L.U. Ulder - Taubenzeit

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Zwei pädophile Verbrecher fahren regelmäßig als Sextouristen nach Tschechien, um sich an minderjährigen Mädchen zu vergehen. Ihre jeweilige Fahrt nennen sie zynisch die 'Taubenzeit'.
Die Privatdetektivin Valerie Leving und ihre an den Rollstuhl gefesselte Freundin Anna-Lena Holland stoßen nur zufällig auf diese Täter, als Anna-Lena im Internet-Chat Stefan kennenlernt. Der macht gemeinsam mit einem Freund Jagd auf Pädophile im Netz. Die Männer schrecken dabei auch vor Selbstjustiz nicht zurück.
Anna-Lena ist sofort Feuer und Flamme, den Tätern das Handwerk zu legen. Valerie jedoch hat zunächst Bedenken, die ehemalige Kripobeamtin ist zu sehr mit dem Adoptionsverfahren für die kleine Zoé beschäftigt.
Erst als die Hamburger Kripo Ermittlungen wegen Selbstjustiz anstellt, lässt sich Valerie von Anna-Lena überzeugen.
Die Zeit drängt, einer der beiden Täter ist ein Sadist und will sich auf der kommenden Fahrt nicht mehr mit Missbrauch und Misshandlungen zufriedengeben.
"Taubenzeit" ist der 1. Band der Leving&Holland Reihe um die Freundinnen Valerie Leving und Anna-Lena Holland. Erschienen sind in folgender Reihenfolge:
1. «Taubenzeit»-Independent-Veröffentlichung,
2. «Tödliche Zeiten»– Knaur Ebook,
3. «Angst macht große Augen»-Independent-Veröffentlichung,
4. «Jahr der Ratten» ( Wie alles begann ) – Independent-Veröffentlichung.

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„Er fährt gleich los, setz dich schon mal in Bewegung. Du fährst vorweg, solange es möglich ist. Er kommt, es geht los.“

„Und. Hat er etwas raus geschafft?“

„Ich konnte nichts erkennen. Wird so klein gewesen sein, dass es in die Jackentasche passt.“

Der kleine Wagen verließ ohne Licht den Parkplatz, erst als er schon ein ganzes Stück auf der Straße fuhr, wurden die Scheinwerfer eingeschaltet.

Valerie saß längst wieder hinter dem Steuer. Sie startete den Dieselmotor und fuhr ebenfalls ohne Licht in die Straße. Der Wagen vor ihr bog nach rechts ab und verschwand aus ihrem Blick, endlich konnte sie die Scheinwerfer betätigen.

„Er ist jetzt hinter mir. Lange wird das nicht gutgehen.“

„Fahr erst mal. Lass dir nichts anmerken, wenn du falsch abbiegst. Mach keine Fisimatenten, fahr normal weiter, bis du unauffällig drehen kannst. Komm dann einfach hinter mir her und wir wechseln uns ab. Solange wir per Handy verbunden sind, kann nichts schiefgehen.“

Anna lachte.

„Fisimatenten, das hat meine Oma auch immer gesagt.“

Die Fahrt währte nur kurz. Sie ging wenige Kilometer ziemlich direkt durch das nächtliche Hamburg. Der Verkehr war noch lebhaft genug, um nicht aufzufallen. Anna schaffte es geschickt, an zwei Kreuzungen so verhalten zu fahren, dass sie unauffällig vor dem Zielobjekt bleiben konnte. Nur an der dritten Kreuzung sah es zunächst so aus, als würde der Mann geradeaus fahren wollen. Erst im letzten Moment bog er nach rechts ab. Anna musste geradeaus weiterfahren und Valerie schloss dichter auf. Der große Volvo würde im Rückspiegel nicht lange unentdeckt bleiben. Zum Glück ging es nach wenigen Hundert Metern auf einen Gewerbehof, auf dem gleich vorn eine Tankstelle mit großer Waschanlage und ein Autozubehörhandel ihr Domizil hatten. Beide Geschäfte waren längst geschlossen und lagen im Dunklen, nur gegenüber auf dem großen Platz brannte noch die Neonreklame eines Truckerimbisses. Valerie fuhr mit ihrem Geländewagen in größerem Abstand hinter dem Mann her. Der kurvte um die Rückseite der Waschanlage und war nicht mehr zu sehen. Blitzschnell dirigierte sie Anna auf den Parkplatz vor der Kneipe. Sie selbst wartete in sicherer Entfernung ab, was weiter geschehen würde. Das Auto kam auf der anderen Seite der Waschanlage nicht mehr zum Vorschein, er musste also angehalten haben, sonst hätte sie ihn sehen müssen.

„Kannst du die Umgebung überblicken, falls er doch wieder losfährt?“

„Ja, das kann ich sehen, kein Problem.“

„Ok. Ich suche mir auch einen Platz und komme zu dir.“

Valerie stellte ihren Wagen ein Stück weiter an der Straße ab und ging mit ruhigen Schritten über den Platz. Sie wirkte wie eine späte Nachtschwärmerin, die in die einzige Kneipe weit und breit strebte. Unmittelbar, bevor Valerie die Freundin erreichte, öffnete sich die Kneipentür und zwei Pärchen kamen heraus. Laut lachend und gestikulierend standen sie vor dem Eingang. Einer der beiden Männer hatte erhebliche Schlagseite und musste sich am Geländer der kurzen Treppe festhalten, was die anderen nur noch mehr zu amüsieren schien.

