»Ach, wenn du kommst, hauen die schon ab, da hab ich keine Bedenken«, war die Antwort von Arnold.
»Ha, ha«, lachte Sabine gezwungenermaßen und wandte ihr Gesicht von Arnold ab.
Er klemmte den Wasserball unter seinen Arm und öffnete eine Flasche, die mit eiskaltem Mineralwasser gefüllt war, und kaum hatte Sabine ihr Gesicht abgewandt, ergoss sich ein eiskalter Wasserstrahl über ihren Rücken. Von Sabine war ein entsetzliches Kreischen zu hören und Verena und Nicole krümmten sich vor Lachen.
»Du Depp!«, schrie sie und wollte Arnold gegen den Fuß treten, traf ihn aber nicht richtig.
Der ging laut lachend davon und rief noch: »Vielleicht sehen wir uns später noch.«
Dann traf er sich mit Freunden im See, die bereits auf ihn warteten, und sie spielten sich gegenseitig den Ball zu, so wie es sich gerade ergab. Der Ball flog auch über die Köpfe der anderen Badegäste hinweg, und manche schlugen auch den Ball wieder in die Runde zurück, oder sie spielten einfach mit, das Arnold und seinen Freunden sehr gefiel. Sie waren im örtlichen Wassersportverein und freuten sich über jeden, der sich gerne im Wasser aufhielt und natürlich auch über jedes neue Mitglied in ihrem Verein.
»Warum seid ihr nicht mehr zusammen?«, wollte Verena wissen.
»Wir haben uns gestritten, naja, und das war's dann.«
»Wegen einem Streit?«, fragte Nicole erstaunt.
»Ach, was soll's, vorbei ist vorbei«, und sie merkten, dass Sabine nicht weiter darüber reden wollte.
Sie respektierten einander ihr Privatleben und drangen nicht zu sehr in die Privatsphäre der anderen ein. Freundschaft bedeutet nicht, dass man alles voneinander wissen muss, war ihre Ansicht. Und wahrscheinlich hat ihre Freundschaft deshalb so gut gehalten, weil sie nicht zu sehr in das Leben der anderen eindrangen.
»Warum machst du keine Doktorarbeit?«, wollte Sabine von Verena wissen.
»Ach, mir ist das zu anstrengend. Und zudem ist die Materie viel zu trocken.«
»Du könntest doch in der Bank dir einen Bereich aussuchen, der dir besonders liegt.«
»Ja, aber das Bankgewerbe ist durchgehend eine sehr trockene Materie. Paragraphen und Zahlen. Berichte und Bilanzen. Wenn man da promovieren will, muss man schon etwas verrückt sein.«
»Aber die letzte Finanz- und Wirtschaftskrise eröffnet doch bestimmt interessante Themenbereiche?«
»Das stimmt. Aber wenn du in einer regional organisierten Bank eine Promotion schreiben willst, erwarten die von dir, dass du dann Themen bearbeitest, die für die Bank von Nutzen sind. Ein globales Thema wie die Finanz- und Wirtschaftskrise sollte nach deren Meinung international aufgestellte Banken oder Institute bearbeiten. Bei denen müsste ich schon eine neue Software implementieren oder neue Produkte entwickeln, einführen und dann den Erfolg statistisch auswerten. Ne, ich habe zu 'ner Promotion auch keine Lust mehr.«
»Wie habt ihr die Wirtschaftskrise überstanden?«, fragte Nicole.
»Wir sind lokal aufgestellt und waren davon kaum betroffen. Klar haben wir die Verunsicherung der Kunden bemerkt, aber in unserer Bilanz hatte die Krise kaum Spuren hinterlassen. Eigentlich gar keine.«
»Wenn man bedenkt wie da einige wenige Leute mit Milliarden um sich werfen und die Finanzwelt ins Chaos stürzen können«, sagte Sabine.
»Ich glaube, da waren auch viele Politiker hoffnungslos überfordert«, ergänze Verena.
»Natürlich waren die Politiker überfordert«, sagte Nicole. »Weil sie keine Ahnung von der Materie haben. Und jetzt kommen sie und erlassen ein Gesetz nach dem anderen. Sie tun so als ob sie aktiv wären.«
»Die Politiker müssen natürlich Entscheidungen treffen, und wenn man bedenkt, dass viele Experten untereinander uneins sind, auf wen sollen dann die Politiker hören? Die einen empfehlen dies, die anderen das«, sagte Verena.
