»Ja, die Kinder haben zu früheren Zeiten schon einiges mitgemacht. Bei Platon oder Aristoteles, ich weiß nicht mehr genau bei wem, wird sogar erwähnt, dass, wenn eine Gesellschaft ihre maximal erwünschte Einwohnerzahl erreicht hätte, man die Neugeborenen einfach sterben lassen sollte. Aus rein ökonomischen Gründen.«
»Kam die Idee von den philosophischen Einfallspinseln, die sich mit hochgezogenen Augenbrauen und mit gerunzelter Stirn über Allem und Jedem erhaben fühlten?«, fragte Sabine und fügte sogleich hinzu: »Ich hoffe, du nimmst mir die Äußerung nicht übel.«
»Ich weiß es nicht mehr genau. Das habe ich früher mal gelesen. Ich müsste das nochmals nachlesen, ob die das einfach nur berichtet haben oder ob die Idee von ihnen stammt.«
»Tolle Welt«, sagte Sabine. »Die einen lassen ihre Nachkommen sterben, damit die alten Tattergreise ihre letzten Tage noch genießen können, die anderen zerquetschen im Schlaf ihre Kinder. Und heute? Heute drücken sie Kindern ein Maschinengewehr in die Hand, damit sie andere Kinder niedermetzeln können.«
»Müssen«, korrigierte Verena, »sie müssen andere Kinder töten. Wenn sie sich weigern würden, droht man eines ihrer jüngeren Geschwister zu töten. Und schon machen sie was man ihnen befiehlt.«
»Du meinst die Kindersoldaten in Afrika?«
»Ja, genau. Wenn man bedenkt was da manche Kinder mitmachen müssen. Grauenhaft. Und in der Stunde, seit wir hier sind, sind weltweit wahrscheinlich siebenhundert bis eintausend Kinder unter fünf Jahren gestorben, weil sie nichts zu Essen haben oder wegen fehlender medizinischer Versorgung.«
»Die Kinder sind am schwächsten in der Gesellschaft. Die trifft es als erstes«, ergänzte Nicole.
Die drei verfielen in ihre eigenen Gedanken und dösten vor sich hin, ohne jetzt viel zu reden.
Verena dachte über das Gesprochene noch nach und grübelte über Recht und Unrecht und das Leid, das viele Kinder wohl auch jetzt durchmachen müssen. Die Äußerungen von soeben, lies sie über Gott und die Welt nachdenken. Wie war die Menschheit früher? Wie haben die Menschen früher gelebt? Wie hat sich das alles, die Gesellschaft, das Rechtssystem, die Werte der Menschen, ja, eigentlich alles entwickelt? Muss alles so sein wie es ist, auch das Schlechte? Oder machen es sich die Menschen da zu einfach, weil sie sich gerne treiben lassen und die Muße der Anstrengung bevorzugen, das Einfache dem Schwierigen, lieber den niedrigen Trieben nachgaben, anstatt sich an gesellschaftliche Werte zu halten? Aber wer hat das Recht, Werte zu definieren und warum?
»Was meint ihr«, unterbrach Verena die Stille unter den dreien abermals, »was ist wichtiger, Religion oder der Staat mit seinem Rechtssystem?«
»Können wir uns nicht über Männer unterhalten?«, fragte Sabine gelangweilt.
