„So ein Mist“, fluchte sie gleich darauf los. „Jetzt habe ich genau in den Scheinwerfer gesehen, ich bin blind.“
Sie nahm das Gerät herunter und rieb sich die Augen.
Glucksend unterdrückte Valerie ein Lachen.
„Wie doof ist das denn? Da kannst du auch mit einem Fernglas in die Sonne sehen. Gib her.“
Sie übernahm wieder den observierenden Part und verfolgte den neu ankommenden Wagen, der langsam über den nur schwach ausgeleuchteten Platz rollte und im Schlagschatten neben der Waschanlage zum Stehen kam.
Der Mann an der Ecke der Anlage setzte sich in Bewegung. Sorgsam darauf bedacht, ebenfalls im Schatten zu bleiben, näherte er sich dem Wagen. Valerie konnte erkennen, dass er etwas in der Hand trug.
„Du hättest ruhig etwas mehr Geld ausgeben können. Die besseren Geräte haben einen eingebauten Schutz für die Augen und blenden grelle Lichtquellen aus.“
„Da drüben passiert etwas. Sei leise.“
Der neu Angekommene stieg ebenfalls aus. Im grünen Licht des Restlichtaufhellers konnte Valerie erkennen, dass die beiden Männer miteinander redeten. Wobei die meiste Zeit der Alte auf den Neuankömmling einredete und dieser nur am Nicken war.
Dann wechselte ein kleiner, etwa faustgroßer Gegenstand den Besitzer.
„Jetzt hat er ihm etwas übergeben, hast du das Kennzeichen von dem Kerl notiert. Der wird gleich wieder verschwunden sein.“
Aber das Gegenteil geschah. Der Mann ging geradewegs zur Tankstelle, hantierte an der stählernen Seitentür und verschwand darin. Als wäre es kein konspiratives Treffen gewesen, sondern eine ganz normale Verabredung, flackerte plötzlich die Neonbeleuchtung und der Verkaufsraum der kleinen Tankstelle war hell erleuchtet.
Valerie und Anna sahen sich verblüfft an.
„Ich muss dringend telefonieren. Das hatte ich nicht erwartet.“
Mit wenigen Worten setzte sie ihren Auftraggeber in Kenntnis, ohne das Fernglas abzusetzen.
„Das Licht ist wieder ausgegangen. Er kommt zurück und geht wieder auf ihren Mitarbeiter zu.“
Ihre Stimme war so leise, dass selbst Anna ihre Ohren spitzen musste.
„Sie haben recht, er gibt ihm etwas zurück. Das Teil scheint dasselbe zu sein wie vorhin. Zumindest ist es genauso groß. Das Treffen ist zu Ende, sie trennen sich.“
Es entstand eine kurze Pause.
„Nein, vielen Dank.“
„Nein, wirklich nicht. Ich werde jetzt mit meiner Lebensgefährtin nach Hause fahren und mir mit ihr einen schönen Abend machen.“
Wieder eine Pause.
„Ja, das stimmt, man sieht niemandem seine Präferenz an. Bis morgen dann.“
Langsam ließ sie die Hand mit dem Fernglas sinken.
Mit großen Augen starrte Anna sie fragend an.
Unterdessen verließen beide Wagen das Gelände und verschwanden auf verschiedenen Wegen in der Nacht.
„Und? Was ist jetzt?“
Valerie lächelte tiefgründig.
„Ich habe ihm gerade sein Weltbild zerstört. Der arme Mann war ganz geschockt. Lesben waren für ihn latzhosentragende Frauen mit kurzen stacheligen Haaren, vorzugsweise bunt.“
„Wer sagt uns denn, dass es nicht so ist? Und, was machen wir beide jetzt?“
„Feierabend.“
„Los, nun mach endlich. Mir ist kalt. Steck ihr endlich die verdammte Zunge in den Hals.“
„Anna, Mensch. Hör auf damit“, raunte Valerie leise. Erschrocken drehte sie sich nach allen Seiten um, ob irgendjemand Notiz von Annas Ausfällen genommen hatte. Die beiden älteren Damen am Nachbartisch schienen nichts mitbekommen zu haben, sie unterhielten sich weiter angeregt und nippten dabei an ihrem Kaffee. Davon abgesehen hätte sich Anna ohnehin nicht stören lassen, wenn sie erst einmal in Fahrt geraten war. Sie versuchte, mit den Händen über Kreuz die Kälte von den Oberarmen und Schultern zu reiben. Gleichzeitig behielt sie angespannt den abgewinkelten Monitor der Hochleistungskamera im Auge, die unscheinbar auf ihrem rechten Oberschenkel lag. Das Objektiv dieser Kamera wiederum fixierte ein Pärchen, das sich mindestens dreißig Meter entfernt in der Außengastronomie des benachbarten Restaurants niedergelassen hatte. Der Mann war Anfang 40, schlank, korrekter Haarschnitt, Businessanzug mit Krawatte, sein Trenchcoat hing über eine freie Stuhllehne. Die Frau nur wenig jünger, blonde Pagenfrisur, ebenfalls schlank und ebenso geschäftsmäßig mit dunkelblauem Hosenanzug bekleidet. Zwei Arbeitskollegen, so wirkten sie zumindest, Banker oder Versicherungsvertreter. Während Anna hochkonzentriert auf den richtigen Moment wartete, tat Valerie, genauso hochkonzentriert, als ginge sie das alles nichts an und versuchte, so unauffällig wie möglich zu wirken.
