Während einige sich mit offenem Mund anstarrten, nickten andere sich bedeutsam zu.
Lange war gerätselt worden. Nun war es heraus!
Das war also ihr Freund und Vater des Prinzesschens. Sie waren ein seltsames Paar.
Die Elfenkönigin reichte dem Windgeist im silbrigen Festgewand mit Trompetenärmeln und anthrazitfarbener Schärpe um die Mitte nicht einmal bis zur Schulter.
Neben ihm wirkte sie noch im bodenlangen, farbschillernden Kleid schleierdünn und nebulös.
Meridor wagte vor lauter Verlegenheit nicht, von ihrem Kind aufzuschauen, wusste sie doch zu genau, was Elfen von Windgeistern hielten. Zwar waren sie ihnen als Luftwesen anverwandt und wurden als Reisemittel geschätzt und für ihre Schnelligkeit bewundert, aber wegen ihrer Verwegenheit gefürchtet und gemieden
Ihre Mutter hatte sich nie daran gewöhnen können, wenn Meridors impulsiver Vater sie, wie aus dem Nichts auftauchend, zu den ungünstigsten Gelegenheiten im Schloss überfiel.
Sie selbst hatte es Sylphon untersagt. Aber wer weiß, ob der sich noch daran halten würde, wo ihre Beziehung publik geworden war. Sie zu verheimlichen war nicht einfach gewesen.
Aber anscheinend hatte es geklappt. Sonst wäre die Überraschung nicht so groß gewesen.
Sylphon entkrampfte die Situation, indem er Meridor das Kissen mit dem gemeinsamen Kind abnahm, um es nach ausgiebiger Betrachtung voll Vaterstolz auf erhobenem Arm den Anwesenden zu präsentieren. „Seht her, unser Prinzsschen. Ist es nicht eine Schönheit?“
In einer stürmischen Umarmung drückte der verdutzten Mutter einen knallenden Schmatz auf. Meridor wäre am liebsten im Erdboden versunken. Wie konnte er nur in aller Öffentlichkeit!
Schon rümpfte Eliodor die Nase. Alle anderen waren offensichtlich sprachlos.
Dann brandete tosender Beifall auf; viele Hände winkten dem ungleichen Paar begeistert zu. Hochrufe erschallen; von allen Seiten waren Ausrufe zu hören wie:
„Gut gemacht!“, „Ist die süß!“ und „Oh wie niedlich!“
Doch versetzte der entstehende Tumult das Königskind in Panik. Es schrie und schrie aus vollem Hals und war nicht zu beruhigen, weder von seiner Mutter, noch von seiner Amme.
Alle verstummten, als die Waldfee abwehrend mit den Armen ruderte.
„Halt, halt! Ihr erschreckt das Kind. Es hat einen Schock erlitten. Ich muss es untersuchen.“
Es wurde mucksmäuschenstill, als Eliodor das Blütensteckkissen vom Vater übernahm.
Frau Luna, die ihre Kinder eingesammelt hatte, beleuchtete hingebungsvoll die Szene.
Eliodor bettete das winzige Mädchen ins hohe Gras, kniete sich davor und legte ihm die Hände auf, erst auf die Stirn, dann auf den Bauch, worauf es allmählich zu sich kam. Während die Eltern ihr dabei zuschauten, wie sie es vorsichtig wendete und hier und dort mit ihrem Zauberstab antippte, tauschten sie sich leise aus.
„Hab ich also recht gesehen, dass du mit Nellyfer und Walfred ankamst.“ Meridor sah Sylphon forschend an. „Warum bist du nicht geblieben?“
Er zuckte bedauernd mit den Schultern. „Wollte dich am Elfenhügel überraschen, bin aber von einem Kollegen aufgehalten worden, der Verstärkung brauchte.“
Meridor musste schmunzeln. „Dafür war aber wenig Wind.“
„War zu weg für euch, um was mitzukriegen. Hab so was geahnt und konnte euch noch
Schützenhilfe leisten. Sonst hättet ihr Probleme mit Schattengeistern gekriegt, die euch auf den Fersen waren. Habe allen das Handwerk gelegt außer diesem einen.“
„War es nicht eine Fledermaus? Die sind doch normalerweise friedlich.“
Er sah sie ungläubig an. „Weißt du nicht, dass Nachtalpen denen verteufelt ähnlich sehen?“
Meridor war zu geschockt, um sich über seine Ausdrucksweise zu mokieren.
