„Bist du etwa nervös, Papa?“
„Ach Papperlapapp“ Hermann versuchte das Stirnrunzeln seines Sohnes mit einer entschiedenen Handbewegung wegzuwischen. Er machte sich schon Sorgen, aber er würde einen Teufel tun und das seinem Sohn auf die Nase binden, der ohnehin schon seit Wochen käseweiß im Gesicht war und jedes Mal Schweißperlen auf der Stirn bekam, wenn er eine Rede halten sollte. In stillen Momenten fragte sich Hermann, ob sein Sohn überhaupt aus dem gleichen Holz geschnitzt war, wie er selbst, aber der Zeitpunkt, um das zuzugeben war längst verstrichen. Der Zug abgefahren. Die Alternative wäre gewesen, Robert Engel, das Feld zu überlassen, dem arroganten, selbstgefälligen und opportunistischen Schnösel. Nein, in dessen Hände durften die Geschicke Mühlenbachs ganz sicher nicht gelegt werden, das würde Hermann schon zu verhindern wissen. Und wenn er den verdammten Wolf auf ihn hetzen musste.
Um Punkt zwölf Uhr klopfte es an der geschlossenen Bürotür. In der Zwischenzeit hatte Hermann zwei der drei Tortenstücke allein verspeist und das dritte Esther zum Kühlstellen wieder mitgegeben. Esther hatte wiederum eine Thermoskanne mit frischem Kaffee und die Zuckerdose ins Zimmer gebracht, dazu ein kleines Glasschälchen mit Spritzgebäck. Daniel hatte ein bisschen daran herumgeknabbert und weitere zweieinhalb Tassen Kaffee getrunken, die ihn vollkommen hibbelig gemacht hatten. Als es klopfte, sprang er so schnell auf, dass ihm ganz schwindelig wurde.
Er eilte zur Tür, öffnete sie und hatte schon eine halbe Begrüßung ausgesprochen, als er verwirrt innehielt. Vor ihm stand eine kleine Frau in einem weinroten Wollmantel, die ungefähr in seinem Alter sein musste. Sie hatte halblanges hellbraunes Haar, Sommersprossen auf der Nase und fröhliche grüne Augen, die belustigt funkelten, als Daniel den Blick senkte.
„Willkommen, Herr Doktor Nowak!“, sagte Hermann Waltherscheid laut. Er hatte die junge Frau nicht gesehen, da er hinter der Tür gesessen hatte, hinter der er nun hervorkam, um die missglückte Begrüßung seines Sohnes zu retten. Als er sie nun im Türrahmen erblickte, erstarrte er ebenso wie Daniel zuvor, der sich mittlerweile aber wieder gefangen hatte und die Frau mit einer Geste hereinbat.
„Guten Tag“, sagte Lina, trat in das stickige, kleine Büro und nickte höflich, nach wie vor mit belustigt blitzenden Augen.
„Frau…ähm…Frau Doktor Nowak?“, fragte Hermann zweifelnd.
„Doktor Abelina Nowak, ja. Guten Tag, die Herren“, wiederholte Lina ihre Begrüßung und streckte Hermann die Hand entgegen, der sie nach kurzem Zögern auch ergriff. Na, das konnte ja heiter werden, dachte sie im Stillen, während sie abwartete, dass die beiden Männer sich mit dem Gedanken anfreundeten, dass sie eine Frau war. Ein Umstand mit dem sie offensichtlich nicht gerechnet hatten.
Ein bisschen war dieses Missverständnis wohl auch Linas eigene Schuld, zumal es nicht zum ersten Mal geschah. Sie verabscheute ihren Vornamen so sehr, dass sie ihn meistens mit einem schlichten A. abkürzte. In Verbindung mit ihrem Doktortitel hatte das in der Vergangenheit schon häufiger zu den absurdesten Verwechslungen geführt. Einmal war sogar ein Taxifahrer, der sie zu einem Tagungshotel gefahren hatte und so nett gewesen war, ihre Koffer bis in die Lobby zu tragen, für sie gehalten worden.
„Kommen Sie doch herein, nehmen Sie Platz, Frau…äh…Doktor.“
„Frau Nowak reicht vollkommen aus“, sagte sie und setzte sich in einen schwarzen Sessel in der Zimmerecke, dessen Sitzfläche schon ziemlich angewärmt war. Überhaupt war es in dem quadratischen Raum unerträglich warm und es roch nach kaltem Kaffee und Staub. Lina stellte ihre Tasche neben sich auf die Erde, faltete die Hände im Schoß und betrachtete ihre beiden Gesprächspartner, die ein wenig hilflos im Raum standen, genauer. Der ältere Herr war sicherlich der Bürgermeister, der mit Professor Weiher telefoniert hatte, der jüngere war wohl so etwas wie ein Sekretär oder ein enger Mitarbeiter. Er hatte einen leicht weggetretenen Gesichtsausdruck, so als wäre er nicht richtig wach und seine Stirn war ziemlich zerfurcht, obwohl er dem Rest seines Aussehens nach zu urteilen noch keine dreißig Jahre alt war. Der junge Mann beugte sich vor, um ihr umständlich eine Tasse Kaffee einzuschenken, die er mit zitternden Händen vor ihr abstellte.
