Als Marie nach Hause kam, war das Haus leer. Nachdem sie ihre Tasche in der Diele abgestellt und ihre Schuhe ausgezogen hatte, begab sie sich nach oben in das obere Stockwerk um sich zu duschen. Marie wusste nicht wie lange sie sich den Strahl der Dusche über die Haut hatte rinnen lassen, doch so langsam spürte sie wie ihr Magen nach etwas essbarem schrie. Sie betrat das Schlafzimmer und ihr Blick fiel über das Feld das hinter dem Haus war. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.
Wie sollen sie hier weiter leben können wenn sie doch nun arbeitslos sein würde? Marie schüttelte die Gedanken ab, zog sich an und ging nach unten in die Küche. Erik war noch immer nicht zu Hause und Marie wunderte sich ein wenig als sie die Wasserflasche aus dem Kühlschrank nahm. Hatte er nicht etwas von Frühdienst gesagt? Mit einem Brot in der einen und einem Glas Wasser in der anderen Hand betrat Marie das Arbeitszimmer ihres Mannes. Alles war sauber und ordentlich aufgeräumt. In der Mitte seines Tisches lag sein Terminplaner. Marie schlug ihn auf und blätterte darin. Am Tag angekommen stand jedoch nichts von Frühdienst, sondern Bereitschaft.
Oh Mann! Wieder eine ganze Nacht allein, - dachte sich Marie und verließ das Zimmer wieder. An manchen Tagen verfluchte sie Erik und seinen Job.
Erik Karter war Arzt aus Leidenschaft. Er liebte nichts mehr als seinen Job und seine Frau, dachte zumindest Marie. Sie respektierte ihn und seinen Beruf, wünschte sich aber doch ab und zu, dass sie mal wieder einen Abend gemeinsam verbringen könnten. Marie setzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer und starrte ins Leere. Nicht nur, dass sie seit Monaten Tag ein Tag aus immer öfter alleine war. - nein auch die Kommunikation die sie und Erik früher hatten fehlte. Immer seltener sprachen sie bis nachts miteinander. Was ja auch schlecht war, denn Erik war die meiste Zeit in der Klinik.
Vielleicht würde Erik sich ja freuen wenn sie ihn in der Klinik besuchen würde? So nebenbei könnte sie ihm dann sagen, dass sie ihren Job verloren hatte. Marie sprang vom Sofa auf, zog sich ihre Schuhe wieder an, nahm ihre Tasche und verließ das Haus. Unterwegs hielt sie noch an der Pizzeria und holte eine Pizza, bevor sie zur Klinik fuhr.
Im Klinikum war es still und ruhig. Ab und zu hörte man ein Baby weinen oder die Schritte einer der Schwestern, die Nachtdienst hatten. Marie kannte den Weg in das Bereitschaftszimmer in und auswendig und machte sich auf direktem Weg dahin. Kurz bevor sie die Tür erreicht hatte, sah sie jedoch wie die Tür geöffnet wurde und ihr Mann mit einer Schwester herauskamen. Sie unterhielten sich angeregt und lachten aus vollem Herzen. Wann hatte Erik das letzte Mal mit ihr so gelacht? Erik sah Marie als Erster.
„Schatz? Was machst Du denn hier?“
„Hallo! Ich wollte Dir was zu essen bringen und da dachte ich wir könnten uns vielleicht einen schönen Abend machen, wenn Du nicht allzu sehr beschäftigt sein solltest“.
„Nein. Komm rein. Schwester Larissa und ich sind fertig“, sagte er und grinste die Schwester an. Diese drehte sich lächelnd um, wünschte noch einen schönen Abend und eilte den Flur hinunter. Während Marie Erik in das Bereitschaftszimmer folgte.
Wenn Marie es geahnt hätte oder gar zwanzig Minuten früher gekommen wäre, wäre sie ganz sicher in einen Tobsuchtsanfall verfallen. Denn da lag er noch in den Armen von Larissa, - nachdem er mit ihr geschlafen hatte.
„Setz Dich“, sagte er zu ihr und machte Platz auf einem Tisch der im Zimmer stand und schloss die Fenster, die er zum Lüften aufgemacht hatte.
„Danke … ich sollte … ich muss mit Dir reden. Es ist wichtig. Ähm, seit wann kommen denn Schwestern in dein Bereitschaftszimmer?“, fragte Marie und stellte den Karton ab. Erik öffnete und nahm sich ein Stück Pizza raus, bevor er es sich auf dem Sofa gemütlich machte.
„Ach, das kommt schon mal vor wenn sie was zu unterschreiben haben oder so. Aber deshalb bist Du ja nicht hier oder? Also … was ist denn los?“
„Ähm … naja … ich wurde entlassen“.
