Ein kurzer Blick in die Runde, und Abdallah brauchte nicht weiter zu fragen. Der doppelte Hinweis auf seine Verantwortung für das Gelingen der Reise hatte ihn bereits überzeugt.
Schnelle Befehle folgten. Die Abendruhe schlug um in zielstrebige Geschäftigkeit. Während Abdallah die Frauen informierte, brachen seine Männer das gerade begonnene Camp ab, beluden die Karren und schirrten an. Die Kolonne machte sich so unauffällig wie möglich zurück, auf den Weg zur Fernstraße. Die war schnell erreicht. Trotz der späten Stunde zogen immer noch reichlich Reisende ihres Weges. Zur Erleichterung aller sah man keine Zigeuner dazwischen. Sie reihten sich wieder ein und schwammen mit.
Noch im letzten Abendlicht querten sie die Rhone Brücken und setzten über zum jenseitigen Ufer. Eine Kombination aus Brücken, Dämmen und Furten hatte es einfach gemacht, die vielen Mündungsarme des Deltas zu überwinden. Eine Stunde später stand ihr Nachtlager auf dem Anger am Fluss. Angelehnt an die Stadtmauer, direkt hinter dem letzten, dem Hauptarm der Rhone, und zu Füssen der mächtigen römischen Burgmauer fühlten sie sich sicher aufgehoben.
Den Mauren schien es nun geraten, schnell und möglichst weit ab vom Meer und den Zigeunern die Rhone hinauf zu kommen. Der nächste Morgen sah sie schon mitten im Verkehrsstrom, auf dem Zug den Fluss aufwärts. Abdallah beschloss, von nun an nur noch in einer Siedlung zu übernachten. Er befand sich weit genug aus der Reichweite des Ober-Emirs. Im Frankenland ging Sicherheit vor Geheimhaltung. Ein möglichst kleines Dorf oder eine einsame Karawanserei, die man hier eine Taverne nannte, bot beides. Dort weckten sie nur wenig Aufmerksamkeit, und dort schlief es sich ruhiger. Die beiden Vorreiter bekamen ihre Befehle entsprechend geändert.
Ohne besondere Zwischenfälle erreichten sie so die Burgundische Pforte, und an den beiden gewaltigen Schweizer Seen entlang den Oberlauf des Rheins. In der alten Römerfeste Basileam nutzten sie die dortige Steinbogenbrücke, auch von den Römern hinterlassen, und Abdallah mietete im Hafen den größten Rheinkahn, den sie finden konnten. Zwei ihrer alten Legionäre waren germanischen Ursprunges und konnten sich in der exotischen Sprache der Eingeborenen mit ihnen verständigen. Die Gruppe war zu groß. Die beiden Sprachgewandten verkauften auf dem Markt der Stadt drei Karren, und alle Maultiere bis auf die vier besten Zugtiere. Nur diese, und die vier Pferde der Chassas kamen an Bord.
Die Schiffer packten an. Die Karren wurden in der Mitte, im Bauch des offenen Kahns festgezurrt. Die Tiere an ihnen festgebunden. Es wurde auch so noch eng genug. Geschlafen wurde unter dem Sternenzelt. Die eine kleine Vordeck-Kajüte blieb den Damen. Aber auch die hatten sich hier der Not zu beugen. Wer musste, der musste auf die Bordwand, und von dort aus den Flavus Rhenus anfüllen. Ein Grund mehr, gelegentlich bei einem winzigen Quellbach anzulegen, um Wasser aufzunehmen. Die notwenigen Getränke wie Bier und Wein fanden sich käuflich in jedem kleinen Hafen.
Wie im Fluge ging es rudernd und segelnd flussab. Die Reisenden aus dem nun fernen Al-Andalus bestaunten eine exotisch fremde Welt. Die Höhen des Schwarzwaldes zogen fern vorbei. Die ehemaligen Römerstädte Moguntiacum, Confluentes und Colonia Agrippina folgten, nunmehr Burgstädte der Franken, und ihre Namen inzwischen auf dem Weg zur Germanisierung.
Die Schiffsmannschaft verstand ihr Geschäft. Den einzigen schwierigen Abschnitt mit Klippen und gefährlichen Strudeln meisterten sie gekonnt. Sie sahen hinauf zur steilen Felswand, auf der noch keine Lorelei saß. Der Rhein gab sich dahinter friedlich. Beide Parteien strebten das schnelle Geschäft an. Weite Strecken konnten nachts im Sternen- und Mondlicht gefahren werden. Die Mauren-Söldner packten aus Langeweile mit an beim Rudern.
Die nun hochsommerliche Hitze ließ sich auf dem kühlen Wasser in dauernder Siesta angenehm genießen. Sorglos absolvierten sie eine komfortable Lustreise. Diese 650 km ab Basel bis Wesel waren nicht nur der leichteste und schnellste – sie waren auch der angenehmste Teil der Reise. Schneller als erwartet erblickten sie die Mündung des Rio Lippe im rechten Ufer des Rheins. Die Frage, ob dies auch der richtige Fluss sei, stellte sich nicht. Die Schiffer behaupteten mir absoluter Überzeugung, dies sei ihr Zielfluss.
