„Ich hab gedacht, ich sage was Schlaues, von wegen finanzieller Absicherung und so weiter. Das ist doch nur gut für die Kleine. Man kann auch alles auf die Goldwaage legen. Du verlangst von mir, dass wir ein lesbisches Pärchen geben, das überfordert mich. Als du vorhin Herzilein gespielt hast, habe ich befürchtet, du knutscht mich gleich ab.“
„Na und. Wäre das so schlimm gewesen? Wir müssen diese Rolle jetzt durchziehen. Und dazu passt auch nicht, dass du ständig im Internet chattest.“
„So? Warum denn nicht?“
„Weil du gelähmt bist und im Rollstuhl sitzt.“
Sofort biss sich Valerie auf die Zunge, aber es war zu spät. Die Worte waren ihr im Ärger einfach herausgerutscht, sie konnte sie nicht mehr zurückholen. Sie hätte sich ohrfeigen können, weil sie genau wusste, wie sehr es Anna kränkte, aber es war zu spät.
Augenblicklich trat ein feuchter Schimmer in die Augen der Freundin.
„Na und? Was willst du damit sagen? Ich muss doch nicht den Laden zumachen so wie du, nur weil du enttäuscht worden bist. Ich habe keine Kontrolle über meine Beine, aber noch völlig normale Empfindungen. Dieses verdammte Ding hier“, sie schlug mit der rechten Hand auf die Armlehne ihres Gefährts, „hat mich in die Grube gelegt, aber du beerdigst mich endgültig.“
Abrupt drehte Anna den Rollstuhl und rollte schnell den langen Flur hinunter. Sofort lief Valerie hinter ihr her und erreichte sie kurz vor ihrem Zimmer.
„Anna warte. Das war unglaublich dumm von mir, es tut mir leid. Ich bin so angespannt wegen Zoè, das habe ich wirklich nicht so gemeint.“
Valerie legte ihr den Arm auf die Schulter.
Anna winkte ab und drehte ihr Gesicht zur Seite.
„Ich weiß, ich auch nicht.“
Valerie war bewusst, was sie der Freundin und auch sich abverlangte.
War es wirklich die richtige Entscheidung gewesen?
Ja, sagte sie sich trotzig. Ihre jahrelange Freundschaft war bisher durch nichts zu erschüttern gewesen, sie bedeutete Sicherheit für Zoè. Hätte sie sich in dieser wichtigen Phase ihres Lebens auf einen Mann verlassen sollen?
„Alles wieder gut, Lenchen?“
Ihre Hand massierte zärtlich den Nacken der Freundin.
Die nickte nur.
„Hast du an den Babysitter für heute Abend gedacht?“
Anna hielt nur kurz den ausgestreckten Daumen nach oben, dann machte sie eine wedelnde Handbewegung, ohne sich umzudrehen und rollte in ihr Zimmer. Sie wollte in Ruhe gelassen werden. Deutlich konnte Valerie von hinten das feuchte Schimmern auf ihrer Wange erkennen.
Vier Monate zuvor.
Der Mann am Steuer konzentrierte sich auf den Verkehr vor ihm. Mit einer hastigen Bewegung der rechten Hand fuhr er durch das graue Schläfenhaar, um sofort danach wieder das große Lenkrad mit beiden Händen zu packen. Hände, denen man ansah, dass der Mittfünfziger sein Geld nicht nur mit Büroarbeit verdiente. Derb und schwielig waren sie, trocken und eingerissen von der häufigen Benutzung scharfer Waschpaste. Die Nägel beider Daumen waren von einer seltsamen, nach innen eingedellten Form. In der Nacht hatte es Neuschnee gegeben. Auf der zweispurigen Straße lag Schneematsch, von unzähligen Reifen zu Spurrinnen ausgefahren und immer glatter werdend. Die Scheibenwischer bewegten sich mit quietschenden Geräuschen über die Panoramascheibe, das vom Vordermann hochgeschleuderte Wasser enthielt Streusalz, die hellen Schlieren erschwerten die Sicht.
Mürrisch blickte Jürgen Finkenwerder auf seinen Beifahrer, der sich auf seinem Sitz räkelte, als ginge ihn das alles nichts an. Der Mann war nur wenig jünger, aber seine Haare waren heller, deshalb fiel der Grauton nicht so deutlich auf. Umso stärker war dafür sein Bauchansatz ausgeprägt, obwohl sein Gesicht und seine Extremitäten schlank waren. Auch seine Hände zeugten von einem arbeitsreichen Leben. Die Schuhe ausgezogen, lagen die in verbrauchten Socken steckenden Füße ausgestreckt auf dem mächtigen Armaturenbrett.