„Entlassen! Warum?“
„Wegen Gehaltskürzungen und so …! Erik wie sollen wir das schaffen? Wie sollen wir unser Haus weiter finanzieren?“
Das Haus! Es war Maries ganzer Stolz und sie liebte es wie nichts anderes. Dass ihre Ehe zu scheitern drohte, daran dachte sie anscheinend keine Minute oder sie wollte es einfach nicht wahr haben, ging es Erik durch den Kopf. Er gönnte Marie ihre Position im Job und er wusste, dass Werbung viel Arbeit machte und viel Arbeit brauchte, doch nun im Stillen war er froh darüber, dass Marie nun wieder mehr Zeit haben würde. Vielleicht würde das sogar ihre Ehe retten.
Als Erik und sie vor Jahren erfuhren, kurz nachdem sie geheiratet hatten, dass sie bald zu dritt sein würden, hatten sie beschlossen aus der vier Zimmer Wohnung in der Stadt auszuziehen und sich ein schnuckeliges Haus auf dem Land, aber auch nicht allzu weit weg von der Stadt zu suchen. Sie hatten viel Wert darauf gelegt, dass ein Garten und viel Platz da wären und hatten dann dieses Objekt entdeckt. Marie war sofort verliebt in das Gebäude und Erik ließ sich breitschlagen und hatte es aus Liebe zu seiner Frau gekauft. Obwohl er sich etwas ganz anderes und nicht so großes vorgestellt hatte. Dieses Haus war alles andere als normal. Abgesehen davon, dass schon alles renoviert war. Von außen sah es vielleicht alt aus, aber im Inneren war es hochmodern. Es besaß eine große Küche in der Terrakotta-Fliesen die Wände und den Böden zierten. Das Wohnzimmer war riesig und verfügte über einen Kamin an dem man abends kuschelige Stunden verbringen konnte. Es gab zwei Badezimmer und drei Schlafzimmer. Rundum, dieses Haus war der pure Luxus. Zwar waren sie nun hoch verschuldet, doch es war und blieb ein Traum von einem Haus und es gehörte nun den Karters. Marie steckte viel Liebe und viel Geduld in dieses Haus und seinen Garten. Doch dann kehrte der Alltag mit all seinen Sorgen und Problemen ein und begann langsam aber sicher ihr Eheleben zu zerstören. Marie war fortan immer in dieser Agentur. Wenn Erik Frühdienst hatte, kam sie erst am späten Abend. Wenn er Nachtdienst hatte und den Tag zu Hause war, war sie in der Agentur und wenn er Spätdienst hatte das gleiche Spiel. Irgendwann wurde es ihm zu blöd und er blieb in der Klinik.
„Wie sollen wir unsere Zukunft weiter planen? Ich mache mir wirklich Gedanken über alles und kann seit heute Morgen an nichts anderes mehr denken“.
Erik schien das alles kalt zu lassen. Denn er machte kein bisschen das bestürzte Gesicht das sie erwartet hatte. Stattdessen stopfte er sich genüsslich ein Stück Pizza nach dem anderen in den Mund. Für Erik würde es bald keine Zukunft mehr mit Marie geben, glaubte er zumindest. Seine Ehe ging den Bach runter.
Er und Marie hatten seit Monaten keinen Sex mehr und lebten ohnehin nur noch nebeneinander her. Daher hatte er sich eine Geliebte angeschafft. Dr. Erik Karter hatte eine Affäre mit Nachtschwester Larissa und verbrachte so viel Zeit wie möglich in ihrem anstatt in seinem ehelichen Bett. Zwar hatte er in den letzten zehn Jahren in der Ehe mit Marie auch schöne Momente erlebt. Doch als vor sechs Monaten Larissa bei ihnen als Nachtschwester angefangen hatte und die beiden sich an einem Morgen im Besprechungszimmer das erste Mal sahen hatte es gefunkt. Aber das wollte er Marie in dieser schweren Zeit, die sie nun durchmachte nicht sagen.
„Ach Liebling, es wird schon wieder. Glaub mir. Wir kriegen das hin“, sagte er küsste sie leicht auf die Wange und aß weiter an der Pizza. Sie hatten alles aufgegessen, beziehungsweise Erik hatte alles aufgegessen und Marie dachte an ein wenig „ehelichen Spaß“, den sie schon lange nicht mehr hatten und kuschelte sich an ihren Mann. Doch weiter kam es nicht, da das Telefon klingelte. Erik nahm ab und verlautete dann er müsse auf Station und wie leid es ihm täte. Und so blieb Marie nur eines – wieder alleine zurück ins Ehebett. Erik geleitete Marie nach draußen und nahm sie in den Arm.
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