»Welche zum Beispiel?«, wollte Verena wissen.
»Nehmen wir einmal die Treue. Treue in der Ehe bedeutete im zwanzigsten Jahrhundert hier in Mitteleuropa die absolute Monogamie. Ohne wenn und aber. Es gibt aber auch Kulturen in den arabischen Staaten, da haben die Männer mehrere Frauen. Wenn die sich nur ihren Ehefrauen hingeben, und sonst keiner anderen Frau, ist das auch Treue. Nach unserem Verständnis unvorstellbar. Oder in Europa im Mittelalter, da hatten die Frauen unter ihren zehn Kindern bestimmt fünf Kuckuckskinder. Aber die Männer nahmen das als selbstverständlich hin, da sie ja auch für die Kuckuckskinder bei den anderen Frauen sorgten. Da hielt man es mit der Treue nicht so genau, obwohl die Kirche, die damals ja sehr mächtig war, seit jeher die Monogamie lehrt. Und bei den Eskimos war es früher sogar Brauch, einem Gast seine Ehefrau für eine Nacht zu überlassen. Und es wäre eine üble Beleidigung gewesen, wenn der Gast sie zurückgewiesen hätte. Das Wort Treue existierte in früheren Zeiten bei den Völkern dieser Region überhaupt nicht. Tja, Sabine, du müsstest bei den Eskimos leben und einen Fußballspieler heiraten, dessen Mitspieler dann regelmäßig zu Besuch kommen. Das wär's, was?«
Sabine lachte laut heraus und Verena fand dieses Thema durchaus interessant.
»Ich würde an deiner Stelle auch noch den Wert der Kinder in der Gesellschaft untersuchen«, sagte Verena.
»Das habe ich auch noch vor. Allerdings will ich das Verhalten der Menschen, beziehungsweise der Eltern, ihren Kindern gegenüber untersuchen. Diese Beziehungen zu den Kindern erlebt ja jede Generation immer aufs Neue, und gerade hier kann man kulturelle Veränderungen gut erkennen.«
»Vor allem der Einfluss der Religionen und der Gesetzgebung.«
»Genau Verena. Die Religionen haben die verschiedenen Gesellschaften sehr stark geprägt. Wobei auch Religion und Staat, und damit die Gesetzgebung, sehr stark verflochten waren und bis heute mancherorts auch noch sind.«
»Dann musst du noch die religiöse Literatur durchstöbern, die Bibel, die Tora, den Koran.«
»Genau, und ich will auch im asiatischen Bereich noch recherchieren. Der Buddhismus und der Hinduismus haben ihre eigene Gesetzmäßigkeiten, während die jüdische, christliche und islamische Religion stark verflochten sind.«
»Wie denn das?«, fragte Sabine.
»Also, vereinfacht gesagt, glauben die Juden, die Christen und die Mohammedaner alle an Abraham beziehungsweise Moses und das, was im Alten Testament steht. Dann erschien Jesus. Das führte dazu, dass einige an ihn glaubten, andere wiederum nicht. Diejenigen, die an ihn glaubten, bezeichneten sich als Christen, die anderen als Juden. Das heißt, hier gab es eine erste Spaltung einer religiösen Gemeinschaft innerhalb der Gesellschaft. Dann wurde das Neue Testament niedergeschrieben und diente den Christen als Grundlage ihrer Religion. Sechshundert Jahre später kam dann Mohammed, und begründete den Islam, indem er den Koran verfasste. Aber die Christen und die Juden erkannten Mohammed nicht an, und diejenigen, die ihn anerkannten, spalteten sich von den anderen ab. Ab dann gab es eben die Juden, die nur an Abraham glauben, aber nicht an Jesus und Mohammed, dann die Christen, die an Abraham und Jesus glauben, aber nicht an Mohammed und die Islamisten, die an Abraham, Jesus und Mohammed glauben. Alle Religionen haben den gleichen Ursprung und haben sich dann doch im Laufe der Zeit sehr stark gewandelt. Ähnliche Strömungen gibt es auch beim Buddhismus. Aber ob ich das Thema so intensiv bearbeiten kann, weiß ich noch nicht, das ist wohl eine Doktorarbeit für sich.«
»Ich finde das sehr interessant«, sagte Verena. »Alles basiert im Endeffekt auf den Zehn Geboten«, fügte sie hinzu.