„Haben Sie zufällig auch Milch da?“, fragte Lina, die schwarzen Kaffee nicht ausstehen konnte.
Plötzlich grinste der junge Mann aus unerfindlichen Gründen. Er nickte und sagte, er würde ihr die Milch rasch aus dem Nebenzimmer holen. Nachdem er verschwunden war, setzte sich der Bürgermeister Lina gegenüber hin und fixierte sie mit kritischem Blick. Wie war noch gleich sein Name gewesen? Winterscheid?
„Sie sind also der … die Wolfsexpertin?“
„Ja, die bin ich“, antwortete Lina, mangels alternativer Berufsbezeichnung.
„Nun, dann erzählen Sie doch mal, wie man in unserem Fall so vorgeht. Fängt man das Tier ein, oder wird es geschossen? Und wie schnell kann das ganze über die Bühne gehen? Wir sind ein wenig unter Zeitdruck, wenn Sie verstehen.“
„Ich verstehe nicht , muss ich sagen“ Lina stellte ihre Tasse ab, die sie ohnehin nur alibimäßig in der Hand hielt. Nichts und niemand würde sie dazu bringen, schwarzen Kaffee zu trinken.
„Was genau haben Sie denn von dem was ich gesagt habe, nicht verstanden, Frau Nowak?“, fragte der Bürgermeister überdeutlich, jede einzelne Silbe betonend.
„Ich habe nicht verstanden, wie Sie darauf kommen, dass es in Frage käme den betroffenen Wolf umzusiedeln oder gar zu erschießen.“
„Alles andere kommt für mich überhaupt nicht in Frage! Meine Bürger machen sich Sorgen um ihre Sicherheit. Das Tier wurde direkt neben einer Schafsweide fotografiert! Stellen Sie sich vor, er hätte die Schafe gerissen. Das Tier stellt eine wirtschaftliche Bedrohung unserer Landwirte dar.“
„Das ist richtig und genau da werden wir auch ansetzen“
„Ja! Mit der Flinte!
Daniel hatte sich die Milch für Frau Doktor Nowak im Nachbarbüro leihen müssen, weil die gute Esther, nach der genervten Reaktion ihres Vorgesetzten, beschlossen hatte, die von ihr Gekaufte in den Ausguss zu schütten. Als er mit dem Kännchen in der Hand zurück in das Büro kam, befand sich Frau Nowak gerade mitten in einem Monolog. Sein Vater hingegen schien ganz damit beschäftigt, dunkelrot anzulaufen.
„…Ihre Aufgabe, die Menschen aufzuklären, auch über die Rechtslage. Ich werde Ihnen dabei helfen und erkläre mich gerne bereit, Fragen aller Art zu beantworten. In der Vergangenheit haben wir in verschiedenen Städten Vortragsabende und Diskussionsrunden abgehalten, zu denen jeder kommen konnte, um sich zu informieren und Bedenken zu äußern. Ich schlage vor, so etwas hier ebenfalls ins Leben zu rufen. Natürlich müssen die Landwirte extra betreut werden und brauchen so schnell wie möglich Informationen über die Zuschüsse, die sie bekommen können, um ihre Zäune wolfssicher zu machen. In Niedersachsen haben wir in einem Ort eine große Aktion daraus gemacht, mit vielen freiwilligen Helfern, die für ein bisschen Suppe und Brot geholfen haben, die neuen Zaunanlagen aufzustellen. Wichtig ist nur, dass Sie als Bürgermeister mit gutem Beispiel vorangehen und den Wolf nicht als Problem oder als Bedrohung darstellen. Die Kommunikation muss stimmen, das ist das Entscheidende.“
Es war überraschend, fand Daniel, der während der letzten Worte der Wolfsberaterin eifrig genickt hatte, welches rhetorische Talent in der kleinen Frau schlummerte. Ihr kleiner Vortrag klang zwar etwas auswendig gelernt, trotzdem war die Leidenschaft und Überzeugung dahinter deutlich spürbar. Daniel hätte einiges dafür gegeben, so gut reden zu können.
Ein nicht gerade sanfter Faustschlag seines Vaters gegen den Oberarm, brachte ihn dazu, mit dem Nicken aufzuhören. Hermanns Gesicht war mittlerweile kirschrot.
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