Aus den Augenwinkeln bemerkte der Fahrer im letzten Moment, dass der Wagen vor ihnen hart abgebremst wurde, weil die Ampel umsprang. Er stieg ebenfalls in die Bremse und stützte sich am Lenkrad ab. Das schwere Wohnmobil schlingerte auf der matschigen Fahrbahn, das Heck des Pkw kam bedrohlich näher, knapp dahinter kamen sie zum Stehen.
Ronald Leuschner schien dem Geschehen völlig entrückt zu sein. Er hatte sich mit den Füßen abgestützt, nur sein Kopf nickte bei dem Bremsmanöver nach vorn, das Handy in seinen Händen bewegte sich simultan zum Kopf. Wie gebannt starrte er auf den Monitor.
Finkenwerder ballte seine Faust und richtete sie drohend nach vorn.
„Du Idiot! Sogar wir wären noch bei Gelb durchgekommen. Sag mal, was treibst du da eigentlich?“
„Hier. Willst du mal sehen? Habe ich gerade erst aus dem Internet runtergeladen, ein kleiner Appetitmacher für unterwegs.“
Geheimnisvoll grinste er und hielt ihm sein Handy direkt vor die Nase. Finkenwerder warf nur einen raschen Blick auf den kleinen Bildschirm, der Straßenverkehr vor ihm verlangte seine ganze Aufmerksamkeit.
„So kann ich nicht viel erkennen. Ich habe nur etwas nackte Haut gesehen. Was war das?“
„Eine ganz niedliche Taube, höchstens sieben oder acht. Geile Bilder. Wie lieb sie in die Kamera guckt. Die würde ich mir auch gern mal vornehmen.“
„Und, wo hast du sie her?“
„Internet. Hab ich doch gesagt.“
„Internet, Internet,“ äffte der Fahrer. „So etwas gibt es nicht einfach so im Internet, werd mal genauer.“
„Tauschbörse. Habe ich mir runtergeladen.“
„Das habe ich befürchtet.“ Die Stimme wurde gereizter, der Mann presste die Worte zwischen den Lippen hervor. „Tauschbörse bedeutet, dass du auch etwas geben musst, sonst funktioniert der ganze Download nicht.“
„Ja natürlich, peer to peer.“
„Eben. Peer to peer. Geben und nehmen. Und was hast du gegeben?“
„Ein paar Bilder von unserer letzten Fahrt, was sonst?“
Der Fahrer zog die Luft scharf ein, ein gefährliches Zischen erklang.
„Bist du blöd? Merkst du nichts mehr? Wir waren uns darüber einig, dass unser Bildmaterial niemals in irgendeiner Tauschbörse auftaucht.“
„Mach dir nicht ins Hemd. Ich habe nur Bilder genommen, auf denen man nichts von uns sieht, außer unseren besten Stücken natürlich, das war logischerweise nicht zu vermeiden.“
Er lachte heiser, es klang, als liefe die fotografierte Wirklichkeit noch einmal vor seinem geistigen Auge ab.
Finkenwerder ließ sich nicht locker.
„Diese Börsen werden überwacht, du Blödmann. Nicht nur von den Bullen. Rechtsanwälte beschäftigen ganze Bürokolonnen, um Urheberrechtsverletzungen abmahnen zu können, nicht zu vergessen die ganzen selbsternannten Schnüffler. Wenn die auf solches Material stoßen, geben sie die Daten an die Behörden weiter. Und wenn die deine Verbindungsdaten haben, ist der Rest ein Kinderspiel.“
Fluchend kurbelte er am Lenkrad. Der Ärger über den Leichtsinn seines Kumpanen hatte ihn abgelenkt. Die rechten Räder des Wohnmobils waren an den vereisten Rand geraten, das Fahrzeug versetzte und schaukelte auf. Nur mit Mühe konnte er den Wagen in der Spur halten. Sein Beifahrer aber blieb die Ruhe selbst, weder die ruppige Fahrweise noch die Vorwürfe erschütterten sein Gemüt.
„Alles Quatsch.“
Überheblich verzog er das Gesicht.
„Ich surfe anonym. Da passiert nichts, das ist doch sowieso alles nur Angstmacherei in den Medien mit der Überwachung.“
„Anonym ja? Und das soll funktionieren? Du kommst schon nicht mit deiner Firma klar und willst mir jetzt erzählen, dass du plötzlich der große Computerexperte bist. Lass gefälligst die Scheiße sein. Du reitest uns noch rein. Wir haben eine klare Absprache, absolute Diskretion. Von unseren Bildern und Videos geht nichts raus. Nur so funktioniert es, sonst lassen wir es in Zukunft oder ich fahre allein.“
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