Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen und seine Beine gaben nach. Seine Hände ließen das Schwert fallen und griffen hastig nach dem Stamm der Weide. Sie fanden Halt. Keuchend lehnte Erif sich gegen die raue Rinde.
Nach einigen Augenblicken konnte er seine Umgebung wieder normal wahrnehmen. „ Ist der Körper schwach, so ist es auch der Geist“. Ja, das hatte er früher oft gehört, jedoch nie richtig verstanden. Nun konnte er nur zu gut nachvollziehen, was damit gemeint war.
Vorsichtig löste er sich wieder vom Stamm der Weide. Leichter Schwindel machte ihm zu schaffen. Dies lag aber nicht mehr an der magischen Erschöpfung sondern an schlichter Unterernährung. Erif bückte sich und hob das Schwert auf. Nachdem er es noch einmal eingehend inspiziert hatte, ließ er es zurück in die Scheide gleiten. Die Waffe war wieder in beinahe einwandfreiem Zustand. Zwar bedürfte der Rest seiner Kleidung auch einiger Zuwendung, aber dafür reichte seine magische Energie nicht mehr aus. Das Schwert hatte Priorität, denn es war wichtig um sein Leben im Notfall verteidigen zu können. Selbst wenn es gegen den Hungertod nur wenig auszurichten vermochte.
Erif wandte sich dem Waldstück zu und suchte zwischen den Bäumen nach dem kleinen, flackernden Licht. Als er es wieder ausfindig gemacht hatte, setzte er sich in Bewegung. Die ersten Schritte waren noch schwankend, nach einigen Metern hatte er jedoch einen sicheren Gang. Sanfter Wind wehte ihm entgegen. Erif bewegte sich in gerader Linie auf das verheißungsvolle Leuchten zu. Mit jedem Schritt kam der vom blassen Vollmondlicht erhellte Waldrand näher. Zugleich stieg Beklommenheit in ihm auf. Er hasste es zu betteln, hatte aber leider keine andere Wahl.
Mit einem lauten Knacken brach einer der Äste in der Feuerstelle. Funken erhoben sich aus der Glut und tanzten dem Nachthimmel entgegen. Die wenigsten Menschen wussten heutzutage noch die rohe Schönheit der Elemente zu schätzen. Gold war oftmals ihr einziges Interesse. Oder Macht.
Naidraug saß auf einem grauen Felsen inmitten einer Waldlichtung und starrte mit seinen dunkelblauen Augen gedankenversunken in sein Lagerfeuer. Ein sanfter Windhauch spielte mit seinen langen grauen Haaren und seinem braunen Mantel.
Er blickte in den Nachthimmel und betrachtete die Gestirne. Es war eine klare Vollmondnacht. In solchen Nächten spürte er sein Alter deutlich in den Knochen. So lange suchte er schon und doch hatte er ihn nicht gefunden. Und noch nie war die Suche gefährlicher als jetzt. Sogar sein Haus hatte er verlassen müssen um seinen Häschern nicht in die Hände zu fallen. Doch der Gesuchte zeigte sich einfach nicht. Egal wieviele Reisen er unternommen und wieviele Städte er besucht hatte, seine Suche fand kein Ende. Wo musste er denn noch suchen um ihn zu finden, ihn, den Gefallenen mit dem zerbrochenen Schwert.
Nachdenklich warf Naidraug einen dünnen Ast in das Lagerfeuer. Gierig leckten die Flammen am trockenen Holz. Nachkommen hatte er keine, also gab es niemanden der die Suche für ihn fortsetzen konnte. Er musste wohl oder übel einen geeigneten Schüler ausfindig machen. Bis zuletzt hatte er gehofft diese Aufgabe selbst erfüllen zu können.
~ Es kommt jemand! ~ Die Stimme riss Naidraug aus seinen Gedanken. Hastig griff er in seine Manteltasche und holte ein kleines Holzkästchen hervor. Das unscheinbare Behältnis hatte keinerlei Verzierung und auch keinen offen erkennbaren Schließmechanismus. Naidraug nahm das schmucklose Holzkästchen in beide Hände und drehte mit der einen Hand im Uhrzeigersinn und mit der anderen gegen den Uhrzeigersinn. Nach einigen Umdrehungen ertönte ein leises Klicken. Mit seinen Fingern fuhr er nun über die Oberfläche des Kästchens, bis er eine leichte Erhebung an einer Seite ertastete. Nachdem er auf diese Stelle gedrückt hatte, klickte es erneut.
