Macht nichts, tröstete sich Marlene, morgen ist schließlich auch noch ein Tag .
Aber weder morgen noch übermorgen, weder diese Woche noch nächste oder übernächste sollte sie es schaffen, ihre Schuhe zum Schuster zu bringen.
Soeben waren sie auf der Brücke am Drahtseilwerk angelangt. Auf der einen Seite rauschte das Wasser etwa drei Meter in die Tiefe. Sie schauten hinunter, aber außer angeschwemmten Schuhen und einem alten Motorradschlauch gab es nichts im Wasser zu sehen.
Fische sah man dort schon lange nicht mehr, weil die Abwässer aus der benachbarten Fabrik ohne Skrupel in den kleinen Fluss geleitet wurden.
Alex wusste noch nichts von Umweltsünden und klatschte in die Hände, wenn wieder ein interessanter Gegenstand hinabsauste, wie jetzt diese Gummiente, die ein anderes Kind vielleicht flussaufwärts hineingeworfen hatte.
Es war noch etwas Zeit bis zum Ende der Schicht, also schauten sie sich noch ein wenig um. Marlene fielen die frischen Blumen an dem Gedenkstein auf. Er war polnischen Soldaten gewidmet, die im April 1945 in das deutsch-sorbische Dörfchen einmarschiert waren. Fast auf den Tag genau vor vierzig Jahren, dachte sie und versuchte, die verblasste Inschrift zu entziffern. Das gelang nur mühsam und erforderte ihre ganze Aufmerksamkeit.
So achtete sie kaum auf ihre Umgebung. Ganz nebenbei sah sie ein paar Kraftwerker aus dem Breiten Weg kommen. Sie hatte zwar die Rundumleuchte auf dem Pkw bemerkt, aber solche Fahrzeuge fuhren hier häufig größeren Sondertransporten voran. Sie warteten, Alex noch im Kinderwagen, auf dem Bürgersteig und hielten Ausschau nach Jürgen.
Und dann war es auch schon geschehen.
Ein gewaltiges Getöse erfüllte die Luft, ein Krachen und Splittern, ein Zischen, als flögen Gegenstände durch eine schreiende Menschenmenge, Metall knarzte auf Metall und Holz barst ganz in ihrer Nähe. Plötzlich durchzuckte ein Wahnsinnsschmerz ihren Körper, sie glaubte, zu brennen oder in Stücke gerissen zu werden. Als sie fühlte, wie sie in einen Abgrund sank, war sie fast dankbar, dass sie sich der Schwärze ergeben konnte und nichts mehr fühlen musste.
Genau so hatte sie sich immer den Tod vorgestellt, ein leichtes Fallen in eine sanfte Dunkelheit, die einem die Schmerzen nimmt.
Doch ihre Stunde war anscheinend noch nicht gekommen. Sie kam schnell wieder zu sich, hörte Stimmen und scharrende Füße. Sie tastete den Boden ab, auf dem sie lag, fand aber nicht, was sie suchte. Ihren Sohn.
Alex? Wo war er? Ihre suchenden Hände füllten sich mit kaltem, grobkörnigen Sand.
Jemand, der stark nach Zwiebeln roch, rief etwas von einem Kranausleger, aber sie verstand nicht, worum es ging.
Marlene wusste überhaupt nicht, was geschehen war oder wo genau sie sich befand. Es war doch gerade noch Tag gewesen, aber um sie herum war alles dunkel, wenn auch nicht still.
Die ersten Kraftwerker hingegen, die nach der Schicht nach Hause wollten, hatten alles mit angesehen: wie sich ein Kranausleger riesigen Ausmaßes von dem Tieflader löste und mit Getöse auf die Straße donnerte. Ein Ungetüm, das sich dunkel abzeichnete gegen den strahlend blauen Himmel.
Sie hörten Bremsen quietschen, konnten nicht unterscheiden, von welchem Fahrzeug. Ein Pkw blieb ruckartig stehen.
Plötzlich flog etwas durch die Luft, das aussah wie eine Schlenkerpuppe. Aber dieses Etwas war ein kleiner Mensch, der aus Leibeskräften schrie. Als er nach einigen Metern fast wie in Zeitlupe am Flussufer landete, ging das Schreien in leises Wimmern über und erstarb dann ganz.
Eine bedrückende Stille breitete sich aus.
Es war, als ob die Welt den Atem anhielte.
Auch die Menschen verstummten und waren wie erstarrt. Niemand von ihnen schien zu wissen, was als Nächstes zu tun sei.
Sollten sie zuerst zu dem Kind, das stumm im Gras lag, oder zu der jungen Frau, die auf dem Bürgersteig lag und noch immer ein Stück vom Kinderwagen fest umklammert hielt?