»Ja, und von den Pappnasen in den Regierungen kannst du auch nicht viel erwarten. Die denken auch, 'Nach mir die Sintflut'. Hauptsache die kriegen ihre Kohle und dann ab in Pension«, sagte Sabine.
»Krisen gab es schon immer«, sagte Nicole.
»Ja, aber es waren ja nicht alle Staaten davon betroffen«, sagte Verena.
»Klar, aber die Deutschen waren schon davon betroffen«, sagte Nicole.
»Bei den Pappnasen«, sagte Sabine.
»Ich glaube die globale Wirtschaft kann eh keiner mehr steuern«, sagte Verena. »Das ist inzwischen alles so verflochten und undurchschaubar. Jeder will nicht nur für sich selbst, sondern auch für sein Unternehmen und für sein Land etwas erreichen. Das führt automatisch zu Konflikten. Die Nachfrage nach Rohstoffen steigt, die Meere werden leer gefischt, extreme Dürren und Überschwemmungen nehmen zu, die Menschen werden immer mehr, ich weiß nicht wo das noch alles hinführt. Ein einzelner Mensch kann das doch gar nicht mehr koordinieren. Und wenn mehrere Menschen zuständig sind, fangen da schon die Probleme an.«
»Wie meinst du das?«, fragte Nicole.
»Weil jeder andere Vorstellungen hat. Und weil die Menschen generell nicht in der Lage sind, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Jeder ist von sich und von seiner Meinung so überzeugt, dass er meint, die anderen müssen genau so denken. Ist das nicht der Fall, muss man sie überzeugen, können sie nicht überzeugt werden, hält man sie für dumm und wertet sie ab, das heißt, man schließt sie aus einem Projekt oder Gremium aus. Egal um was es geht, die Menschheit wird immer in einem Spannungsfeld leben, wenn man nicht als Einsiedler sein Dasein fristen will, sondern in einer Gesellschaft lebt.«
»Tretminen auf Schritt und Tritt«, sagte Sabine und gleich darauf: »Das Beste ist, man denkt nicht darüber nach.«
Inzwischen war schon später Nachmittag und die ersten Badegäste packten ihre Sachen zusammen und verließen die Liegewiese rund um den Baggersee.
»Sollen wir noch 'ne Stunde reiten?«, fragte Nicole.
»Klasse, prima Idee. Ich nehme den Hengst«, sagte Sabine.
»Ich komme auch mit. Ich bin schon lange nicht mehr geritten«, sagte Verena.
Die drei zogen ihre Kleider an, packten ihre Sachen zusammen und fuhren zum Gestüt von Nicoles Eltern. Dort angekommen kam der Schäferhund des Hofes ihnen entgegen gelaufen und stupste Verena mit seiner Nase zur Begrüßung an. Sie streichelte ihn über sein weiches Fell, denn sie mochte ihn sehr gern, und auch er freute sich jedes Mal, wenn Verena zu Besuch kam. Er wedelte vor Freude mit dem Schwanz und sprang um Verena herum, indem er sie immer wieder an den Beinen berührte. Sie sattelten drei Pferde, einen Araber und zwei Holsteiner, und ritten einen Feldweg entlang, umgeben von Wiesen und Obstanlagen.
»Nero, komm!«, rief Verena dem Schäferhund zu und er rannte neben dem Pferd von Verena her. »Wieso habt ihr euren Hund Nero getauft, der ist doch ganz lieb.«
»Ach, als er zur Welt kam, lief gerade so ein Film, ein Hollywood Klassiker, so ein Monumentalfilm, und da hat Papa nach einem Namen gesucht und da fiel ihm nichts besseres ein. Jetzt heißt er halt Nero. Er weiß ja nicht, was das bedeutet. An Ostern kam der Film wieder, da hat er es wieder erzählt, sonst wüsste ich das gar nicht mehr.«
Sabine drehte sich im Sattel um, denn sie ritt voraus, und fragte: »Schaut ihr euch immer noch solche Sandalenfilme an? Die sind doch out.«
»Natürlich, mir gefallen diese Filme. Oder glaubst du etwa, wir schauen uns an Ostern das Kettensägenmassaker an?«
Sabine lachte laut und galoppierte davon. Verena und Nicole ritten nebeneinander her, begleitet von Nero.
»Werdet ihr heiraten, du und Friedrich?«
»Ich weiß es nicht. Aber ich denke schon. Von Anfang an war für uns klar, dass wir was Festes wollen. Wir sind da auf einer Wellenlänge. Aber zuerst will ich meine Promotion zu Ende bringen. Bis dahin haben wir auch etwas gespart und dann schauen wir, wo wir uns niederlassen werden.«
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