Plötzlich fühlte sich Marlene emporgehoben von vier kräftigen Armen. Vorsichtig wurde sie auf die Trage gelegt und in das Innere des Krankenwagens geschoben.
Der Arzt, Marlene kam die Stimme bekannt vor, hantierte fast geräuschlos. Sie spürte den Einstich in die Vene kaum. Als etwas Festes um ihren Oberarm gelegt und aufgepumpt wurde, hätte sie am liebsten vor Schmerz aufgeschrien.
»Hören Sie mich, Frau Altmann?«
Nanu, woher wusste er ihren Namen?
Darüber schien sich auch ein Sanitäter zu wundern, denn er stellte dieselbe Frage.
»Das ist doch die Kleine, die in der Betriebszeitung des Glaskombinats arbeitet«, bekam er zur Antwort, »sie hat mich mal interviewt.«
Ob den anderen das interessierte, bezweifelte Marlene, denn sie hörte nicht einmal mehr ein bestätigendes Brummen.
Stattdessen entwich die Luft leise zischend aus der Manschette des Blutdruckmessgerätes. Der Motor heulte auf, das Martinshorn dröhnte in ihren Ohren. Es war eine unangenehme Vorstellung, dass jetzt dort draußen alle anderen Fahrzeuge wegen ihr anhalten mussten.
Ah, jetzt fiel ihr wieder ein, wie der Arzt hieß, der sie kannte: Dr. Grunert, ein Chirurg. Sie war irgendwann einmal wegen eines gebrochenen Knöchels bei ihm gewesen. Und es stimmte, dass sie ihn ein anderes Mal zu seinem Hobby befragt hatte. Ganz stolz hatte er ihr seine Zinnsoldatensammlung vorgeführt.
Aber was tat das alles momentan zur Sache? Tausende Zinnsoldaten drehten sich in ihrem Kopf. Ihr wurde übel, und sie ließ sich wieder in die boden- und schmerzlose Dunkelheit fallen.
»Frau Altmann?« Die laute Frage und ein leichtes Klatschen auf die Wangen ließen sie wieder zu sich kommen.
Marlene konnte die Stimme des Arztes zwar durchaus gut hören, aber antworten konnte sie ihm auch mit äußerster Anstrengung immer noch nicht. Irgendetwas war mit ihrem Mund geschehen. Dr. Grunert tauschte ein paar medizinische Begriffe mit jemandem aus. Fachchinesisch, das sie nicht verstand.
Eine Antwort hatte wohl sowieso niemand von ihr erwartet.
Aber fragen wollte sie, musste sie!
Wo ist mein Junge? Sie formulierte diese für sie so wichtige Frage im Kopf, holte tief Luft, schaffte es aber nicht, die Zunge im Mund zu bewegen. Ein kaum hörbares Röcheln entwich ihrer Kehle. Es war so leise, dass die Männer es gar nicht hätten wahrnehmen können.
4. Nahtoderlebnis und Wahrsagerin
»Wir verlieren sie!«, schrie jemand.
Marlene konnte den Sinn des Rufes und das, was danach geschah, nicht mehr erfassen, denn sie raste schon in einer unglaublichen Geschwindigkeit durch grellbunte Kreise, die sich gegeneinander verschoben wie bei einem Kaleidoskop.
Die schreienden Farben lösten sich ab mit beängstigender Finsternis, dann tauchten erneut bunte, bizarr tanzende Farbgebilde auf.
Marlene fühlte plötzlich, wie sie fortgerissen wurde, in wilder Fahrt durch einen grauen Tunnel raste, der nicht enden wollte. Eine nie gekannte Angst erfüllte sie.
Endlich ein helles Licht am Ende.
Die Angst verschwand ebenso schnell, wie sie gekommen war.
Stattdessen wurde sie von einer Glückswoge überschwemmt, die sie so stark auch noch nie zuvor gefühlt hatte. Je näher sie dem gleißend hellen Licht kam, desto intensiver wurde das berauschende Glücksgefühl.
Ein Tunnel? Ein Licht? Was für ein Tunnel? Was für ein Licht? War sie wach – oder träumte sie?
Sie war nicht länger imstande, darüber nachzudenken, denn plötzlich wurde eine ganz andere Szene in ihrem Kopf lebendig …
*
Marlene war dreizehn Jahre alt und wieder einmal in einer neuen Schule. Wieder einmal war sie mit ihrer Pflegemutter und deren neuem Mann (»Franz der Fünfte«, wie sie ihn heimlich nannte) in eine Stadt gezogen, die sie, wie alle anderen vorher auch, nicht kannte. Immer wieder musste sie sich als »die Neue« behaupten. In der 7. Klasse schien das besonders schwierig zu sein.
