„Herr“, begann nun Suten Hamu, als ihn der Pharao mit einem aufmunternden Nicken aufforderte, seine Meinung kund zu tun, „das Volk weiß kaum etwas über sie ...“
„Ich will nicht wissen, was das Volk weiß, ich will wissen, was euch bekannt ist“, unterbrach ihn der Pharao.
Eine Weile herrschte Schweigen. Der Pharao schaute wieder einen nach dem anderen fragend an. Doch keiner wusste eine Antwort.
Als Erster fasste der Hohepriester des Ptah Mut, hatte er doch einige Kenntnis von dem, was in sein Gebiet, die Theologie, gehörte. Er sprach:
„Mein Herr, sie beten einen Geist an. Sie haben keine Bilder, keine Statuen von ihrem Gott.“
„Also weiß niemand, wie ihr Gott aussieht?“, fragte Ramses.
„Sie nennen ihn den Gott Abrahams und sagen, er habe keinen Namen“, fuhr der Hohepriester fort.
Dem Pharao kam das seltsam vor. Ein Gott ohne Namen, das konnte er nicht verstehen. Alles, was existierte, hatte einen Namen, und was keinen Namen hatte, existierte auch nicht. Ein sonderbares Volk, diese Hebräer.
„Wer sind ihre Priester?“, fragte Ramses den Hohepriester.
„Ich kenne keinen.“
„Herr, ich habe gehört, dass sie auch keine Priesterinnen haben“, sagte einer der Schreiber.
Der Hohepriester runzelte missmutig die Stirn. Wollte der Schreiber mehr wissen als er, der Priester? Wollte er sich vor dem Pharao hervortun? Das hätte auch er, der Hohepriester, erwähnen können, wenn er es für wichtig befunden hätte. Doch der Hinweis, dass er selber keinen Priester kenne, schien ihm zu genügen.
Seti schwieg verlegen. Als Hohepriester des Seth hätte er eigentlich in theologischen Fragen Bescheid wissen müssen. Doch er übte dieses Amt erst seit kurzem aus. Kronprinz – Horus im Nest – war er ja auch erst seit ein paar Monaten. Seine Erziehung als Sohn eines Heerführers hatte sich auf das Allernotwendigste im Bezug auf die Gottheiten beschränkt. Mehr Zeit war auf seine körperliche Ertüchtigung aufgewendet worden. Von ihm verlangte Ramses auch keine Antwort. Der kannte seinen Sohn zu gut, als dass er von ihm einen brauchbaren Hinweis auf die religiösen Sitten der Hebräer hätte erwarten können
Der Erste Sandalenträger meldete sich nun erneut zu Wort.
„Wenn sie zusammenkommen, sind die Männer unter sich wie Verschwörer“, sagte er.
Diesmal war es der Oberste Heerführer, der seinen Unwillen kuntat, doch, anders als der Hohepriester des Ptah, mit Worten, nicht nur mit finsterem Mienenspiel.
„Warum hast du mir nichts gemeldet von dieser Verschwörung?“, rügte er Suten Hamu.
Der versuchte sich zu rechtfertigen:
„Ich weiß nichts von einer Verschwörung. Ich sagte nur, dass sie zusammenkommen wie Verschwörer.“
„Das genügt, um mir von so was Bericht zu erstatten“, sagte der Heerführer. „Schließlich bin ich auch für die innere Sicherheit verantwortlich.“
Suten Hamus Blick verfinsterte sich. Die innere Sicherheit gehörte auch zu seinem Aufgabenbereich. Solange er aber keine Veranlassung sah, militärisch einzugreifen, gab es auch keinen Grund, den Obersten Heerführer zu informieren. Durch dessen Vorwurf fühlte er sich in seiner Ehre verletzt. Doch er schwieg und würgte seinen Ärger hinunter.
Andere ergriffen nun das Wort, und sie redeten noch eine Weile hin und her. Das Volk misstraue den Hebräern, hieß es. „Sie sondern sich ab. Sie sind anders als wir. Es sind zu viele geworden. Sie murren. Sie sind unzufrieden. Sie sind undankbar. Sie sind eine Gefahr.“
Der Pharao hatte endlich genug erfahren. Er ließ seine Berater gehen.
Er dachte in der Nacht auf seinem Lager nach über das, was sie ihm gesagt hatten. Es gab zu viele von den Hebräern. Und die Worte Verschwörung und Gefahr waren gefallen. Das beunruhigte ihn. Finstere Gedanken flatterten ihm wie schwarze Vögel durch den Kopf. Am Morgen wusste er, was er zu tun hatte.
