Plötzlich schrie Narcissa auf, die ihre Hand um krallte, dass es schmerzte. „Auch das noch! Wollen die Windgeister Schabernack mit uns treiben? Das finde ich gar nicht lustig!“
Wie bei einem heftigen Sturm brauste und pfiff es um sie herum, so dass von Rosalies zugeschriener Antwort nur Wortfetzen durchkamen. „Kann gar nicht sein… alles unter Kontrolle… keiner zu sehen… nur stärkere Windböen.“
Petunias Hand fing an zu zittern, und bei ihrem Zähneklappern war sie kaum zu verstehen. „Was fliegt… um die Ohren? ...Furchtbar zugig…Kleid flattert wie…entsetzlich kalt!“
Narcissa, die jetzt auch am ganzen Leibe schlotterte, nickte ihr heftig zu.
„Lieber umkehren... ganz zurückgefallen… Wer weiß…“
Der Rest ging im Pfeifen unter.
Rosalie, der selbst nicht ganz geheuer war, drückte ihre Hände und schrie dagegen an.
„Papperlapapp!.. schon nicht umhauen. Haltet… fest… gleich… am Ziel!“
Es war zum Verzweifeln, als würden Schattenflügel ihnen um Arme und Beine klatschen.
Sie klammerten sich immer fester aneinander, um sich ja nicht zu verlieren.
Zu allem Überfluss kreuzten noch Irrlichter im Zickzack ihre Bahn. Es wurden immer mehr.
Die Freundinnen atmeten erleichtert auf, als ein ferner Wellenschlag an ihre Ohren drang.
Sie schauten sich triumphierend an. Bald waren sie in Sicherheit.
Nellyfer konnte sich keinen Reim darauf machen, warum die Elfenkönigin und die Waldfee sich bei ihrer Ankunft am Ostufer des Weihers unter eine Birke zurückzogen.
Sichtlich besorgt tuschelten die beiden miteinander, obwohl sie unterwegs weder belästigt, noch angegriffen wurden.
Doch könnte die Waldfee mit ihrer übersensiblen Nase etwas gewittert haben.
Als Nellyfer forschend zum Blätterteppich mit den Seerosen hinüberschaute, atmete sie auf.
Die dicke weiße Knospe hatte sich zwar weiter geöffnet, umhüllte aber weiterhin das Kind.
Eliodor gesellte sich zu den Wartenden, Meridor kam zu ihr und wies auf die weiße Knospe. „Hat sich in der deiner Abwesenheit noch mehr getan?“
Nellyfer nickte. „Es sind noch zwei weitere Blattkränze abgesprungen.“
Es war ein schönes Bild, wie Sternfächer, die sich über Sternteller ausgebreitet hatten.
Meridor war die innere Anspannung anzusehen. „Flieg sofort hin und sieh es dir genauer an.“
Nellyfer musste allen Mut zusammennehmen, der Aufforderung nachzukommen.
Auf einmal beschlich sie das Gefühl einer lauernden Gefahr.
Doch landete sie unbehelligt neben der schwangeren Blüte auf dem Blätterteppich.
Nur eine dünne Blattschicht trennte das Königskind noch von der Außenwelt.
Sie ging in sich, um ihre Sinne zu sensibilisieren In einem stummen Gebet ersuchte sie Mutter Natur um Hilfe, bevor sie sich prüfend über die Knospe beugte.
Die Hülse war so durchscheinend, dass das Elfenbaby nun schemenhaft am Blütenboden auszumachen war.
Sie mit beiden Händen umschließend redete Nellyfer beschwichtigend darauf ein. einzureden.
Die Kraft der Natur strömte machvoll in sie ein.
Nun war es ein Leichtes, die letzte Hülle zu entfernen. Doch ging sie behutsam vor.
Ein Winzling mit allem Drum und Dran schaute Nellyfer vom Blütenstempelkissen aus großen Augen an. Dann fing das Baby an zu schreien, zu strampeln und zu boxen.
Ihr aufmunterndes Lächeln schien es zu entspannen. Leise wimmernd schaute es sie aus himmelblauen, wässrigen Augen an. Das Herz ging ihr beim Betrachten auf. Porzellanteint, pausbackiges Gesichtchen, umrahmt von feinen Silberlöckchen, goldig. wie ein Engelchen.
Sie wollte ihm gerade ein Blütensteckkissen zaubern, als ein schattiges Flatterwesen im Steilflug auf sie zukam.
Ihr Zauberstab fiel ihr aus der Hand.
Von allen Seiten drangen Geräusche auf sie ein, abgedämpft, wie durch eine Watteschicht.
Ein gellender Schrei wie aus weiter Ferne- Dreimaliges Wasserklatschen wie aus der Nähe.