Wie freute sie sich deshalb, als Lilli, eine Mitschülerin, sie schon nach ein paar Tagen gefragt hatte, ob sie nicht einmal gemeinsam etwas anstellen wollten.
Anstellen? Na klar! Und ob sie das wollte!
So waren sie also eines Tages nach einem ausgedehnten Stadtbummel gemeinsam auf einem Rummelplatz gelandet. Was gab es da alles zu sehen und zu hören! Herrlich! Die laute Musik und die leisere aus dem Leierkasten, das Schreien der Losverkäufer und vor allem das übermütige Lachen der Kinder auf den Karussells, in das sie beide bald mit einstimmten. Aber da sie kaum etwas ausließen, war ihr Taschengeld schnell zu einem winzigen Häufchen zusammengeschrumpft.
Ratlos schauten sie sich an. Eine versuchte in den Augen der anderen zu ergründen, was sie nun tun sollten.
»Noch einmal Riesenrad?«
»Oder vielleicht doch eher zur Wahrsagerin?«
Es wäre doch bestimmt nicht verkehrt zu wissen, was die Zukunft für sie bereithielt.
Lilli interessierte vor allem, ob wohl der Micha, dessen Eltern das Hotel am Park gehörte, ein wenig verliebt in sie sei.
Marlene dachte noch immer an ihren schwarzhaarigen Peter, ihre erste Kinderliebe aus der dritten Klasse in Dusterbusch. Sie war damals immer wieder hingerissen, wenn er ihre ewigen Schmalzschnitten öfter mal gegen ein Butterbrot und einen Apfel getauscht hatte. Aber das lag ja schon so lange zurück! Ob er wohl auch noch an sie dachte?
Fragende Blicke wurden getauscht. Mit einem Kichern bestätigten sie, dass sie beide dasselbe dachten. So geschah es dann, dass sie sich voller Herzklopfen im Zelt dieser hochinteressanten Dame wiederfanden. So sah also eine Hellseherin aus? Lachhaft! Die Mädchen stießen sich übermütig in die Seite.
Zugegeben, so sehr zum Lachen wirkte sie nicht, eher ein wenig zum Fürchten. Ihre Haut sah ein bisschen wie gegerbtes Leder aus, braun und von vielen Fältchen durchzogen. Von ihren Haaren lugte nur der schwarz glänzende Ansatz hervor, den Rest bedeckte ein malerisches Kopftuch mit vielen roten Rosen auf dunkelblauem Grund.
Zaghaft näherten sich die beiden Mädchen der Hellseherin.
Doch die wehrte mit einer Handbewegung ab und erklärte in gebrochenem Deutsch, dass zunächst nur eine von ihnen dableiben könne.
Schnick-schnack-schnuck? Na gut. Marlene gewann, und Lili zog schmollend ab.
Marlene war etwas mulmig zumute, aber sie wehrte sich nicht, als sie von der exotischen Frau sanft auf einen Hocker gedrückt wurde, der dem hohen Lehnsessel gegenüberstand, in dem die Zigeunerin gleich darauf selbst Platz nahm.
Nach dem Austausch von einigen Belanglosigkeiten übers Wetter nahm die bunt Gekleidete Marlenes Hand in ihre Linke und strich mit dem Zeigefinger nacheinander die einzelnen Linien nach. Plötzlich ließ sie die Mädchenhand fallen, als habe sie sich verbrannt.
Wie damals hatte Marlene auch jetzt wieder das Gefühl, dem besorgten Blick aus den fast schwarzen Augen der Frau zu begegnen.
Was hatte sie gefragt?
»Willst du ganze Wahrheit?«
Als das Mädchen zaghaft genickt hatte, zögerte auch die alte Zigeunerin.
Aber dann kamen die Worte doch, leise und in gebrochenem Deutsch.
»Nun, Kleines, du musst in Läben viel mähr als andere Leute kämpfen um alles. Um Liebe, Freindschaft, Glick, Gesundheit, selbst um nacktes Läben.«
Marlene ging das Gerede gehörig auf die Nerven. Nun hör schon auf mit dem Hokuspokus , dachte sie, kam aber nicht dazu, das Ganze abzubrechen, denn die Frau mit dem Rosenkopftuch sprach schnell weiter, als wolle sie es, einmal begonnen, nun auch rasch hinter sich bringen.
»Wenn du sein wirst dreißig, kommen schweres Unglick. Kann sein, Läben zu Ende … kann sein, muss aber nicht«, wiegelte sie gleich darauf ab, als sich die Bestürzung im Mädchengesicht abzeichnete.
»Wenn aber du richtig kämpfen, kann auch sein, du wirst gaaaaanz alt. Nur, leicht –, leicht wird Läben niemals!«
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