„Ich dachte immer, die würden nur durch unsere Träume schwirren.“
„Dass du dich da mal nicht versiehst! Nehmt euch in Acht von denen! Die Biester flattern nachts überall herum und sind, wie du gesehen hast, überaus gefährlich.“
„Welch ein Glück, dass du so unverhofft angerauscht kamst.“ Der Vorwurf in ihrer Stimme war nicht zu überhören. „Hat mich mein Gefühl nicht getäuscht, dass du mitgeflogen bist. Dafür habe ich im Gegensatz zu Eliodor gar nichts riechen können. Sie hat mich bei der Ankunft darauf hingewiesen, konnte aber mit ihren Zaubersprüchen die Gefahr nicht bannen.“
Sylphon kam nicht mehr dazu, etwas zu erwidern, denn auf einmal schrie das Baby wie von der Biene gestochen auf. Die Waldfee entgegnete den fragenden Blicken beider Eltern.
„Ich habe sein rechtes Ohr berührt. Bisher konnte ich mit meinem Zauberstab alle Wunden schließen, aber da scheint etwas innerlich zu sitzen.“
„Kannst du nichts dagegen tun?“, fragte Meridor entsetzt.
Eliodor wiegte bedauernd den Kopf. „Da ist nicht dranzukommen. Das muss man beobachten.
Ich kann höchstens die Beschwerden lindern, wenn es sich beruhigt hat.“
Sie beugte sich hinunter, um dem Prinzesschen erst eine Hand auf das schlimme Ohr zu legen und dann etwas ins andere zu raunen.
Zwar verebbte das Geschrei, dafür wimmerte die Kleine jämmerlich.
Erst als die Mutter sie aufhob, um sie zu abzuküssen und ans Herz zu drücken, entspannte sie sich sichtlich. Als Meridor ihrem Töchterchen tief in die Augen blickte, lächelte es zurück wie in einem plötzlichen Erkennen.
Dann schmiegte es sich wohlig aufseufzend an und nahm den Daumen in den Mund.
„Am besten ihr verschwindet mit der Kleinen, bevor sie wieder losbrüllt, und lasst die anderen weiterfeiern“, riet Eliodor den Eltern. Auf ihren zweifelndem Blick. versicherte sie Meridor mit Nachdruck, sie beim Fest und auf dem Rückweg angemessen zu vertreten.
Sie glaubte ihr aufs Wort, nüchtern wie sie war.
Nachdem sie und Sylphon sich mit Blicken verständigt hatten, ließ Meridor die Hofdamen kommen, um ihnen Bescheid zu geben und das Versprechen abzunehmen, bei der Rückkehr im Schloss dafür zu sorgen, dass die Elfen leise waren, um keinen aufzuwecken.
Mamarena, die sich als ihre Zofe und Dienstälteste für die Elfenkönigin verantwortlich fühlte, war anzusehen, dass sie sie nur ungern mit Sylphon ziehen ließ.
Doch rief die Pflicht als Chefaufseherin auf dem Festplatz, und später musste sie im Schloss auch für Ordnung sorgen.
Meridor winkte Nellyfer heran, die sich auf ihre Frage ihr und Sylphon ohne Zögern anschloss, um sich im Elfenschloss um ihr Kind zu kümmern.
Mit dem Prinzesschen im Arm verabschiedete sich Meridor von den mitgekommenen Elfen und wünschte ihnen noch ein schönes Fest.
Die Hälfte der kleinen Leibwächter gab ihnen Geleit, während die anderen die Elfenformation auf dem Rückflug zur Lichtung flankierten.
Die Waldfee flog mit ihrem Zauberstab voran.
7. Mefilux und die Nagajennen
Die Brenn-Nesseln
stehen in Büscheln
bedrohlich im Schatten
laubträchtiger Bäume.
Doch spinnen Lichtfetzen
gar silberne Netze
auf ihren rauen
scharf spitz gewetzten
kriegerisch stolz
aufwärts gerichteten Spitzen.
Während der kleine Mefilux mit Konfilux, dem Anführer der Nagajennen Jungen, auf dem Rücken eines Nachtalpen zum Nachtspuk beim Buchentrio flog, dachte er über vieles nach und ließ diesen denkwürdigen Tag noch einmal Revue passieren.
Nachtalpen, die wie Fledermäuse mit Menschengesichtern aussahen, zählten zu den Helfershelfern der Nagajennen und dienten ihren Kindern bei ihren Ausflügen als Reittiere.
Nagajennen waren schlangenhafte Schattenwesen mit kurzen Rümpfen, überlangen Gliedern, Schwanenhälsen und nahezu kahlen, übergroßen Wasserköpfen, abgesehen vom bräunlichen Flaum, der das Schädeldach bedeckte. Rote lidlose Schlitzaugen beherrschten das Gesicht, der Mund war nicht mehr als ein breiter Strich, die Nase Nüstern artig, die Ohren groß und spitz. Wie die Erwachsenen trugen die Jungen hautenge schwarze Trikots unter Pelerinen, die bis zu den hohen Schaftstiefeln wallten und kaum etwas von den Schlangenarmen sehen ließen.
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