Letzte Zweifel schwanden rasch. Sie steuerten direkt in die alte Römersiedlung Lippeham, und tätigten letzte Einkäufe. Damals bereits ein umtriebiger fränkischer Handelshafen im geschützten Lippe-Mund. Nun heißt das heutige Dorf Wesel.
Der Fluss war einst der Römer Wasserstraße in das Land Germanien. Varus hatte sie genutzt, um in die dortigen Urwäldern vorzudringen, auf dass er sich dort in sein Schwert stürzen konnte. Danach Tiberius, um des Varus Versagen auszubügeln, was auch ihm nicht gelang.
Diese letzten 200 km forderten noch mal allerhand Schweiß. Theoretisch eigentlich ein Umweg. Bei den damaligen morastigen Waldwegen im Land der Mainfranken nach Norden, war die bequeme Flussfahrt auf Rhein und Lippe ein klügerer Reiseweg. Aber jetzt musste flussauf überwiegend gerudert und gestakt werden. Die gemächliche Strömung und die gute Wasserführung der Lippe förderte zunächst ihr Vorankommen. Anfangs begleitete ein noch viel genutzter Treidelpfad das Ufer. Die vier Zugtiere ließen sich auch vor ein Schiff spannen.
Auf halber Strecke, beim Dörfchen Hamm endete der Uferweg, und damit begann das Mühen. Hinter dem Lipperdorf tat sich eine urzeitige Morast-Landschaft auf. Beidseits des Flusses bis zum Horizont mückenschwangerer Sumpf. Darin immer wieder Moränenhügel aus der letzten Eiszeit. Jeder mit einem Eichenhain, darin eine Bauernkate. Die Sachsen hier lebten zwar mückengeplagt, aber das nur im Sommer. Entschädigt wurden sie durch lebenslange ungefährdete Freiheit.
Beim ehemaligen Römerlager Anreppen liefen sie auf Grund. Damit endete die Schiffsreise.
Voraus lag Paderborn in Sicht.
3. Kapitel: Der Königshof an der Pader
Gleich nachdem sie in Anreppen wieder festes Land unter den Füssen hatten, begannen neuerlich die Schwierigkeiten. Die Schiffer empfingen ihren Lohn und verschwanden flussab. Erst als sie auch aufbrechen wollten erkannten sie, dass sie zwar trocken auf einen flachen Hügel standen. Der aber lag in einer ausgedehnten Sumpf- und Moorlandschaft. Die Flüsse Pader, Lippe und Alme waren, wie die sie umgebende flache Ebene, Erben des Eiszeitgeschehens. Verstreut ragten flache Hügel darin auf. Meist nur von einem fälischen Bauernhof in Anspruch genommen, ausgedehntere von kleinen Dörfern. Allesamt jeweils in einem Eichenhain geborgen. Wege schien es nicht zu geben. Nur der Ortskundige wusste, wo sie sich in den sumpfigen Talgründen unter Wasser durch den Morast schlängelten. Eine Region, die selbst den nahen Franken unheimlich schien und von ihnen verschont blieb.
Nach einigen vergeblichen Versuchen, irgendwo eine Landbrücke im Moor zu finden, gaben sie auf. Einer der wagemutigen Veteranen versank bis zum Hals im Modder. Ein ihm zugeworfenes Seil rettete sein Leben. Nackt sprang er nachfolgend in die Lippe, spülte den Morast vom Körper und wusch seine Kleidung.
Es sah so aus, als ob sie bis zum Jüngsten Tage hier fest säßen. Mit den Karren, so schien es, gab es jedenfalls kein Weiterkommen.
Dem war nicht so. Die auffällige Ankunft der Reisegruppe war sehr wohl bemerkt worden. Ihre Exotik weckte Neugier. Hinter dem nördlichen Morast lag nur 100 m entfernt eine Hofanlage, heute Friedhof von Anreppen. Aus dem Bauernland, durch den Sumpf von der Landestelle aus unerreichbar, löste sich eine einsame Gestalt. Auf Umwegen und in Schlangenlinie watete ein junger Mann herbei. Manchmal knietief im Schlamm, aber er wusste offensichtlich, was er da tat.
Blonde lange Haare, barfuß, und eine bis zur Hüfte aufgerollte lange Hose. Oben eine Wolljacke, darin der Sohn des Hofes. Vorsichtshalber näherte er sich mit Hilfe eines Watstockes nur bis auf 10 Meter. Wieder bewährte sich die Mitnahme der Veteranen. Ein Germanisch sprechender Murabitun konnte sich mit ihm verständigen. Der Westfale erklärte ihnen, dass sie mit ihren Karren so nicht auf direktem Weg die 15 km zum Hofe des Frankenkönigs zurücklegen könnten. Einen ihm zugeworfenen Silber-Denar fing er so geschickt auf, wie der Affe im Zoo die Banane. Er besah sie erst mal misstrauisch. Anscheinend hatte er noch nie eine maurische Münze gesehen. Ein Biss seiner kräftigen Zähne bewies es ihm: Silber wars, und nicht irgendein Blech.
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