Ich bitte Sie!
Höchstwahrscheinlich, oder?
Sie stellte ihren Koffer erneut auf meinem schmerzenden Fuß ab, hielt mir die rechte Hand entgegen und sagte: »Vielen Dank, nochmal! Es tut mir so leid, dass ich Sie fast umgerannt habe! Ehrlich! Und das mit Ihrem Kragen ist mir unglaublich peinlich! Ich werde natürlich für den Schaden aufkommen, ganz klar... Ich... ich weiß gar nicht, was ich sagen soll...«
Sie musste sich ein kleines Lächeln verkneifen, das sah ich sofort. Ganz offensichtlich eine Frau mit Sinn für Situationskomik. Und dann war da wieder diese Stimme... Mein Gott, sie war perfekt! Einfach perfekt! Und sie war freundlich! Kein bisschen affektiert, kein bisschen reserviert. Sie schien so offen, so zugänglich und so von Grund auf sympathisch, dass sie bei ihrem Gegenüber augenblicklich den Eindruck hinterließ, man würde sich seit Jahren kennen. Für einen Moment schwiegen wir. War es jetzt an mir, etwas zu sagen? Wo waren wir stehengeblieben? Ich wusste es nicht mehr! Ich war noch immer vollends gefangen in dieser Zeitlupenaufnahme, gefangen in dem Shampoo-Werbespot, gefangen in diesem Moment absoluter Perfektion und Intensität. In einem ihrer Mundwinkel zuckte ein klitzekleines Lächeln. Kaum zu bemerken, aber doch so unfassbar reizend, dass ich weiß-Gott-was gegeben hätte, um es noch einmal zu sehen. Wusste sie, dass ich momentan ein wenig aus dem Rhythmus gekommen war? Scheinbar schon, denn plötzlich war da das Lächeln wieder. Sie ergriff das Wort, um die Pause zu beenden, bevor sie für einen von uns beiden peinlich werden konnte.
»Manchmal bin ich einfach ein unglaublicher Tollpatsch! Da stürme ich aus dem Aufzug und reiße Ihnen glatt den schönen Anzug in Stücke! Gott, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie unangenehm mir das ist.“
Ich ergriff ihre Hand und versicherte ihr, dass es ihr nicht peinlich zu sein brauche, da die ganze Geschichte, genau betrachtet, meine eigene Schuld sei. Ich hätte schließlich damit rechnen müssen, dass Menschen aus dem Aufzug kommen würden. Ich fügte hinzu, dass mein Anzug wahrhaftig nicht mehr der Neueste war, und sie mir im Grunde genommen sogar einen Gefallen getan habe. Schließlich hätte sie mich jetzt in die angenehme Situation gebracht, endlich mal was für mein Outfit tun zu müssen; ein Schritt um den ich mich lange herumgedrückt hatte, und zu dem sie mich jetzt – auf wirklich charmante Art – geradezu gezwungen hätte.
»Sie sind wirklich nett.«
Ihre Stimme! Diese Stimme!
»Vielen Dank für die netten Worte. Trotzdem werde ich Sie natürlich entschädigen...«
»Glauben Sie mir doch bitte! Das hatte nichts mit Tollpatschigkeit zu tun, sondern vielmehr mit Ihrem offenbar untrüglichen Geschmack, was Kleidung angeht! Durch die Vernichtung meines Jacketts haben Sie Geschmack bewiesen! Und dafür habe ich Ihnen zu danken und nicht umgekehrt!«
Ich versuchte, möglichst unauffällig meinen Fuß von ihrem schweren Koffer zu befreien. Sie ließ mir nach meinem Vortrag, den ich – nebenbei bemerkt – noch heute für ziemlich gelungen halte, erneut einen ihrer verschmitzten kleinen Lächler zukommen. Am liebsten wäre ich bei dem Anblick ihres lächelnden Gesichts und ihrer gesamten Erscheinung in spontanen Applaus ausgebrochen. Dann hob sie den Koffer auf und schaute an mir vorbei mit fragendem Blick in Richtung der „Sie befinden sich hier“-Tafel an der gegenüberliegenden Wand.
(Jetzt nur keine Stille aufkommen lassen! Kruse, sag was! Irgendwas, du Idiot! Mach den Mund auf!)
»Ähm... Reisen Sie alleine? Ich meine, wenn Sie sich hier mit dem ganzen Gepäck herumplagen müssen...«
»Wie? Nein, äh... ich meine ja. Alleine, ja. Ich bin alleine unterwegs. Ich habe einen ziemlich wichtigen Termin auf einer der Inseln, die wir unterwegs anlaufen werden, und da dachte ich, bevor ich mich in den Flieger setze, kann ich genauso gut das Schiff nehmen und auf dem Weg noch ein paar Tage Urlaub machen.«
Wieder der Blick in Richtung Info-Tafel. Sie war offensichtlich nicht mehr voll bei der Sache. Sie war abgelenkt.
»Tja. Dann werden Sie gar nicht die ganze Reise über an Bord sein?« Es gelang mir, die Frage relativ unverfänglich klingen zu lassen.
»Nein, leider. Das wird wohl nicht gehen. Wie gesagt, es ist eher eine berufliche Angelegenheit. Die paar Tage auf See sind nur ein angenehmer Nebeneffekt. Ein paar Tage Ruhe, bevor es dann wieder weitergeht. Manchmal muss man sich seine Freizeit ergaunern, wissen Sie?«
(Angriff, Kruse! Attacke, du Depp!)
»Trotzdem schade. He! Ich sage Ihnen was: Wenn wir uns an Bord noch mal über den Weg laufen sollten, dann nehmen wir zusammen einen Drink und lachen uns über die Sache hier kaputt, was meinen Sie?«
Sie schien etwas überrascht, aber dann nickte sie.
»Gern! Warum eigentlich nicht? Ja, das klingt nett! Sehr gern, Herr... ähm...«
»Oh, Entschuldigung! Ich habe scheinbar meine Manieren noch nicht ausgepackt... Kruse! Ich meine Robert! Robert Kruse!«
»Schön!«, lachte sie, »Dann sind wir zwei jetzt verabredet, Robert Kruse!«
»Ich freue mich! Und einen schönen Tag noch!«
»Danke. Ihnen auch. Und nochmal zu Ihrer Jacke, Herr Kruse: Sind sie sich wirklich sicher, dass ich nicht doch...«
»Vergessen Sie es. Das war es mir wert.«
Sie hatte nicht einfach zugestimmt, sie hatte „gerne“ gesagt. Nicht schlecht, Robert. Meine Reise hatte noch gar nicht richtig begonnen, ich saß noch immer im Hafen, verdammt noch mal, und trotzdem hatte ich schon eine Verabredung mit einer unglaublichen Frau. Vorausgesetzt, wir würden uns noch mal über den Weg laufen, bevor sie das Schiff verlassen musste. Aber dafür konnte man ja sorgen. Hätte ich doch nur ihren Namen gekannt! Mir wurde erst jetzt bewusst, dass sie es versäumt hatte, sich ebenfalls vorzustellen. Irgendwie geheimnisvoll.
Die Sache gefiel mir immer besser.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.