„Ja, an diesem wunderbaren silbergrauen Fell würde ich die Kinder meiner Freundin immer erkennen.“ Er lächelt uns an.
„Meine Mutter ist ihre Freundin?“ Jetzt bis ich zu neugierig zum Wegrennen, Bene scheint es genau so zu gehen, er starrt die große Maus mit offenem Maul an.
Die Augen des Fremden funkeln belustigt. „Schon so lange ich denken kann. Wir wuchsen zusammen auf und für die eine oder andere Brut bin ich wohl verantwortlich.“
Das ist ja eher selten, das man seinen 'beinahe' Vater trifft. Erzeuger kümmern sich normalerweise nicht um ihre Kinder, das sagen jedenfalls die Geschichten.
„Ich wollte mal nachsehen, wie es Euch so geht“, sagt er „mein Name ist Amorosom, aber das ist etwas lang, nennt mich einfach Amo. Ich bringe Euch jetzt besser wieder zurück zu Euer Mutter, sonst macht sie sich noch Sorgen.“
Wir nicken, drehen um, und gehen mit Amo in Richtung der Wohnhöhle. Unterwegs erzählt er Bene und mir, dass er ein Wächter ist, einer, der die Stadt der Mus bewacht und beschützt. Das ist ein wichtiger Beruf, sie warnen die Bewohner vor Gefahren aller Art, schlichten Kämpfe unter männlichen Artgenossen und beschützen die Kinder. Inzwischen sind wir wieder bei unserem Zuhause angekommen. Mutter tritt gerade heraus und schaut sich suchend um, erwartet sie uns schon?
Erleichterung klingt in ihrer Stimme durch. „Ich habe mir Sorgen gemacht, wo wart Ihr denn bloß? Ich wollte Euch gerade suchen gehen. Ach Amo, danke, dass Du sie zurückgebracht hast.“
Er lächelt sie warm an. „Kein Problem, Josselyn, ich war sowieso gerade auf dem Weg hierher zu euch, um mir die Kinder anzusehen.“
Mutter lächelt dankbar zurück. Meine Geschwister und ich sind noch nicht abgestillt, das heißt, wir essen zurzeit keine feste Nahrung. Wenn wir verloren gehen, könnte das unseren sicheren Tod bedeuten. Dann begrüßt sie Amo mit einem freudigen Nasenreiben und schnüffelt besorgt an uns herum. Als ob auf dem kurzen Weg irgendetwas mit uns passiert wäre. Auf einmal werde ich müde, es ist ein anstrengender kleiner Ausflug gewesen. Mutter schickt uns kurzerhand ins Nest. Kaum liege ich zwischen meinen Geschwistern, da fallen mir die Augen zu.
*
Ich habe einen seltsamen Traum. Alles ist hell, grellweiß, es blendet. Zwischen halbgesenkten Lidern sehe ich mich um. Riesige gelbe Monster stehen still um eine große Wohnhöhle herum. Merkwürdige Wesen bewegen sich auf zwei Beinen vorwärts darauf zu. Ich erschrecke, die Kreaturen erwachen zum Leben. Sie versuchen, die Heimstatt zu zerstören, und die Zweibeiner helfen auch noch mit.
Es ist ein grauenhafter Anblick. Die Höhle bricht zusammen, es gibt ein schrecklich lautes Geräusch und die Erde bebt. Mit einem Schrei wache ich auf.
Sofort ist Mutter bei mir und versucht mich zu beruhigen. Während ich ihr schluchzend berichte, wird sie um die Nase herum ganz blass.
„Das ist ja ein schlimmer Traum gewesen, mein Schatz, ich glaube, den musst Du später Tara erzählen. Jetzt versuche noch etwas zu schlafen.“ Sie streichelt meine Stirn, das liebe ich besonders, bis ich erneut eingeschlafen bin. Diesmal ruhig und völlig traumlos.
*
Als ich wieder erwache, sitzen Mutter, Tara und Amorosom um mich herum. Meine Geschwister sehe ich nicht.
„Nun erzähl uns Deinen Traum, Maxi, es könnte wichtig sein,“ sagt die Priesterin zu mir, „außerdem scheint er Dich sehr mitgenommen zu haben. Es ist immer besser, so schnell wie möglich jemandem seine Träume zu erzählen. Sonst kann es passieren, dass man etwas davon vergisst. Und, Du wirst sehen, es geht Dir gleich besser. Es ist leichter zu ertragen, wenn Dir jemand zuhört und Dich tröstet.“
Also berichte ich, was ich im Traum gesehen habe.
