Die Augen der Besucherin wanderten durch das großzügig dimensionierte Wohnzimmer. Vom riesigen Fernseher glitten sie über das Designersofa und blieben an einer Bilderserie hängen, die Zoè schwarzweiß und lebensgroß in verschiedenen Posen zeigte.
„Finanziell scheinen sie ganz gut dazustehen.“
Sie ließ offen, ob dies eine Frage oder eine Feststellung war.
Valerie sah Anna unsicher an, bevor sie antwortete.
„Ich habe eine Erbschaft gemacht, mein Vater war ein sehr erfolgreicher Rechtsanwalt. Deshalb bin ich finanziell unabhängig. Früher war ich bei der Kriminalpolizei, nach meiner Hospitation bei Europol in Den Haag habe allerdings gekündigt, um mich um Zoè kümmern zu können. “
Früher, das klang so, als wäre sie schon uralt. Aber genauso kam es ihr vor, als wäre alles ganz weit weg und konnte sie nicht mehr erreichen.
„Sie haben also Ihren sicheren Beruf aufgegeben, um für das Kind da zu sein.“
Frau Berger vertiefte sich in ihren Notizblock. Valerie fragte sich, ob die Feststellung gut oder schlecht für sie war.
„Sind Sie denn in der Lage, sich um ein Kind zu kümmern?“, fragte Frau Berger an Anna gewandt und meinte doch nur den Rollstuhl.
„Natürlich. Auf Rädern bin ich wesentlich schneller als früher zu Fuß“.
Anna hatte die Frage sofort durchschaut.
Valerie schnaufte. Wie lange hatten sie über diesen Tag diskutiert, sie hatte gehofft, dass die Positionen klar waren. Aus Erfahrung wusste sie zur Genüge, wann es Anna reichte und sie die Kratzbürste auspackte. Schnell sprang sie ein.
„Wir haben eine Haushaltshilfe, die uns entlastet. So haben wir mehr Zeit für Zoè.“
Wieder der Kugelschreiber, kratz, kratz, kratz.
„Brauchen Sie tägliche Pflege? Muss sich Frau Leving um Sie kümmern?“
Annas Augen wurden größer, erst auf Valeries Blick hin schluckte sie tapfer die Antwort herunter und blieb stumm.
„Anna ist vollkommen selbstständig, bis auf die Physiotherapeutin benötigt sie niemanden.“
„Mit Männern wird das Kind in seiner Entwicklung nicht in Berührung kommen?“
Valerie wurde noch wärmer im Nacken.
Warum gibt es keinen Fragenkatalog für den Besuch von Jugendamtsmitarbeiterinnen, so wie es die Führerscheinfragen schon vorher zu lesen gibt?
„Wir haben natürlich auch männliche Bekannte, die gelegentlich zu Besuch kommen.“
„Die sind dann aber eher schwul, ja?“
Kratz, kratz.
Valerie starrte die Frau an. Zu gern hätte sie gewusst, was sich in diesem Moment hinter dieser Stirn abspielte. Ein Bild altrömischer Gelage schoss ihr durch den Kopf, wild kopulierende Männer und Frauen, wie in dem alten Caligulafilm. Und Zoè tapste, mit hasenängstlichen Augen, den Rücken an der Wand, durch diese Szene.
„Nicht nur, manche schon“, hörte sie sich sagen.
„Mein Vater kommt regelmäßig vorbei. Er ist für Zoè ein wunderbarer Opa. Die beiden verstehen sich prima, und er ist nicht schwul, jedenfalls nicht, dass wir es wüssten.“
Annas Tonfall war noch eine Nuance streitsüchtiger geworden. Valeries Gedanken rotierten.
„Wir haben auch einige männliche Mitarbeiter, die den Außendienst machen, sozusagen.“
Jetzt wurden Annas Augen kugelrund, sie schaute für einen winzigen Moment erstaunt, dann hatte sie sich wieder im Griff und lächelte freundlich. Jedenfalls hätte ein Nichteingeweihter es für freundlich halten können..
„Kann ich mal das Zimmer des Kindes sehen?“
Sag nicht ständig Kind, gibt ihr eine Identität, sag ihren Namen oder sag wenigstens Mädchen.
Mit mulmigem Gefühl ging Valerie vor und öffnete die Kinderzimmertür.
„Süß, ein wenig übertrieben vielleicht, aber süß“, war die einzige Reaktion.
Blickpunkt des Zimmers war ein Himmelbett, das mitten im Raum stand. Der Rest des in zarten Pastelltönen gehaltenen Raumes wurde von Stofftieren und anderem Spielzeug dominiert.