»Ich meine der Staat ist wichtiger«, sagte Nicole. »Wie kommst du jetzt darauf?«
»Stellen wir uns eine Situation vor, wie jetzt heute«, sagte Verena. »Wir sitzen an einem schönen Sommernachmittag am Baggersee, mit weiteren eintausend Menschen. Wir sehen, wie ein zirka zweijähriges Kind am Wasserrand spielt. Plötzlich fällt dieses Kind ins Wasser. Wir sehen das. Was machen wir? Wir können uns schnell auf den Weg zu der Stelle machen, in der das Kind ins Wasser stürzte, um es zu bergen und damit zu retten. Aber wir können uns auch auf andere verlassen, dass diese reagieren werden. Werden diese aber reagieren? Haben sie den Vorfall beobachtet? Wir wissen es nicht. Wenn sonst keiner den Vorfall beobachtete, und wir warten zu lange, kann dies für das Kind den sicheren Tod bedeuten. Rein menschlich gesehen hat man also gar keine andere Wahl als zu reagieren. Juristisch gesehen könnten wir es uns erlauben, nicht zu reagieren. Denn es kann niemand den Nachweis erbringen, was wir gesehen haben, ohne sich selbst als Beobachter zu outen. Würde jemand die Behauptung aufstellen, wir hätten den Vorfall beobachtet und hätten das Kind retten können, dann müsste auch er selbst reagieren. Täte er das nicht, würde auch er sich juristisch schuldig machen. Vor Gott aber müssen wir reagieren. Wir können nicht so tun, als ob wir nichts gesehen hätten. Ich meine, dieses Beispiel dient doch symbolisch auch für das richtige Leben. Wenn wir die Not anderer Menschen sehen, zum Beispiel die Situation in den Entwicklungsländern mit den Hungersnöten und so, und reagieren nicht, dann machen wir uns schuldig. Die Menschen, die nichts sehen, weil sie zu sehr mit den alltäglichen Problemen beschäftigt sind oder aus anderen Gründen, wird man nicht zur Rechenschaft ziehen können, wenn sie nicht aktiv werden. Aber die Menschen, die die Not der anderen sehen und nicht reagieren, machen sich schuldig. Das heißt, juristisch und staatsgläubig gesehen, können wir die Hilfe unterlassen, ohne belangt zu werden. Menschlich gesehen, unter den Werten der Religion, machen wir uns schuldig, wenn wir nicht handeln. Versteht ihr was ich meine? Und das würde bedeuten, dass die Religion uns zu höheren Menschen erziehen kann als der Staat mit all seinen Gesetzen. Allerdings dürfen die Religionsvertreter selbst nicht gegen die Menschlichkeit verstoßen, so wie diese Missionare.«
»Das ist sehr abstrakt und sehr schwer zu beurteilen«, sagte Nicole. »Denn die Religion verlässt sich auf das Gute im Menschen, das Schlechte wird aber erst im Jenseits bestraft. Das würde doch, vor allem für die Ungläubigen, einen Freibrief zur absoluten Willkür bedeuten. Der Staat aber, der sie jetzt bestraft, im Diesseits, zwingt sie daher eher darauf zu achten, die Gesetze und Verordnungen zu beachten. Die Religion setzt mit Sicherheit die höheren ethischen und moralischen Ziele, aber die Erfahrung zeigt doch, dass erst die Gesetze die Menschen einigermaßen zum gegenseitigen Respekt zwingen.«
»Ja, da hast du vielleicht Recht.«
»Du bist zu idealistisch, Verena. Die Menschen neigen halt von Natur aus zum Schlechten und zum Bösen«, sagte Sabine.
»Tja, ohne den Tod kein Leben, ohne den Hass keine Liebe, ohne die Nacht kein Tag, ohne das Böse nicht das Gute. Das wussten schon die alten Chinesen«, sagte Verena.
»Yin und Yang«, ergänzte Sabine.
»Genau«, sagte Nicole. »Wenn es diese Gegensätze nicht gäbe, könnte man das, was wir als positiv empfinden, also Leben, Liebe oder das Gute, gar nicht definieren. Wahrscheinlich wird der Menschheit all das erhalten bleiben, was wir auch als negativ empfinden, weil sonst der andere Part, also das Positive, nicht mehr an Wert geschätzt werden könnte.«
»Dann wird es deiner Meinung nach immer Krieg geben. Denn das positive Gegenteil wäre ja Frieden. Und Kant kann sich seinen 'Ewigen Frieden' an den Hut stecken«, sagte Verena.
»Das würde ich jetzt nicht sagen. Bei Krieg und Frieden sehe ich das etwas anders. Krieg ist etwas, das die Menschen aktiv geschaffen haben. Vielleicht schafft es die Menschheit einmal, ohne Krieg zu leben. Da würde ich jetzt eine Ausnahme machen.«
»Da bin ich aber beruhigt«, sagte Verena und die drei dösten wiederum eine Zeitlang wortlos auf ihren Decken vor sich hin.
Die Ruhe unter den dreien wurde durch ein lautes »Hehhh« von Sabine unterbrochen.
Ein Wasserball landete auf ihrem Kopf und unmittelbar darauf folgte ein:
»'tschuldigung, war Absicht.«
Sabine drehte sich um und hinter ihr stand Arnold, ihr Exfreund.
»Ach, du bist das. Hätte ich mir denken können.«
»Na ihr drei hübschen Zicken. Sieht man euch auch mal wieder?«
»Ich helf' dir gleich mit deinen Zicken«, sagte Sabine und zog den Stöpsel aus dem Wasserball raus.
»Sehr komisch«, sagte Arnold, entriss ihr den Wasserball und blies ihn sogleich wieder auf. »Darf ich mich zu euch legen oder spielt ihr mit Wasserball?«
»Weder noch«, sagte Sabine. »Erstens ist hier kein Platz mehr für dich und zweitens ist viel zu viel los, da hast du ja nicht viel Platz zum Spielen, so wie es da im See jetzt von Menschen wimmelt.«
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