»Du sollst nicht töten«, sagte Sabine. »Wenn ich dann die Geschichte mir anschaue, dann haben die Menschen sich nie an diese Gebote gehalten.«
»Was die Geschichte angeht, haben sich die Menschen schon an diese Gebote gehalten, die einfachen Menschen zumindest. Das ganze Gemetzel das in den Geschichtsbüchern steht, geht doch auf das Konto der Herrscher und Mächtigen im Kampf um die Macht und die Gier nach Geld und Reichtum«, erwiderte Nicole und Verena fügte hinzu:
»Ein paar wenige Herrscher und Machthungrige haben das Elend zu verantworten, das in den Geschichtsbüchern zu finden ist. Ich halte die Menschen von Natur aus für friedlich. Wenn du sie allerdings zum Töten trimmst, wie beim Militär, dann werden sie zu Killermaschinen. Und früher war das bestimmt noch extremer. Da wurden sie mit hohen Positionen im Staat gelockt und zu grausamen Kriegen regelrecht angestiftet.«
»Da sind wir uns alle einig«, sagte Sabine. »Bei den Waklimi, einem afrikanischen Stamm, der vor eintausend Jahren existierte, wurde der König getötet, wenn er gegen geltendes Recht verstoßen hat oder das Volk unzufrieden war. Wahrscheinlich hat das einfache Volk jemand aus ihrer Mitte zum König erklärt und der musste dann die Aufgaben des Königs erfüllen. Gelang es ihm nicht, war sein Schicksal besiegelt. Da ging die Macht noch vom Volk aus, nicht so wie heute. Heutzutage ist es das beste, man denkt nicht darüber nach, da wird man ja richtig krank davon.«
»Und wie war die Lage der Kinder in den verschiedenen Religionen früher?«, fragte Verena Nicole.
»Da muss ich mich noch genauer mit beschäftigen. Kinder wurden geopfert, gefoltert, versklavt, zu Kaisern gekrönt, zwangsverheiratet und was weiß ich noch alles.«
»Ich habe mal in dem Reisebericht von Alexander von Humboldt gelesen«, sagte Sabine, »als er seine fünfjährige Südamerikareise unternahm, dass Missionare einer einheimischen Frau ihre Kinder wegnehmen wollten, um sie nach europäischem Vorbild zu erziehen. Die Frau verweigerte die Herausgabe ihrer Kinder und dann haben die Missionare die Kinder einfach entführt. Der Frau gelang es wieder, ihre Kinder zurückzuholen, aber die Missionare entführten abermals die Kinder und brachten sie an einen entfernten Ort. Die Frau durchquerte dann alleine den Urwald und Sümpfe. Krokodile, Schlangen und was da alles so im Urwald unterwegs ist, konnte sie nicht davon abhalten. Nach drei Tagen und Nächten kam sie an den Ort, an dem sie ihre Kinder vermutete. Sie konnte abermals ihre Kinder befreien, aber die Missionare nahmen sie ihr dann wieder weg und als die Frau erkannte, dass sie ihre Kinder nicht mehr zurückerhalten wird, verweigerte sie die Nahrungsaufnahme, bis sie starb.«
»Tja, den Missionaren war wichtig, dass die Kinder sozusagen zivilisiert wurden, und trotzdem handelten sie unchristlich und unmenschlich«, sagte Nicole.
»Ja, früher geschah viel Unrecht, ohne dass es gesühnt wurde«, sagte Verena. »Ich habe mal gelesen, dass zu der Zeit, als viele Europäer nach Nordamerika ausgewandert sind, sich die Indianer über die Gewalt der Europäer gegenüber ihren eigenen Kindern gewundert haben. Die Indianer selbst sind mit ihren Kindern sehr rücksichtsvoll und friedfertig umgegangen, während der gesamten Erziehung. Die Indianer verachteten die brutalen und gewalttätigen Europäer sogar.«
»In Deutschland wurde im Mittelalter sogar ein Gesetz erlassen, das den Müttern untersagte, ihre kleinen Kinder während der Nacht mit ins Bett zu nehmen«, sagte Nicole.
»Warum denn das?« fragte Sabine erstaunt.
»Weil es immer wieder vorkam, dass diese ihre Kinder im Schlaf erdrückten und daraufhin viele Kinder auch gestorben sind. Um das zu verhindern kam halt ein Gesetz heraus. Während die Frauen in der Karibik das überhaupt nicht verstehen können. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ihre kleinen Kinder bei ihnen im Bett schlafen, und die können auch gar nicht verstehen, wie man im Schlaf seine Kinder erdrücken kann.«
»Die fetten deutschen Spinatwachteln sind halt plump und unsensibel«, sagte Sabine.
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