»Vorstellen?«
»Ja, vorstellen.«
Sie schaute verlegen zu Rasputin, dann ging ihr Blick an mir vorbei und sie stammelte verlegen: »Vorstellen kann ich mir das schon... so vor meinem geistigen Auge, halt.«
»Aha. Vorstellen können Sie es sich also schon.«
»Ja. Vorstellen. Ich dachte, das hätten Sie gefragt.«
»Richtig. Das habe ich in der Tat.«
»Vorstellen, eben... So in der Phantasie. Na, Sie wissen schon. Geht es Ihnen auch wirklich gut?«
»Nein, es geht mir ganz und gar nicht gut, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Ich hätte noch eine einzige Frage, dann lasse ich Sie wieder gehen. Darf ich?«
»Ja, bitte. Fragen Sie.«
Sie zog Rasputin, der sich scheinbar durch die Unterbrechung seiner Reinigungsarbeiten gestört fühlte, an der Leine hoch und hielt ihn dicht an ihrem Bein.
»Können Sie sich auch vorstellen, auf dem Rücken eines zahmen Drachens durch die Wolken Timbuktus zu fliegen und dabei ein Kleid aus Gold zu tragen?«
Ihr Blick hellte sich auf. »Klar!«
»Ich danke Ihnen.«
»Keine Ursache.«
Sie nahm Rasputin, der durch das überraschend schnelle Ende der Unterhaltung übertölpelt worden war und noch immer versuchte, an sein Hinterteil zu gelangen, und machte sich wieder auf den Weg. Nach ein paar Metern blieb sie stehen und schaute sich noch einmal um.
»Kann ich vielleicht irgendetwas für Sie tun? Ich meine, wenn Ihre Frau jetzt nicht mehr da ist, und Sie nicht zum Einkaufen kommen, oder so... Also... rufen Sie mich ruhig an, wenn ich was für Sie erledigen kann, okay?«
»Fahren Sie mit mir in die Karibik.«
»Bitte?«
»Sie sollen... Ach, vergessen Sie´s.«
Sie winkte andeutungsweise und ging dann weiter, während ich mir überlegte, wie ich nun an einen Schlüsseldienst kommen sollte, der mich wieder in mein trautes Heim lassen würde.
Bereits drei Stunden später befand ich mich wieder in meinem Wohnzimmer. Es ist einfach unfassbar, dass ein Geschäft, in dem man so viel Geld verdienen kann, so spärlich besetzt ist.
In einem verzweifelten Versuch, meine Ehe vielleicht doch noch zu retten, beschloss ich, mitten in der Nacht noch einen Anruf in Wanne-Eickel zu wagen. Ich wusste, dass es eigentlich viel zu spät war, jedoch malte ich mir gewisse Chancen aus, durch die nächtliche Ruhestörung die Ernsthaftigkeit meiner Bemühungen unter Beweis zu stellen. Ich musste ja niemandem auf die Nase binden, dass ich die letzten drei Stunden zitternd und bibbernd auf der Straße gesessen hatte. Genau so gut konnte ich mir die vergangene Zeit als Phase der Nachdenklichkeit und der inneren Einkehr gutschreiben lassen. Ich wählte die Nummer und atmete tief durch.
Tuuut.....
»Hauser!«
Das kam schnell. Viel zu schnell.
»Ja, hier ist noch mal Robert! Gib mir doch bitte mal schnell die...«
»Ruf sie auf Ihrem Handy an, du Geizhals!«
KLICK.
Alles klar.
So verlief die endgültige Trennung zwischen mir und meiner Frau. Wenn Ihnen jemand, der in Scheidung lebt, erzählen sollte, er habe sich mit seiner Frau in Ruhe zusammengesetzt, die ganze Sache bei einer guten Flasche Wein und einem Teller Käsewürfel durchgesprochen und sich mit ihr darauf geeinigt, dass eine Trennung wahrscheinlich die beste Lösung für alle Beteiligten sei, so hat er Sie angelogen. Sollte er Ihnen bei dieser Gelegenheit auch noch erzählen, dass er sich noch heute regelmäßig mit seiner Ex trifft, Kaffee mit ihr trinkt und sich jetzt viel besser mit ihr versteht, als zu Zeiten ihrer Ehe, dann können Sie ihm gerne die Nase nach hinten hauen. Sagen Sie ihm einen schönen Gruß von Robbie dem Schrecklichen. Eine Trennung ist eine schmerzhafte, peinliche und vor allen Dingen eine teure Angelegenheit, wie ich kurz darauf feststellen musste.
