aus, wie du kannst, aber unauffällig!“
„Na hör mal – willst du mich beleidigen?“
„Ka-watsch, ich kenn dich doch. Nein, du musst auch dein braunes Mädchen aushorchen lassen. Ich lass dasselbe mit den meinigen tun. Setz noch ein paar clevere Horcher auf das Gefolge an. Vielleicht gelingt es dir glücklichem, weil gerade frauenlosen Weiberhelden ja, diese blonde Germanin dem Abdallah abzuschwatzen. Die und meine drei Negermädchen lassen wir vorsichtshalber mal bei Seite. Die können wir in Aachen ergänzend den ganzen Winter hindurch ausquetschen. Auf und ans Werk – aber alles unter der Grasnarbe!“
Grinsend rieb sich Karl die Hände. Dann langten beide gleichzeitig über den Tisch und schlugen ein.
Zwei schlitzohrige Spießgesellen, die einander Wert waren.
4. Kapitel: Königshofspiele
Nach dem erfolgreichen Auftritt der Mauren vor dem Thron des Königs Karl kehrte der normale Alltag an die Pader zurück, nur viel lebendiger. Es summte auf und um den Hof. Haargenau mussten die Männer, die dabei gewesen, ihren Frauen alle Einzelheiten berichten. Bald darauf schwirrte die Gerüchteküche über. Die Damen unter sich, das Gesinde ebenso, ließ nun Eingeweihte nacherzählen, was andere tatsächlich erlebt. Naturgemäß kamen da immer andere und neuere Einzelheiten in Umlauf, und vieles wurde frei dazu erfunden.
In unregelmäßigen Abständen trafen die weiteren Teilnehmer am Reichstag ein. Der Zustrom schwoll von Tag zu Tag. Auf den Wiesen und Weiden um den Königshof und unter den Eichen drum herum, schoss ein ausgedehntes Zeltlager in die Breite. Ferner umgeben vom schützenden Zeltring des Heeres.
Die Schweineherde, die sonst den Eichenwald dominierte, schrumpfte abseits ihrem Untergang entgegen. Der Haushofmeier des Königs erteilte in dessen Namen Befehle. Der Hofmeier bellte sie seinen Knechten und Sklaven zu. Die wussten bald nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand, den kürzlich erst das geweihte Wasser benetzt. Immer mehr hungrige Mäuler mussten gestopft werden. Das Problem lag nicht in der Beschaffung sondern in der Zubereitung.
Nur wenige Kilometer südlich, hinter dem Salzdörfchen Salzkotten, begannen die endlosen Urwälder, die auch im Norden und Osten das gebirgige Land der Suder-Berge bedeckten. Jeden Morgen bliesen die Hörner zur Jagd. In der letzten Stunde Dunkelheit ließ der Jagdmeier des Königs die Hundertschaft der königlichen Leibwache in die Wildnis vorausreiten. Zusammen mit allen am Hofe entbehrlichen Sklaven und Knechten, ergänzt durch einige Hundertschaften der Krieger drangen sie tief in den Wald. In einer ausgedehnten Umfassung drückten sie das Wild der offenen Hochfläche zu. Dort ritt am Vormittag der König mit seinen Gästen auf. Die wilde Jagd begann. Jeder nahm sich eines der auftauchenden Tiere vor und verfolgte es. Mit dem langen Jagdspieß wurden vom Pferderücken aus Bären und Sauen, Hirsche und Rehe erlegt.
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