Einmal, bevor sie fast abstürzt wäre, war ihr, als hätte sie ein unsichtbarer Flügel gestreift. Das musste ein Schattenwesen gewesen sein!
Nicht auszudenken, wenn sich das Königskind inzwischen selbst den Weg ins Licht der Welt erkämpfte! Das käme den Banausen gerade recht.
Als sich die Sonne wendete, strahlten die Sterne so hell, dass endlich zu erkennen war, wo sie sich befand, und Sternkinder, die ihre Nöte bemerkt zu haben schienen, wiesen ihr den Weg.
Das Fest war in vollem Gang; der Tanz hatte begonnen und keiner beachtete, wie Nellyfer auf dem Elfenhügel landete.
Der Chefleibwächter Alfrono, der mit den Seinen am Rande patrouillierte, bemerkte sie als erster. Behände sprang der kleine Elf zur Königin, die am Tisch mit ihren Hofdamen den Tanzenden zuschaute, die sich unten immer ausgelassener drehten.
Mit einer knappen Verbeugung kündete er die Amme an, als Meridor aufschaute.
Sie wurde mit offenen Armen empfangen. Auf den fragenden Blick der Königin erstattete Nellyfer Bericht, was sich am Weiher zugetragen hatte, verschwieg aber geflissentlich, wie lange sie für den Weg benötigt hatte.
„Natürlich sollst du die Geburt einleiten. Wir warten nur darauf. Ich gebe gleich Bescheid.“ Meridors Stimme überschlug sich. Die Anspannung war ihr anzumerken, als sie sich vom Thron erhob, um ihr Glöckchen anzuschlagen und die gute Nachricht zu verkünden.
Die Musik setzte auf der Stelle aus, aber der Lärm wollte kein Ende nehmen.
Überall war zirpendes Geschwätz und schallendes Gelächter zu hören.
Erst als Meridor mit ihrer freien Hand den Zauberstab so energisch schwang, dass zischende Funken im imposanten Bogen herausstieben, wurde aufgeschaut und sich an gepufft.
Dass die Waldfee sich abrupt vom Platz erhob, fiel höchstens ihren Tischgenossinnen auf.
Ihre Haltung verriet höchste Anspannung. Die Blicke beider Regentinnen trafen sich.
Die wenigsten bemerkten, dass sich zwischen ihnen eine wortlose Kommunikation entspann.
Lyraya, die zu ihr zurückgekehrt war, ließ Eliodor nicht aus dem Auge.
Die hielt sich angewidert die Nase zu. Meridor, die kurz zuvor wieder das eigenartige, aber diesmal unangenehme Gefühl beschlich, beobachtet zu werden, demonstrierte daraufhin mit aufgerissenem Mund und an die Brust gepressten Händen, dass ihr etwas Stickiges die Luft abschnürte. Eliodor und Lyraya nickten ihr verstehend zu.
Die zarte Elfenkönigin konnte sich erst Gehör verschaffen, als sie die Amme zu sich bat.
„Hört bitte einmal her!“ Auf ihren Ausruf verstummten die letzten Gespräche.
„Ich habe eine freudige Nachricht. Nellyfer sagt, die schwangere Seerosenknospe hätte sich weit genug geöffnet hat, um die Geburt meiner Tochter einzuleiten.“ Mit einer einladenden Handbewegung rief sie aus: „Wer dabei sein möchte, kann gerne mitkommen.“
Jubel und Beifall ertönte. Fast alle weiblichen Elfen bekundeten lauthals ihre Zustimmung.
Rosalie, Petunia und Narcissa hatten sich bei den Kreistänzen wie selbstverständlich unter die Erwachsenen gemischt und wurden prompt von drei langen, schneidigen Rittersporn-Jünglingen in blitzenden Rüstungen abgeklatscht, die sie herumwirbelten, dass ihnen in ihren flatternden Chiffonkleidchen Hören und Sehen verging.
Rosalies Tanzpartner, der sich ihr als Rodolfo vorstellte, bremste erst den Schwung, als ihm aufging, dass seine Partnerin außer Atem war. Jetzt konnte sie wieder alles mitbekommen.
Beim Gebimmel der Elfenkönigin machte sie einen Stolperer und wäre hingefallen, als sich Nellyfer neben Meridor auf dem Elfenhügel zeigte, hätte ihr Tänzer sie nicht aufgefangen.
Rodolfo, dem sie knapp bis zur Schulter reichte, lachte. „Hoppla, nicht schon wieder!“
Sie wies zum Elfenhügel. „Hast du nicht gehört? Jetzt wollte mir keiner Beinchen stellen.“
Der Lange horchte auf, ohne hoch zu schauen. „Ist Meridor noch was eingefallen? Wer hat es denn auf dich abgesehen? Hab mir die Augen ausgeguckt, aber keine Kobolde entdeckt.“
„Kein Wunder im Birkenschatten, und ich glaube eher, dass es Schattenwesen waren.“
Sie dirigierte ihn zu ihren Freundinnen, um sie auf Meridors Gast aufmerksam zu machen.