- - - -
„Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren.“
(André Gide)
Nachdem ich meine Wunden versorgt, mein Ego notdürftig wieder aufgebaut, und die verbliebenen Reste meines stark ramponierten Selbstwertgefühls durch Selbstgespräche und viel zu laute Musik aufgepumpt hatte, gelang es mir schon bald, wieder an etwas anderes als den missglückten Abend im Keller zu denken. Zwar war ich noch immer nicht wirklich in Partystimmung, aber ich dachte wieder an Dinge, wie meinen fertig gepackten Koffer, an das Ticket in meiner Brieftasche, an meinen frisch verlängerten Reisepass und an die Unmengen von Sonnenöl, die ich während der nächsten Wochen zu verbrauchen gedachte.
Als ich mir der Tatsache bewusst wurde, dass ich seit Tagen nicht mehr in den Briefkasten geschaut hatte, ging ich zum Gartentor, wo ich neben einem daumendicken Stapel Werbebroschüren auch ein offiziell aussehendes Schreiben einer mir unbekannten Anwaltskanzlei aus dem Kasten zog. Jetzt war es also amtlich.
Karin hatte sich einen Anwalt genommen und wollte die Scheidung.
Nach Auskunft eines Herrn Schneider, seines Zeichens Rechtsbeistand meiner Noch-Ehefrau, eröffneten sich mir zwei unterschiedliche Möglichkeiten, in den finanziellen Ruin zu gehen, von denen ich mir nun eine aussuchen sollte. Erstens war da die Variante, monatlich eine obszöne Summe an Unterhaltszahlungen zu leisten, damit meine treusorgende Ehefrau nach der Trennung von ihrem langjährigen Lebenspartner neben dem erlittenen seelischen Schmerz nicht auch noch finanziellen Schiffbruch erleiden müsse. Möglichkeit Nummer zwei bestand in einem hässlichen Streit vor Gericht, bei dem ich dann – wenn es nach dem Willen dieses Winkeladvokaten ginge – wahrscheinlich noch mehr Federn lassen würde, als bei der ersten Variante. Ferner war es so nett, mich darauf hinzuweisen, dass es im Zuge einer solchen Verhandlung auch zur Erwähnung peinlicher Details des täglichen Zusammenlebens seiner Klientin mit mir kommen würde. Es seien Details, die doch eher in den privaten, intimen Bereich gehörten, und nach Meinung des Anwalts auch dort belassen werden sollten, weshalb er mir dringend zu einer außergerichtlichen Einigung bezüglich der Unterhaltshöhe raten würde. Er erwähnte weiter, dass man sich doch in Freundschaft trennen und zu einer für beide Parteien zufriedenstellenden Lösung kommen solle. Ferner sprach er von einer vernünftigen Entscheidung zweier reifer und intelligenter Charaktere, die es jetzt finanziell zu untermauern galt.
Arschloch.
Aber solche Briefe machen nachdenklich.
Es war ganz offensichtlich vorbei mit Die Kruses.
Fand ich es noch vor ein paar Stunden extrem verlockend, für eine Weile einfach nur Robert zu sein, so hatte die Geschichte nunmehr auch eine verunsichernde, ja fast schon bedrohliche Komponente erhalten. Und dabei ging es mir primär gar nicht ums Geld. Es ging um mein zukünftiges Leben im Allgemeinen.
Da war die bereits erwähnte Unsicherheit, aber da war auch – tief in mir drin, verschüttet von gefühlten vierhundert Jahren Monotonie und Stumpfsinn – so etwas, wie Aufbruchstimmung. Es war die Art von Gefühl, die ich als dreizehn Jahre alter Junge hatte, als ich auf dem Zehnmeterbrett im Schwimmbad stand. Erfüllt von Aufregung und wissend, dass das, was vor einem liegt, entweder unfassbar gut oder in gleichem Maße unfassbar mies werden konnte, je nachdem, wie clever man sich in der nächsten Zeit anstellte. Ich erinnerte mich daran, dass ich damals, sehr zu meiner Schande, mehrmals den Weg nach unten über die Treppe gewählt hatte. Heute war das nicht möglich. Karin hatte mich geschubst.
Es gab keine Treppe mehr und mir wurde bewusst, dass ich mich bereits im freien Fall befand.
Nun, da konnte ich den Flug genau so gut genießen.
Ich würde mir ebenfalls einen Anwalt besorgen müssen, denn alleine hätte ich wohl gegen einen Rechtsverdreher wie diesen Herrn Schneider von der Kanzlei Herburg, Schneider & Kottke keine Chance.
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