Naidraug öffnete das Behältnis indem er nun die obere Holzplatte zur Seite schob. Der Innenraum des Kästchens war mit weißem Samt ausgekleidet. In der Mitte lag ein ovaler feuerroter Stein eingebettet. Er nahm den glattgeschliffenen Stein aus dem Gefäß und betrachtete ihn mit gerunzelter Stirn im Schein des Feuers. Das Äußere des rötlichen Minerals war klar und durchscheinend. Nach und nach trübte sich dann der Stein. Der dunkelrote Kern war vollkommen undurchsichtig.
Ein kurzer Lichtschimmer huschte über das Mineral. Hätte man es nicht besser gewusst, hätte man es auch für eine Reflexion der Flammen halten können. Aber Naidraug wusste es besser. Begleitet wurde der Lichtschimmer von derselben Stimme die er vorher schon in seinem Kopf vernommen hatte.
~ Es kommt jemand! ~
Also hatte ihm seine Müdigkeit keinen Streich gespielt. Naidraug konzentrierte sich auf den Stein. Von wo?
~ Direkt vor uns. ~
Wann wird er uns erreichen?
~ Jetzt! ~
Plötzlich hörte er ein lautes Knacken aus dem Dickicht. Gegenüber von Naidraug betrat ein junger Mann die Lichtung. Das Erscheinen des Mannes traf ihn so unvermutet, dass er keine Zeit mehr hatte den Stein wieder in das Holzkästchen zurückzugeben. Hastig verbarg er das rote Mineral und das Kästchen in seiner Manteltasche. Naidraug betrachtete den nächtlichen Besucher. Dieser hatte die hektische Bewegung Naidraugs anscheinend nicht bemerkt, genauso wenig wie den juwelenähnlichen Stein.
Der Ankömmling trug einen alten, zerrissenen Mantel. Darunter konnte Naidraug einen Wams und eine Hose aus zerknittertem Leder erkennen. Beide befanden sich in einem ähnlichen Zustand wie der Mantel des Fremden. An seiner Hüfte ragte deutlich sichtbar ein Schwertheft hervor. Schlammverkrustete Stiefel rundeten die ärmliche Erscheinung des jungen Mannes ab.
Naidraug musterte das Gesicht seines Gegenübers genauer. Dunkelbraune Strähnen seines fettigen Haars hingen dem nächtlichen Besucher in sein Gesicht. Die Wangen wirkten eingefallen. Er erweckte den Eindruck als hätter er in den letzten Wochen wenig gegessen.
Der Fremde fixierte Naidraug mit seinen hellbraunen Augen. „Guten Abend.“ Während er sprach wankte er kaum merklich.
„Guten Abend“, erwiderte Naidraug den Gruß des Fremden. Naidraug sammelte aus seinem Inneren magische Energie und betrachtete seinen Gesprächspartner mithilfe seiner magischen Wahrnehmung. Nach wenigen Augenblicken konnte er eine magische Aura ausmachen. Allerdings war diese äußerst instabil, vermutlich aufgrund des offensichtlichen Nahrungsentzugs. Ein magischer Angriff war somit höchst unwahrscheinlich. Selbst wenn der unterernährte Mann versuchen sollte einen Zauber zu sprechen, so würde er danach nahezu in Ohnmacht fallen. Naidraug tastete die fremde Aura weiter ab. Er konnte keine Hinweise auf schlechte Charaktereigenschaften finden. Eine Seltenheit in der heutigen Zeit. Er stoppte seine magische Begutachtung. Sein Gegenüber schien nichts davon bemerkt haben, schließlich hatte er nur wenige Augenblicke benötigt und war dabei sehr subtil vorgegangen. Zudem war diese Form der Aurasicht eine seltene Gabe. Eine magische Aura zu spüren war eine Sache der Übung. Sie allerdings zu sehen und darin den Charakter eines anderen Menschen ablesen zu können, war ein angeborenes Talent.
„Was macht ein Wanderer zu so später Stunde noch allein unterwegs?“ Dieser Mann stellte keine Gefahr für Naidraug dar. Er war körperlich und mental geschwächt und hatte allem Anschein nach auch noch einen guten Charakter. Somit sollte er auch keiner von Naidraugs Häschern sein.
Der Fremde machte einen Schritt auf Naidraug zu.
„Er sucht nach Essen. Herr, könntet ihr mir bitte etwas zu essen geben. Ich habe mehrere Tage nichts mehr zwischen den Zähnen gehabt, ausser der Luft, welche ich atme. Ich verspreche euch nicht weiter zu belästigen und zu verschwinden, wenn ihr mir zu essen gegeben habt. Aber bitte, gebt mir etwas um meinen Magen zu füllen.“
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