„Ja genau, bis ran an die Mandeln. Super. Geht doch. Gib alles.“
Valerie verdrehte die Augen. Die Freundin würde sich nie ändern.
Leise Klickgeräusche verrieten, dass Anna den Auslöser drückte und eine ganze Serie von Bildern schoss.
Mit Schwung drehte sie den Rollstuhl eine Vierteldrehung herum, dass beinahe die Kamera von ihrem Schoß gefallen wäre. Ihre großen dunklen Augen funkelten listig.
„Geschafft, den Sack haben wir im Sack. Jetzt können wir zum gemütlichen Teil übergehen.“
„Schön wär’s. Die Bilder reichen seiner Frau nicht, wir werden die beiden weiter observieren müssen. Ich muss wissen, was sie unternehmen. Wenn wir Glück haben, geht es nur ins nächste Hotel.“
„Und dann?“
Anna schaute ungläubig.
„Müssen wir auch noch fotografieren, wenn sie ...?“
Sie formte mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand einen Kreis und ließ ihren rechten Zeigefinger rein und raus fahren. Die obszöne Geste war der jüngeren der beiden älteren Damen aufgefallen, mit gerunzelter Stirn unterbrach sie ihr Gespräch, setzte ihre Tasse ab und visierte Anna irritiert. Danach schaute sie über ihre zu Valerie herüber, die schmunzeln musste.
Guck mal an, so alt bist du doch noch nicht.
„Keine Panik. Wenn sie in ein Hotel verschwinden, rufe ich seine Frau an, sie wird ihn dann in der Empfangshalle in Empfang nehmen, wenn er fertig ist.“
„Die Überraschung dürfte ihr gelingen. Also müssen wir hier noch länger rumlungern. Hoffen wir, dass er scharf genug ist und Geld für ein Hotel ausgeben will. Stell dir vor, die wollen es womöglich im Auto machen. Ich sehe uns schon in einem dunklen Parkhaus herumturnen.“
Sie seufzte und drehte sich mit dem Rollstuhl wieder so, dass sie aus dem Augenwinkel die Zielpersonen beobachten konnte und richtete die Kamera erneut ein.
„Was ist eigentlich aus unserer Observation neulich Nacht geworden, der Mann an der Tankstelle? Du hast dich doch mit dem Auftraggeber, deinem neuen Verehrer getroffen.“
Valerie beugte sich vor, weil sie die Stimme absenkte, die Dame vom Nachbartisch unterhielt sich zwar weiter mit ihrer Begleiterin, aber Valerie war nicht entgangen, dass sie ständig herüber spannte.
„Das mit dem Verehrer hat sich zum Glück erledigt. Mein kleiner Hinweis auf eine Lebensgefährtin hat ihn abkühlen lassen. Er war völlig distanziert und professionell, ganz so, wie es sich gehört. Seine Firma wartet und vertreibt EC-Terminals, das sind diese Dinger, wo du im Geschäft deine EC Card reinsteckst.“
„Mensch Valli. Stell dir vor, ich weiß, was ein EC-Terminal ist.“
Anna zog schnaufend die Luft ein und drehte ruckartig den Kopf weg.
„Skimming!“
„Und was ist das nun wieder?“
„Aha. Ich dachte, das wüsstest du auch.“
Annas rotzige Art forderte regelrecht zum Sticheln heraus, Valerie grinste bewusst so überheblich, wie es ihr möglich war.
„Datendiebstahl. Er hat einen Terminal so manipuliert, dass er die Daten des Magnetstreifens und die PIN aufzeichnet. Das manipulierte Gerät hat er seinem Komplizen, dem Tankwart gegeben, der es, damit es niemand bemerkt, in der Nacht im Geschäft ausgetauscht hat. Mit dem Gerät konnten sie über mehrere Tage die Kundendaten auslesen und damit aus stinknormalen Kartenrohlingen mit Magnetstreifen EC-Karten-Dubletten herstellen und die Konten abräumen. Das heißt nein, es muss heißen 'hätten sie können', denn nach jener Nacht haben die Kollegen der Kripo übernommen. Wir sind raus.“
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