„Wie sehen Sie unsere Chancen, als lesbisches Paar die Kleine zu adoptieren? Müssen wir schnellstens heiraten?“
„Nein, müssen Sie nicht. Auch alleinstehende Personen, ob homo- oder heterosexuell, können ein Kind adoptieren. Die Vermittlungsstellen bevorzugen zwar in der Regel traditionelle Familienformen, aber in Ihrem Fall ist das sicher etwas anderes, das Kind lebt ja schon bei Ihnen.“
Die Besucherin ging durch den Flur zurück in Richtung der Eingangstür. An einem kleinen Bild blieb sie hängen und betrachtete es, ihr Kopf ging dabei hin und her.
„Das Bild ist wirklich hinreißend. Es nimmt einen regelrecht gefangen. Man kann gar nicht daran vorbeigehen.“
Noch weiter nach vorn rückte ihr Kopf, bis sie in der Lage war, die kleine Schrift zu lesen.
„P.S. Kroyer. Porträt von Tove Bentzon. Nie gehört.“
„Das Original hängt in einem Museum in Skagen, Dänemark. In unserer Familie heißt es nur 'Das kleine blaue Mädchen', wegen der dominierenden Farbe des Mantels.“
„Ganz reizend.“
Dann war sie verschwunden. Valerie atmete tief durch. Keine Stunde hatte der Besuch gedauert, ihr war es wie eine kleine Ewigkeit vorgekommen.
Nachdem Valerie die Tür geschlossen hatte und in den Essbereich zurückgekehrt war, funkelten Annas Augen sie an wie glühende Kohlen.
„Einzelperson, homo- oder heterosexuell“, ahmte sie die Besucherin nach.
„Es ist völlig scheiß egal, wer oder was du bist. Das ganze Theater können wir uns sparen. Was hat dir der Rechtsanwalt bloß für einen Mist erzählt? Wie bist du überhaupt auf den gekommen?“
„Durch meine Mutter. Der Mann war der Partner meines Vaters.“
„See- und Schifffahrtsrecht, na klasse. Der kennt sich mit Containern und Schweröl aus. Was für eine Referenz! Und der hat dir das mit der Lesbenvorstellung vorgeschlagen?“
Valerie ließ sich auf einen Stuhl sinken, ihr Blick war nach innen gekehrt.
„Ich habe ihn gefragt, ob das etwas bringen würde. Weil ich keinen Mann als Partner präsentieren konnte und es auch nicht wollte. Ich habe es ihm in den Mund gelegt und er hat nur gemeint, dass es vermutlich nicht schaden kann.“
Valerie besann sich an das Gespräch in dem mit dunklem Holz getäfelten Büro. Sie hatte noch gedacht, dass es der richtige Ort sei, um über Lieferverträge und Schiffstonnagen zu verhandeln, aber nicht über das Leben eines kleinen Mädchens. Sie erinnerte sich, dass eigentlich nur sie geredet und sich über die Schwerfälligkeit des Behördenapparates echauffiert hatte. Ihr Gegenüber blätterte in den Akten, machte sich Notizen, nickte hin und wieder und versprach, den Fall zu prüfen. Ihr war es vorgekommen, als hätte er überhaupt nicht richtig zugehört. Aber kaum, dass sie die Kanzlei verlassen und sie in ihrem Auto saß, klingelte bereits das Handy. Ihre Mutter war am Apparat und bombardierte sie mit Fragen über ihre vermeintliche homosexuelle Partnerschaft. Es gelang Valerie ziemlich schnell, ihrer Mutter den wahren Hintergrund zu erklären und sie zu beruhigen. So geriet die Episode vorübergehend in Vergessenheit, bis sie einige Tage darauf die Durchschrift des Briefes erhielt, den der Rechtsanwalt an das Jugendamt geschickt hatte. Darin stand es schwarz auf weiß und in ganzer epischer Breite, Valerie und Anna waren ein glückliches, gleichgeschlechtliches Paar, das sich nichts sehnlicher wünschte, als einen kleinen Menschen zu umsorgen.
„Egal.“
Ihr Körper spannte sich wieder.
„Das ziehen wir jetzt so durch, wie wir es besprochen haben, zurück können wir nicht mehr. Zumindest solange, bis die Adoption besiegelt ist.“
Sie schaute Anna in die Augen. Die Freundin verzog das Gesicht.
„Hast du den Blick gesehen? Die Frau hat mich angeschaut, als wäre ich ein Insekt, das sich auf ihren Teller verirrt hat.“
„Du hättest dich ruhig etwas geschickter anstellen können, beruflich stark eingespannt, mein Gott. Was hast du dir dabei gedacht?“
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