Das stählerne Ungetüm hatte sie gestreift, das hatten einige gesehen. In dem Fall würde wohl jede Hilfe zu spät kommen. So riefen sie sich gegenseitig ihre Vermutungen zu.
Marlene spürte von all dem nicht viel. Sie war so voller Angst und Sorge – schämte sich auch, dass sie einen Moment lang dankbar gewesen war für die schmerzfreie Dunkelheit, die auch hätte den Tod bedeuten können. Was sollte denn aus Alex werden? Wo war er überhaupt? Wieder begann sie zu tasten, löste ihre Hand irgendwie von dem Stück Metall, das sie wohl die ganze Zeit umklammert gehalten hatte. Sie musste mit beiden Händen suchen, dann würde sie ihn bestimmt schneller finden.
Doch ihre Finger spürten nur Sand und Steine. Und Schmerzen.
Mit dem beschämenden Gefühl, ihrem geliebten Sohn in höchster Not nicht beistehen zu können, glitt sie wieder in die Bewusstlosigkeit. Als sie gleich darauf erneut zu sich kam, wollte sie sich umschauen, aber es gelang ihr nicht, die Augen zu öffnen. Das Gehör? Es funktionierte!
»Oje, das viele Blut …«, hörte Marlene eine weibliche Stimme lamentieren.
»Ich glaube, ein Auge liegt neben der Frau!«, flüsterte eine andere.
Sie hörte wieder das Geräusch, das Füße machen, wenn sie im Sand scharren. Sie konnte unterscheiden, wie Stimmen wisperten, andere schrien.
»Ein Arzt muss her und die Polizei!«
»Ja, die sind unterwegs«, rief jemand. Er habe gleich von der Telefonzelle aus angerufen.
Alles war voll von aufgewirbeltem Staub. Es roch nach Schweiß und neuen Gummisohlen.
Inzwischen bekam Marlene kaum noch Luft. Der Staub hatte sich in ihren Nasenlöchern eingenistet.
»Lasst mich mal durch, ich bin Krankenschwester«, forderte eine junge, energische Stimme. Und während sich die junge Frau durch Menge schob, hatte sie wohl auch manchen etwas unsanft beiseitegeschoben.
Dagegen verwahrte sich ein Mann mit den Worten: »Trotzdem brauchen Sie mich doch nicht so zu schubsen!«
Die Krankenschwester kümmerte sich anscheinend nicht weiter um das Gerede. Marlene konnte ihre Nähe spüren und den leichten Duft von Mandeln wahrnehmen. Sie ächzte, als sie sanft auf die Seite gedreht wurde, ihr jemand etwas Glattes, Weiches auf das offenbar verletzte linke Auge drückte. Eine Decke oder etwas Ähnliches wurde ihr unter den Kopf geschoben.
Es kam ihr selbst merkwürdig vor, wie genau sie alle Geräusche und Gerüche wahrnehmen konnte. Sie hatte den Eindruck, als habe sie ihren Körper verlassen, beobachte alles von Weitem, ein Geschehen, das sie auf gar keinen Fall etwa selbst betraf.
Ihre größte Sorge galt ihrem Sohn Alex. Was ist mit ihm passiert? Ist er verletzt? Erst dann fragte sie sich, was mit ihr selbst geschehen war, wieso sie nicht einmal aufstehen oder die Augen öffnen konnte, um nach ihrem Jungen zu sehen.
Und zu guter Letzt, nach all diesen Fragen, traf sie die grausame Gewissheit wie ein Schlag: Sie war hier keineswegs nur eine Beobachterin, sie war tatsächlich selbst betroffen. Doch das empfand sie noch nicht einmal als das Schlimmste. Am schrecklichsten fühlte sich für Marlene an, dass sie keine Möglichkeit sah, jetzt noch irgendetwas von dem Entsetzlichen ungeschehen zu machen.
Schon von fern war jetzt ein Martinshorn zu hören. Gleich drauf quietschten Bremsen. Der Krankenwagen musste in unmittelbarer Nähe zum Stehen gekommen sein. Es roch nach Abgasen.
»Lasst doch mal die Ärzte durch«, verschaffte sich die Krankenschwester erneut Gehör. Es klang nicht mehr so nah, also war sie vermutlich ein paar Schritte zur Seite getreten.
»Gehen Sie bitte weiter!«, forderte eine Männerstimme, in der auch nicht die kleinste Spur von Verständnis für die Gaffer mitschwang. Die meisten Beine schienen sich auch prompt zu bewegen, die Schritte sich zu entfernen.
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