Abrupt bremsten sie ihre Tänzer. Wie gebannt schauten alle zum Elfenhügel, um zu hören,
was ihre Königin ihnen zu sagen hatte.
Nach ihrer Ankündigung mussten die drei Mädchen erst einmal Luft holen und beschlossen, sich zur Beratung an ihren Tisch zurückzuziehen unter lautstarkem Protest ihrer Tanzpartner,
die sie erst gehen ließen, als sie ihnen nächsten Tanz versprachen.
„Lag die Wald Hexe doch richtig mit ihrer Prophezeiung“, schnaufte Petunia, die sich mit Narcissa abgekämpft auf die Bank fallen ließ. Rosalie schüttete den restlichen Brombeerwein aus der Karaffe ein und hob ihr Glas, um mit ihnen klirrend anzustoßen.
„Auf den Schock.“
Rosalie stellt ihr Glas ab und überlegte angestrengt. „Ist nicht gesagt, ob der Zeitpunkt stimmig ist. Wurden dem Kind nicht von der Alten besondere Zauberkräfte bei einer Geburt zur Sonnenwende angedichtet? Die ist doch schon vorbei!“
„Du sagst es“, rief Petunia, „es ist nur dieselbe Nacht, wenn es gleich geholt wird.“
„Vielleicht nimmt` s die Alte nicht so genau damit. Die Planeten wandern nicht so schnell“,
sinnierte Narcissa. „Das gilt nicht für die Mond Frau, und die beherrscht außer der Gefühlswelt die Magie“, trumpfte Rosalie auf. Die Anderen zuckten hilflos mit den Schultern.
Forschend ließ Rosalie den Blick über die Tischrunden der Elfenfrauen schweifen und musste feststellen, dass sie sich beträchtlich geleert hatten. Das hätte sie nicht gedacht!
Es herrschte ein Gewimmel vor dem Elfenhügel, wo Meridor und Nellyfer auf die Elfen warteten, die sie begleiten wollten.
Mit dem Finger darauf zeigend stieß Rosalie die Freundinnen auffordernd an.
„Sollen wir mitfliegen, Mädels?“ Petunia flötete „Aber sicher, ist doch Ehrensache!“
Nur Narcissa hegte Bedenken. „Ob wir da mithalten können so viel wie wir getrunken haben? Wir sind doch überhaupt keinen Alkohol gewöhnt.“
„Papperlapapp! Wir bleiben wie immer zusammen und halten uns ganz fest an den Händen“, wehrte Rosalie ihren Einwand mit einer unwirschen Geste ab.
Petunia legte der ängstlichen Freundin beschwichtigend eine Hand auf die Schulter.
„Wird schon schief gehen, meine Liebe. Mach dir nicht ins Hemd!“
Meridor breitete ihre prächtigen Flügel zu voller Spannweite aus, um den Ihren mit erhobenem, funkensprühenden Zauberstab vorauszufliegen; ihre Hofdamen mit Eliodor und Nellyfer im Gefolge.
Immer mehr Grüppchen schlossen sich an, die kleinsten auf den Schultern Großer, wenn sie nicht Libellen ritten. Sich an den Händen haltend bildeten die Elfen eine Vogelformation, die über den finsteren Wald, über Wiesen und Felder, dem Weiher zustrebte.
Die Sternkinder gaben ihnen mit ihrer Mond Mutter Geleit.
Das Klatschtrio hatte den Anschluss verpasst, weil es lange Diskussionen mit Narcissa gab.
So schnell die Drei auch flogen, die anderen waren nicht mehr einholen.
Unterwegs sprachen sich die Unzertrennlichen gegenseitig Mut zu, der durch aufkommende Böen beträchtlich ins Wanken geriet.
Narcissa wollte schon umkehren. Aber die Anderen umklammerten ihre Hand so fest, dass sie sich nicht entwinden konnte. Rosalie und Petunia gerieten aber auch in Panik, als sie ins Torkeln gerieten und sich beinahe überschlugen.
Zu allem Übel schwirrten Schattenstreifen um sie herum und versuchten, sie aus der Bahn zu werfen. Es fühlte sich wie ein kühler Windzug an, der sie frösteln ließ, wenn sie einer streifte. Die angstvollen Blicke der Freundinnen bewogen Rosalie, die beide fest an den Händen hielt, Ausweichmanöver in Schlangenlinien zu vollführen.
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