Tara unterbrach ihn. „Hören Sie mir nicht zu, wir wissen , was passieren wird, das versuche ich Ihnen doch die ganze Zeit klar zu machen. Prophetische Träume, wie sie die Priesterinnen haben, werden immer wahr.“
„Tara, jetzt übertreiben Sie nicht, sie können mir ja nicht einmal sagen, wann diese Katastrophe eintreten wird.“ Er schüttelte den Kopf und setzte sich wieder.
Tara erwiderte, „bald, alle fühlen es.“
Er erhob sich erneut und setzte sich auf die Hinterbeine. „Auf Gefühle kann ich mich nicht verlassen, ich brauche Tatsachen, um etwas unternehmen zu können, bringen Sie mir handfeste Beweise und wir berufen den Rat ein, ansonsten, wünsche ich Ihnen einen schönen Tag.“ Damit entließ er Tara, die wütend aus der Höhle stürmte.
*
Schon von Weitem sehen wir Tara auf uns zukommen, sie sieht frustriert aus, anscheinend hat sie inzwischen mit Meister Karl gesprochen. Er ist der Vorsitzende des Rates.
„Ich habe schlechte Neuigkeiten, der Rat lehnt es ab, etwas zu unternehmen, nur weil ein paar Priesterinnen schlecht träumen. Ich habe gerade mit Meister Karl gesprochen, er ist so ignorant, ich fasse es nicht. Wir müssen uns also selbst überlegen, ob wir irgendetwas tun können.“ Das sind enttäuschende Nachrichten.
In unserer Wohnhöhle zurück, beratschlagen wir, was man unter Umständen unternehmen könnte. Das ist gar nicht so leicht.
„Gibt es außer uns noch irgend jemanden der sieht, dass Not an der Maus ist, abgesehen von den Priesterinnen? Wir sind nur eine Handvoll Mäuse und ein paar davon sind noch Kinder. Wir müssen mit den Leuten reden, sie informieren, vielleicht erreichen wir damit etwas.“ Amo hat recht, abwarten wird nichts bringen. Wir brauchen einen Plan. Tara schlägt vor, dass alle essen und schlafen, und wir uns morgen früh wieder treffen. Inzwischen trommeln sie und Amorosom ein paar Freunde zusammen, sie wollen mit ihnen reden und sie gegebenenfalls mitbringen. Cito läuft heim und ich falle todmüde ins Nest. Mein erster Tag außerhalb der Höhle war aufregend. Ich sinke praktisch sofort in einen traumlosen Schlaf.
Beim Erwachen höre ich fremde Stimmen. Alle sprechen durcheinander. Mindesten ein Dutzend Mäuse quetschen sich in unserem Heim zusammen. So viele habe ich noch nie auf einmal gesehen. Nun ja, ich sehe auch noch nicht lang. Ich kichere in mich hinein. Mein Blick fällt auf Cito, der mich angrinst. Ich winke ihm zu und er kommt herüber.
„Na, ausgeschlafen?“ Er lächelt mich lieb an.
Ich nicke. „Wo kommen die alle her?“
„Amos und Taras Freunde, die einzigen die auch besorgt sind,“ meint Cito.
Sie reden über das bevorstehende Unglück und den Rat, der nichts unternehmen will. Nach einer Weile höre ich nicht mehr zu, sondern konzentriere mich auf Cito. Er verfolgt gebannt das Gespräch, das gibt mir Zeit, ihn näher zu betrachten. Sein Fell ist etwas dunkler als meins, er ist schlank und hat kräftige Beine.
„Das kann es doch nicht gewesen sein?“ Amos Frage reißt mich von Citos Anblick los.
Tara schüttelt den Kopf. „Ach, ich weiß auch nicht...“
*
Meister Karl lief nervös auf und ab, seine Gedanken überschlugen sich, was, wenn die Priesterin recht hatte? Tara war ja, alles in allem, eine vernünftige Person. Aber käme es erst in vielen Tagen zur Katastrophe, würde er die Leute nur kopfscheu machen. Er überlegte hin und her. Unternahm er nichts, würde man ihm vorwerfen, den Kopf in den Sand zu stecken. Veranlasste er etwas, und es passierte doch kein Unglück, hätte er auch den schwarzen Peter, dann werden die Leute ihn für unfähig halten, die Lage richtig einzuschätzen und ihn nicht mehr wählen. Egal, wie er sich entschied, immer würden sie ihm die Schuld geben. Da blieb nur eines, eine Ratsversammlung einberufen, und die Mäuse selbst entscheiden lassen, dann, und nur dann werden sie ihn, vielleicht, nicht zur Verantwortung ziehen.
