Sehr witzig. Unheimlich witzig.
Ich lächelte. Mal sehen, ob die pudelplättende Betonfrisur das, was jetzt käme, auch so witzig finden würde! Auftritt des neuen und verbesserten Robert Kruse!
Ich hörte die Haustür ins Schloss fallen. Wie der Blitz rannte ich die letzten Stufen hoch, stieß die Tür auf und hechtete durch das Esszimmer in Richtung Hauseingang. Als ich draußen ankam und durch den Vorgarten rannte, sah ich gerade noch, wie Karin die Beifahrertür des roten Golf zuknallte. Das Licht im Inneren des Wagens erlosch. Der Motor war noch warm und sprang bei der ersten Zündung an.
Ich humpelte mit meiner geschwollenen Zehe den Bürgersteig entlang und schrie, so laut ich konnte:
»Heh! So einfach geht das nicht! Werdet ihr wohl hierbleiben! Ihr steigt sofort aus dem verdammten Auto und hört mir zu! Stehenbleiben, verdammt noch mal!«
Ich sah die Rücklichter des Wagens aufleuchten.
Blinker links.
Ein kurzes Klicken. Erster Gang.
»Halt! Stehenbleiben! Werdet ihr wohl stehenbleiben, verdammt!«
Der Wagen fuhr los. Sie fuhren wirklich los! In Anbetracht der Lage sah ich mich gezwungen, meine Strategie zu ändern.
»Haut bloß ab, hier!«
Margot hupte zum Abschied. Vielleicht hat auch Karin vom Beifahrersitz aus auf die Hupe gedrückt. Das sah ihr ähnlich. Als die beiden unter der nächsten Straßenlaterne durchfuhren, konnte ich sehen, wie Karin zurückschaute und winkte.
Ja, ich glaube, es war wohl Karin, die gehupt hat.
Ich stand, mit einem böse verstauchten Zeh und einem immer größer werdenden blauen Fleck am Ellenbogen, auf der regennassen Straße und sah zu, wie die Rücklichter von Margots Golf immer näher zusammenrückten, bis sie schließlich nach rechts abbog und die roten Punkte in der Nacht verschwanden. Ich blieb frierend auf dem Bürgersteig zurück. Barfuß, gedemütigt und mit freiem Oberkörper nebst Bauchansatz schaute ich die nun leere Straße hinunter und betrachtete innerlich die Scherben meines bisherigen Lebens.
»N´abend, Herr Kruse! Na, alles klar?«
Frau Reimann, meine extrem übersichtlich bekleidete Nachbarin. Sie führte vor dem Schlafengehen ihren Schäferhund „Rasputin“ ein letztes mal Gassi.
»Was?«
»Bitte?«
»Ich sagte: Was?«
»Äh... nichts weiter! Nur guten Abend und wie geht´s... Nichts weiter.«
Ich seufzte. Hier gab es einiges klarzustellen.
»Frau Reimann...«
»Ach, sagen Sie doch Carola! Alle sagen Carola!«
»Danke. Ich bin Robert.«
»Robert? Ist ja süß. Ich mag Männer mit so alten Namen. Das hat man ja heute gar nicht mehr, dass so alte Namen...«
»Carola, Sie sagten gerade „Guten Abend“, wenn ich mich recht erinnere?«
»Ähm... ja. Ja, ich glaube schon. Und dann haben Sie mich Frau Reimann genannt, und ich sagte...«
»Ja, ich weiß, was Sie sagten.«
Ich machte eine Geste, die ihr klarmachte, dass Sie jetzt Funkstille hatte und holte tief Luft.
»Schauen Sie, ich stehe hier, mit Schmerzen im Fuß und im Arm. Meine Frau hat mich soeben unter höchst peinlichen Umständen verlassen, ich trage kein Hemd und habe festgestellt, dass ich langsam aber sicher einen stattlichen Bauch bekomme, eine Tatsache, die auch ihnen wahrscheinlich nicht entgangen sein dürfte, da ich ja kein Hemd trage.«
»Ähm... Tja, wissen Sie...«
»Nein, ich bin noch nicht fertig, Carola. Wo war ich? Ach ja. Der Köterkiller aus Wanne-Eickel. Richtig! Meine Schwiegermutter hat mich erniedrigt, und mein Motorrad ist zu teuer und darüber hinaus derart peinlich und unpassend für einen Mann wie mich, dass sich meine Kolleginnen hinter meinem Rücken über mich kaputt lachen. Ich sage nur: „Ersatzpimmel“. Nein, Carola, bleiben Sie bitte stehen! Ich habe mein Haus mit einer nicht zu verachtenden Hypothek belegt, um meiner total überdrehten Frau, die gerade ins ferne Wanne-Eickel abgerauscht ist, um mit ihrer Mutti anstatt ihres Mannes zu leben, ein schönes Heim zu bieten...«
Klick
»... zu dem gerade die Tür ins Schloss gefallen ist. Ich habe natürlich keinen Schlüssel dabei, nein, ich trage ja noch nicht einmal Unterwäsche, weil ich nur schnell nach draußen gesprungen bin, um meiner Frau und dem Nest voller Vipern, dem sie entstammt, ein paar Gehässigkeiten an den Kopf zu werfen. Frau Reimann, Carola, in Anbetracht all dieser Tatsachen, finden Sie wirklich, es macht auch nur den geringsten Sinn, mir einen guten Abend zu wünschen? Ich persönlich glaube ja nicht so recht daran, aber wenn Sie da anderer Meinung sind, lasse ich mich gerne überzeugen. Bitte, Carola, legen Sie los!«
Ich baute mich vor Frau Reimann auf, den Bauchansatz stolz herausgestreckt, die Arme über dem eingefallenen Brustkorb verschränkt, und wartete auf eine Antwort.