Nachdenklich sieht Tara mich an. „Also, ich verstehe es nicht, Du bist noch so jung, erst sechzehn Tage alt, wie kann das sein? Du bist eine Prophetin, aber so etwas habe ich noch nie von so einer jungen Maus gehört, Du bist wirklich etwas Besonders.“
Na ja, es war nur ein Traum, oder? Ich werde eines besseren belehrt, Tara berichtet mir, dass es höchstwahrscheinlich so passieren würde, wie es mir gezeigt wurde. Sie erklärt mir, was ich da alles gesehen habe. Die große Wohnhöhle nennt man Haus, die gelben Monster sind Maschinen und die Wesen auf zwei Beinen heißen Menschen.
Seit Tagen träumen die Prophetinnen der MUS schon davon, dass er auch mir offenbart wurde, macht ihn noch wichtiger, womöglich dringender, sagt sie. Unsere Stadt wird mit ziemlicher Sicherheit bald zerstört werden, und wir müssen uns ein neues Zuhause suchen, wenn wir nicht alle der Gefahr aussetzen wollen, zu sterben oder verletzt zu werden.
Tara erhebt sich. „Amorosom wird bei Dir bleiben, Maxi, ich muss zum Rat und sie überzeugen, endlich etwas zu tun.“
Tara geht rasch davon und lässt mich rätselnd zurück. Mutter und Amo erklären mir, wie wichtig es ist, schnell etwas zu unternehmen. Wir alle könnten heimatlos werden, wenn der Rat nicht endlich vernünftig wird und Kundschafter ausschickt, um wenigstens nach einer Zuflucht Ausschau zu halten. In der Stadt leben über achthundert Mäuse und es erfordert einiges an Arbeit, so viele umzusiedeln. Dabei ist ja noch gar niemand auf der Suche, kein neuer Unterschlupf in Sicht, weil der Rat, allen voran Meister Karl, die Sache nicht ernst nimmt. Aber man muss doch unbedingt etwas unternehmen, ich verstehe das nicht.
Amo hat die Absicht, mich ein bisschen in der Stadt herumzuführen, als Ablenkung sozusagen. Er zeigt mir verschiedene Wohnhöhlen in unserem Viertel, die aber im Moment leer sind. Erst drei Höhlen weiter treffen wir eine Familie beim Essen an. Es gibt Weizenkörner und alle lassen es sich schmecken.
Nach der Begrüßung erkundigt sich die Mutter. „Wollt Ihr mitessen? Wir haben genug hergebracht.“
Aber Amo lehnt ab und erzählt ihnen von der möglichen Zerstörung der Stadt. Sie werden auf einmal ganz aufgeregt, es habe schon Gerüchte gegeben, aber nie etwas Konkretes, man hat nur gehört, dass die Prophetinnen träumen. Ein junges Männchen fragt, was der Rat dagegen unternehmen wird, darauf haben wir natürlich noch keine Antwort.
„Ich will mithelfen,“ sagt ein Junge, „man muss doch etwas tun!“ Jemand, der genau so tickt wie ich.
„Wer bist Du?“ Ich schaue ihn mir genau an, während er meine Frage beantwortet. Er ist ein bisschen älter als ich, und größer.
Sein Name sei Cito und er könne schnell und lange rennen. Er würde deshalb gerne Kundschafter werden und versuchen eine neue Wohnmöglichkeit zu finden. Cito gefällt er mir.
Er hat funkelnde Augen, die mich ebenso neugierig mustern. „Und Du? Wie ist Dein Name?“
„Maxi.“ Mit einem Mal werde ich leicht verlegen. Noch nie war ich einem fremden Jungen so nah.
Er lächelt mich an. „Maxi also, den Namen habe ich noch nie gehört, aber irgendwie passt er zu Deinem spitzen Näschen.“
Meine Verlegenheit wächst, ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Amo rettet mich sozusagen. „Gut, Cito, dann komm mit uns zum Rat,“ sagt er.
Damit unterbricht er den seltsamen Zustand in dem ich mich befinde. Rasch verabschieden wir uns von der Familie und gehen, zusammen mit Cito, weiter.
*
Tara suchte Meister Karl in seiner Wohnhöhle auf.
„Meister Karl, wir müssen reden.“ Ihr Ton war eindringlich.
„Priesterin Tara, was kann ich für Euch tun?“ Er erhebt sich und schaut sie an.
„Die Träume der Prophetinnen, ich bin sicher, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern. Heute hat sogar eine ganz junge Priesterin, eigentlich noch ein Kind, davon geträumt. Wir müssen das ernst nehmen.“
Meister Karl kratzte sich am Kinn. „Tara, Ihr Priesterinnen träumt doch immerzu, wenn wir jedes mal in Aktion treten würden, kämen wir zu nichts anderem.“ Er schüttelte den Kopf, „Nein, ich finde es besteht noch kein Handlungsbedarf. Die Menschen haben die Maschinen noch nicht in Bewegung gesetzt. Wir wissen also nicht, was passieren wird...“
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