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Wir hören auf einmal einen schrillen, lang gezogenen Pfiff. Er wiederholt sich noch zwei Mal. Das ist das Signal, dass der Rat gleich tagen wird. Ratssitzungen sind immer Pflicht, auch für die Kinder. Alle ab fünfundvierzig sind verpflichtet abzustimmen, für die Jungmäuse ist das eine Lerneinheit, so erfahren wir etwas über unser Rechtssystem.
Mir fällt gerade ein, dass ich jetzt schon siebzehn Tage alt bin, noch ein oder zwei, und ich werde meine erste feste Nahrung zu mir nehmen. Es ist auch die erste Ratssitzung in meinen kurzen Leben, und ich bin gespannt darauf. Wir machen uns alle auf den Weg zum großen Ratssaal. Das ist eine riesige Höhle, in der Mitte der Stadt gelegen. Heute werde ich sie zum erstmals sehen. Und gleich bei einer so wichtigen Abstimmung, von der vielleicht unser aller Leben abhängt. Ich bin ziemlich aufgeregt und kann es kaum erwarten, bis es endlich losgeht.
„Ich halte uns einen Platz ganz vorne frei, Maxi,“ ruft Cito und rast davon. Wir anderen bewegen uns wesentlich langsamer hinterher. Von überall strömen Mäuse, meist mit der Familie im Anhang, Richtung Ratssaal. Wenn man das Gewusel sieht, wir sind wirklich viele, erinnert es an eine Plage. Mutter hat mal eine Geschichte darüber erzählt.
Nach einem endlos scheinenden Weg, na ja, mir kommt es so vor, aber ich bin ja auch das erste Mal so weit weg von unserem Zuhause, erreichen wir den Ratssaal. Er ist sehr groß und brechend voll. In der Mitte gibt es einen kleinen Hügel, dessen Spitze abgeflacht ist. Darauf liegt der Redestab, der einen geregelten Ablauf der Sitzung gewährleisten soll. Die Wände sind zum Teil aus Steinen aufgeschichtet, der Rest besteht aus Erde und Sand. Seitlich sieht man ein Stück des großen Wassers. So nennen wir einen See, der von unzähligen Flussarmen gespeist wird, und unsere primäre Trinkquelle ist. Ohne ihn müssten wir ständig die Stadt verlassen, wenn wir Durst haben.
Der Rat besteht aus dem Meister der Mus, der die weltlichen Angelegenheiten regelt, und der Hohepriesterin, die für die spirituelle Seite zuständig ist. Sie haben jeweils zwei Berater. Alle einhundert Tage werden die Meister neu gewählt. Die Priesterinnen werden, so wie ich, geboren und ausschließlich ihre Fähigkeiten bestimmen, wer die erwählte Hohepriesterin sein wird. Ich erinnere mich wieder, das kam in den Geschichten meiner Mutter vor.
Der Ratssaal ist relativ rund. Auf dem Hügel in der Mitte nehmen jetzt die beiden Anführer ihren Platz ein. Die Berater stehen in einem Kreis darum herum, mir fällt auf, dass die Wirkung von Macht, beabsichtigt scheint. Alle Augen sind unverwandt auf den Hügel gerichtet. Meister Karl hält den Redestab in den Pfoten, wer etwas zu sagen hat, bekommt ihn und gibt den Stab dann an den nächsten Redner weiter. Er ist eine ziemlich große, fast dunkelgraue Maus mit listigem Blick und einer sehr runden Schnauze. Er überragt die zierliche silbergraue Tabitha mit ihren leuchtenden Augen und dem spitzen Näschen um einiges. Weit vorne erregt Cito meine Aufmerksamkeit, indem er auf und ab hüpft. Ich schlängle mich durch die Menge, klettere und springe über andere Mäuse, bis ich bei Cito angekommen bin.
Er grinst. „Endlich bist Du da, wie versprochen habe ich Dir einen Platz aufgehoben, es war zum Schluss gar nicht mehr so einfach, als das Gedränge immer größer wurde.“
Ich lächle zurück. „Aber zum Glück, hast Du es geschafft, danke Dir, Cito, so kann ich alles gut sehen.“ Ich schaue mich nach dem Rest meiner Familie um, aber im Moment entdecke ich sie nirgends.
*
Ein grelles Pfeifen erschreckt uns, alles wird mucksmäuschenstill. Die Ratssitzung beginnt. Die Hohepriesterin intoniert ein Gebet.
„ Wir bitten MUS alle Mäuse zu beschützen,
besonders die Jungen, denn sie sind die Zukunft.
Wir bitten MUS uns weise und gerecht entscheiden zu lassen,
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