Ramses besprach sich mit dem Ersten Sandalenträger. Was er vorhatte, sollte geheim bleiben. Suten Hanu beauftragte er, zwei oder drei verschwiegene Boten auszuwählen und sie in die Provinz Gosen zu den Hebräern zu schicken. Sie sollten alle ihre Hebammen auf einen bestimmten Tag zu ihm an den Hof bringen.
Die Geburtshelferinnen erschraken. Was hatte das zu bedeuten? Dergleichen war noch nie vorgekommen.
Sie trafen sich, zwei, drei, kamen unterwegs mit einer anderen Gruppe zusammen. Am Ende waren sie eine ansehnliche Schar. Sie hatten ihr bestes Kleid angezogen. Unterwegs tuschelten sie miteinander. Keine wusste mehr als die andere. Wer wird uns empfangen, ein Wesir, der Pharao selber? Was will er von uns? Wie tritt man einem König gegenüber?
Man führte sie in einen kleineren, kunstvoll bemalten Raum, der ihnen einen Respekt einflößte, der kaum größer hätte sein können, wenn es der Thronsaal gewesen wäre. Sie alle waren zum ersten Mal im Königspalast. Sie waren so verängstigt, dass sie sich kaum umzusehen getrauten. Ein älterer Mann – war es ein Zeremonienmeister? – erklärte ihnen, was sie zu tun, wie sich zu benehmen hatten. Der Pharao selber werde mit ihnen sprechen. Doch sie dürften nur reden, wenn sie gefragt werden. Dann verließ er die ängstlichen, verstörten Frauen.
Stumm und eingeschüchtert warteten sie eine geraume Weile auf den Herrscher und warfen sich, als er eintrat, vor ihm auf den Boden, wie der alte Mann es sie gelehrt hatte. Als der Pharao ihnen das Zeichen zum Aufstehen gegeben hatte, sprach er zu ihnen:
„Habt keine Angst, es geschieht euch nichts.“
Die Hebammen, die mit gesenktem Blick dastanden, schielten zu ihren Nachbarinnen. Sollten sie dem Wort des Pharaos glauben? Keine schien sich dessen sicher. Sie hatten wohl gemerkt, dass unter ihnen keine ägyptischen Hebammen waren. Das beunruhigte sie noch mehr.
Der Pharao bemühte sich, einen freundlichen Ton anzuschlagen, doch die Frauen trauten ihm immer noch nicht. Das Lächeln auf seinem geschminkten Gesicht schien aufgesetzt, nicht ehrlich. Seine Augen verrieten eher etwas Unangenehmes.
„Ihr werdet doch oft zu den Weibern gerufen, wenn sie gebären“, sagte er, „das wird bei euch wohl nicht anders sein als bei uns. Erzählt mal, wie es bei euch ist. Bekommen eure Weiber viele Kinder? Du!“, und er zeigt auf eine, die ihm gerade am nächsten stand. „Wie heißt du? Erzähl!“
„Ich heiße Schiphra“, antwortete sie mit unsicherer Stimme. „Ja, wir helfen bei vielen Geburten.“
Sie schwieg wieder und wusste nicht, was sie sonst noch antworten sollte.
„Ich habe gehört, dass die Hebräer viele Kinder haben“, sagte Ramses, an Schiphra gewandt.
„Das ist wahr“, antwortete diese. „Schon unsere Vorväter hatten viele Kinder. Jakob, der in dieses Land kam und – dem Pharao sei’s gedankt – freundlich aufgenommen wurde, hatte zwölf Söhne und viele Töchter. Von den zwölf Söhnen sind zwölf Stämme ausgegangen, die alle in diesem fruchtbaren Land bleiben durften.“
Schiphra erschrak beinahe über sich selber. Auf einmal waren die Worte einfach so aus ihr herausgekommen. Hatte sie den richtigen Ton getroffen? Was beabsichtigte der Pharao mit seinen Fragen?
„Ich weiß“, antwortete Pharao. „Und ich weiß, dass euer Volk sich vermehrt und immer größer wird.“
Was hat das mit uns zu tun?, fragten sich die Frauen im Stillen. Sie sahen den Pharao, der in seinem weißen, goldverzierten Gewand hoheitsvoll vor ihnen stand, ängstlich fragend an.
„Unser Land ist ein fruchtbares Land“, fuhr der Pharao fort, „aber ihr wisst, es ist ein Land, das auch aus viel Wüste besteht. Es vermag nicht uneingeschränkt viele Menschen zu ernähren. Deshalb habe ich euch holen lassen. Es liegt in eurer Hand.“
Der Pharao sah die verständnislosen Blicke der verwirrt dreinschauenden Frauen. Sein Lächeln war verschwunden. Jetzt zeigte er sein wahres Gesicht. Seine Stimme war auf einmal strenger geworden. Er ging direkt auf sein Ziel los:
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