Sie nahm Rasputin etwas enger an die Leine.
»Äh... ja, also... ich konnte ja nicht ahnen, dass... also... wissen Sie, dass Sie da am Arm einen ganz schön dicken Bluterguss haben?«
»Ja, das ist mir nicht entgangen.«
»Ich dachte halt, wenn Sie momentan so viel um die Ohren haben...«
»Danke.«
»Ja.«
Rasputin gähnte ausgiebig. Dann legte er sich auf den Gehsteig und begann, sein Interesse von unserer Unterhaltung abzuwenden, um sich nunmehr voll auf die Reinigung seines Hinterteils zu konzentrieren. Er schien sich nicht mehr für unser Gespräch zu interessieren, ich jedoch war mit unserem nachbarschaftlichen Meinungsaustausch noch nicht durch. Ich fühlte mich alt, verlassen, fett und nicht mehr begehrenswert. Ich war von dem coolen und draufgängerischen Single-Kruse als der ich eigentlich wiedergeboren werden wollte so weit entfernt, wie nur menschenmöglich.
Hier stand ich nun also, vor einer mir nahezu gänzlich fremden Frau meines Alters. Eigentlich konnte ich sie ja mal fragen, was sie so von mir hielt.
Von mir als Mann, meine ich.
Ich hatte nichts, überhaupt nichts, zu verlieren. Nicht heute. Nicht mehr. Das hatte ich bereits erledigt. Wenn heute schon der Tag der Wahrheit sein sollte, dann auch bitte mit Pauken und Trompeten.
Meine Nachbarin schaute leicht verunsichert zu Rasputin hinunter, doch der Schäferhund war mit seinen rektalen Hygieneproblemen beschäftigt und stand daher seinem Frauchen für Verhaltensratschläge momentan nicht zur Verfügung.
»Carola, ich werde Ihnen jetzt eine Frage stellen, und ich möchte gerne von Ihnen eine ehrliche Antwort hören. Werde ich die wohl bekommen?«
»Tja, also Herr Kruse... Roland...«
»Ich heiße Robert, Christine.«
»Carola!«
»Ich weiß. Ich wollte nur einen Witz machen.«
»Wissen Sie, Sie werden sich den Tod holen, wenn Sie hier bei dem Wetter so halbnackt auf der Straße stehen.«
»Werden Sie mir ehrlich antworten? Ja, oder nein?«
»Also, ich weiß ja nicht... wenn Sie nun unbedingt wollen... ja, gut.«
Ich stützte meine Hände in die Hüften, beugte mich leicht zu ihr hinunter und schaute ihr tief in die Augen.
»Finden Sie mich als Mann begehrenswert?«
»Aber natürlich finde... bitte?«
»Ob Sie mich begehrenswert finden! Das möchte ich gerne von Ihnen wissen.«
»Begehrenswert? Wie meinen Sie das?«
»Na, was „begehrenswert“ eben heißt! Begehrenswert im Sinne von: es wert, von Jemandem begehrt zu werden! Begehrenswert, eben! Finden Sie mich begehrenswert?«
Sie schaute über ihre Schulter und blickte sich nach allen Seiten um. Scheinbar wollte sie sichergehen, nicht belauscht zu werden.
»Sie meinen sozusagen...«, ihre Stimme senkte sich zu seinem Flüstern, »...sozusagen Sex und so weiter?«
Nebenan, in der Küche von Frau Kampnagel erlosch das Licht, und ich hörte, wie ein Fenster gekippt wurde. Aber das Mensch gewordene Überwachungssystem unserer Nachbarschaft konnte mich mal.
»Ja. Keine Angst, Sie müssen es nicht tun, verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Ich möchte nur wissen, ob Sie es sich vorstellen könnten, mit jemandem wie mir etwas anzufangen.«
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