Valerie nutzte die Unruhe, die einen Beobachter hoffentlich ablenken würde und glitt geräuschlos auf den Beifahrersitz neben Anna. Die hatte ihren behindertengerecht umgebauten Kleinwagen zwischen zwei mächtige Geländewagen amerikanischer Herkunft gequetscht und starrte auf die Waschanlage.

„Hast du ihn schon gesehen?“

„Nein, er hat sich noch nicht blicken lassen.“

Valerie zog das Fernglas mit Restlichtaufheller unter ihrer Jacke hervor.

„Doch, da ist er. Er steht an der rechten Ecke und schaut sich um. Er scheint auf jemanden zu warten und wirkt hektisch.“

Valerie sprach leise, mehr zu sich selbst.

„Wahrscheinlich hat er in seiner Firma etwas geklaut, was er jetzt vertickern will, ist doch klar.“

Anna schien wieder in ihrem Element zu sein, der Oberkörper war angespannt und ihre Augen funkelten unternehmungslustig. Ohne etwas zu sagen entwand sie Valerie das Nachtsichtgerät und schaute selbst hindurch.

„Er ist tatsächlich ziemlich aufgeregt, dreht den Kopf wie ein alter Wendehals. Wir haben verdammtes Glück gehabt, dass die Fahrt so kurz war. Lange wäre das nicht mehr gutgegangen.“

Valerie antworte nicht darauf, sie nickte nur gedankenverloren.

Sie dachte darüber nach, wie die Observation weitergehen würde. Wie sollten sie den möglichen Empfänger des Diebesgutes identifizieren? Auf die Entfernung würde selbst die Hochleistungskamera keine brauchbaren Bilder liefern. Die Observation vor dem Firmengebäude mit den Aufnahmen des Mannes sollte nur ein weiterer Baustein in der Beweiskette sein. Für den Fall, dass er sein Gesicht vor den Videokameras im Inneren des Gebäudes verbarg.

Ein Schatten, der wie aus dem Nichts plötzlich links neben Anna auftauchte, riss sie aus ihren Überlegungen. Tief gebückt stierte ein Mann mit stumpfen Augen neugierig in den Wagen. Valerie zuckte zusammen und stieß die Freundin mit dem Ellenbogen an. Die hatte immer noch nichts bemerkt und wandte sich mit fragendem Blick Valerie zu. Auf deren Kopfnicken drehte sie sich zurück nach links und schaute direkt in das breite, gerötete Gesicht eines offensichtlich sturzbetrunkenen Kerls. Vor Schreck fiel Anna das Fernglas aus den Händen und es verschwand mit gedämpften Poltern im Fußraum. Der Mann schien das Fernglas nicht registriert zu haben, er interessierte sich eindeutig nur für Anna. Zu einem gegrölten unflätigen Spruch, der eine abwertende Bezeichnung für den Geschlechtsakt beinhaltete, klopfte er mit der Hand aufs Autodach. Augenblicklich hatte sich Anna wieder gefangen.

„Ey Alter, hau ab, du alter Wichser!“, brüllte sie wütend.

Dazu formte sie mit der rechten Hand eine hohle Faust, die sie hoch und runter bewegte. Die Augen des Typen wurden größer, seine dunkelblonden Haare standen struppig vom Kopf ab. Er jaulte etwas Unverständliches und kam mit seinem massigen Körper noch dichter an das Fenster heran. Beide Hände langten breit auseinander auf das Dach des kleinen Autos und schüttelten es, seine Hüfte vollführte dabei eindeutige Stoßbewegungen.

Während der Wagen schaukelte, als würde er über eine Teststrecke gejagt, wanderte Valeries linke Hand in ihre Jackentasche und bekam die kleine Dose Pfefferspray zu fassen. Sie bereitete sich darauf vor, Anna ein Zeichen zu geben, damit sie die Fensterscheibe einen Spalt herunterließ. Plötzlich drehte der Kerl ab, der Wagen beruhigte sich wieder. Anscheinend hatte ihm sein Fahrer etwas zugerufen. Der Typ machte noch eine abwinkende Armbewegung und kletterte schwerfällig auf den Beifahrersitz des Geländewagens, der gleich darauf gestartet wurde und mit grollendem Motorengeräusch losfuhr. Eine Wolke verbrannter Benzindämpfe blieb zurück und drang ins Auto.

„Puuh, was der Alkohol aus einem Kerl macht.“

„Einen Vollidioten. Und jeder, der hier rumschleicht und einigermaßen bei Verstand ist, hat mitbekommen, dass hier im Auto jemand sitzt. Da hätten wir auch ein Magnetblaulicht aufs Dach pappen können, das wäre kaum auffälliger gewesen. Und du musstest ihn auch noch provozieren.“

„Oder er denkt, hier sitzt eine tapfere kleine Ehefrau, die auf ihren saufenden Mann wartet und von anderen Trinkern belästigt wird. Außerdem, was gab es denn bei dem noch zu provozieren, der war doch schon voll in Fahrt.“ Sie deutete mit der Hand nach links. „Irgendwie fühle ich mich jetzt nackt, ohne unseren Flankenschutz.“

„Da kommt ein Auto.“ Valerie machte mit dem Kopf eine Bewegung nach vorn in Richtung der Zufahrtsstraße.

Anna fischte erstaunlich schnell das Fernglas aus dem Fußraum und hielt es bereits vor den Augen, als der fremde Wagen noch auf der Anfahrt war. Automatisch schwenkte sie in die Richtung, in die Valerie gedeutet hatte.

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