Ihr Zauberstab? Unmöglich. Das konnte nicht mehr sein!
Im Wasser war nichts zu sehen. Hatte der Schock ihr etwas vorgespielt?
Aufgewühlter Wellenschlag, ein Rauschen und Zischen in der Luft, ein Sirren ringsherum.
Es traf sie mit voller Lautstärke. Wie ein schattiger Pfeil schoss etwas auf sie zu.
Aug in Auge schlug die Fledermaus ihr die Krallen in den Nacken, um sie wegzuzerren.
Nellyfer schrie auf. Der Schmerz durchzuckte sie wie ein scharfes Messer.
Sie wurde im weiten Bogen hochgeschleudert und landete rücklings am äußersten Rand des Blätterteppichs, der sie zum Glück weich auffing.
Verschreckt und entsetzt wie sie war, brauchte es Zeit, um sich aufzurappeln.
Sie sah an sich hinunter und schaute sich suchend um. Der Zauberstab lag unversehrt auf einem hochgebogenen Blatt, und ihr Kleid hatte keinen Tropfen abbekommen.
Überall blitzte und zuckte es am Himmel wie im Wasser, doch war kaum noch Wellengang.
Die weiße Sternblüte war im Geflimmer der hinein gesprungenen Sternkinder kaum noch auszumachen, die damit im weiten Strahlenkranz, den ihre Mond Mutter über den Weiher warf, versuchten, den Widersacher des Elfenprinzesschens außer Gefecht zu setzen.
Lichtpfeile surrten durch die Luft, Speere der königlichen Leibgarde.
Gezackte Fledermausflügel hoben sich übergroß vom Mondlicht ab. während der Körper sich verflüchtigte.
Im Zickzackflug wich der Angreifer geschickt den Zauberspeeren aus.
Als ein Wölkchen Frau Luna ausblendete, tauchte eine Schattengestalt im Vollbild davor auf, die, offensichtlich von einem Mondstrahl geblendet, ins Torkeln geriet.
Irritiert löste die fledermausartige Gestalt eine Klaue vom aus voller Kehle brüllenden Neugeborenen, um sich die Augen zuzuhalten, packte aber mit der anderen umso fester zu.
Plötzlich rauschte es gewaltig über Nellyfers Kopf. Es kam ihr irgendwie bekannt vor!
Ein heftiger Windzug fegte durch die Seerosenblätter, dass die Blüten erschreckt die Köpfe einzogen. Beim Hochschauen musste sie ihre Augen mit einer Hand abdecken.
Frau Luna stand nun so tief, dass sie gewaltig blendete, und die bei ihr verbliebenen Sternkinder schienen sich im Funkeln zu übertreffen.
Ein Windgeist schnellte im silbergrauen, flatternden Gewand auf den Kindsdieb zu.
Nun ging alles rasend schnell, zu schnell, es im blitzenden Lichtmeer genauer zu verfolgen.
Der Windgeist pustete dem Flattergeist aus vollen Backen ins Gesicht und brachte ihn ins Schleudern, packte ihn am Schlafittchen und entriss ihm das Kind, das herzzerreißend schrie.
Der Dieb entwand sich ihm, um das Weite aufzusuchen, und war bald nicht mehr zu sehen. Der Windgeist flog wimmernden Baby im Arm auf Nellyfer zu. Es war tatsächlich Sylphon. Nellyfer zögerte nicht lange, als er wortlos vor ihr niederkniete und stieg auf seine Schulter. Beschwichtigend redete sie im atemberaubend schnellen Flug auf das Kleine ein.
Eh sie sich versah, waren sie am Ufer angelangt.
Sylphon überreichte Meridor das Kind und sah sie fragend an. Sie nickte ihm nur zu.
Während Nellyfer dem zitternden Prinzesschen mit ihrem Zauberstab ein Kleidchen und ein Blütensteckkissen herbeizauberte, entspann sich zwischen dem Paar ein wortloser Dialog.
In der Aufregung war der rosa Kleiderstoff beim Anzaubern etwas blass geraten, was Meridor jedoch nicht wahrzunehmen schien, als sie das weiche Kissen in Empfang nahm, um ihr Kind hineinzulegen. Allmählich beruhigte sich das zarte Wesen und hörte auf zu wimmern.
Elfengrüppchen stieben auseinander. Man riss sich um die besten Plätze und verrenkte sich den Hals, um alles mitzubekommen.
Doch lief nach dem Horrorszenarium auf dem Wasser alles schweigend ab.
Die Waldfee schüttelte der Elfenkönigin die Hand, um sie zur Tochter zu beglückwünschen. Die Elfen hielten den Atem an, als sie auf Sylphon zutrat, um auch ihm die Hand zu reichen.
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