„Das habe ich doch gar nicht gesagt…“
„Wovon wollen Sie denn eine Ahnung haben, hä? Aus der Großstadt kommen Sie, da gibt’s doch gar keine Wölfe.“
„Nein, aber ich war…“
„Tun Sie mal nicht so, als wären Sie die Expertin, wenn wir hier mit dem Tier leben müssen! Das können Sie sich doch gar nicht vorstellen, wie das ist!“
„Gerda mach mal halblang“, unterbrach Bast energisch.
„Was denn? Ich darf ja wohl noch sagen, wie es ist!“
„Wie wäre es, wenn du dich rüber zu Norbert setzt, hm? Und aufhörst, fremde Menschen beim Essen zu stören.“
„Ich warne dich, junger Mann! Hör auf mit mir zu sprechen, wie mit einer senilen Alten.“
„Dann hör auf dich zu benehmen wie eine senile Alte!“, rief jemand von einem der hinteren Tische und erntete einige Lacher.
Gerda schien plötzlich bewusst zu werden, dass ihr der gesamte Schankraum zuhörte. Murrend nahm sie ihr halbleeres Bierglas und verzog sich in die Ecke, in der Norbert Brandt mit einem halben Dutzend anderer Mühlenbacher zusammensaß, die Gerda sofort ihre fragenflüsternden Köpfe entgegenstreckten.
„Entschuldige“, sagte Bast an Lina gewandt, obwohl er natürlich nichts für Gerdas Verhalten konnte.
„Schon gut.“ Lina winkte müde ab. „Ich kenn das schon. Die Suppe ist übrigens hervorragend.“
„Möchtest du noch mehr?“
„Nein. Nein, danke. Eigentlich möchte ich nur noch schlafen. Es war ein langer Tag. Ist dir etwas eingefallen?“
„Eingefallen?“
„Gibt es irgendeine Unterkunft direkt in Mühlenbach? Oder muss ich nach Wettringen ausweichen? Da ist ein kleines Hotel, aber es wäre mir lieber, direkt vor Ort zu sein.“
Bast biss sich auf die Zunge. Es gab schon die eine oder andere Möglichkeit. Frau Kamp, die Bäckerin, vermietete ihre Einliegerwohnung gelegentlich an Wanderer und Eckardts hatten eine kleine Wohnung über der Buchhandlung, die leer stand, wenn keines ihrer Kinder zu Besuch war. Aber Bast wusste ja gar nicht, ob da zurzeit schon Gäste unterkamen. Es war zwar Anfang November, sicher keine Saison, aber man konnte nie wissen, vor allem wegen der ganzen Wolfstouristen, die Tag für Tag in Mühlenbach aufschlugen. Er hätte einfach nachfragen können, andererseits…es wäre doch viel einfacher, wenn er Lina direkt hier im Waldläufer unterbrachte. Immerhin hatte er noch ein leerstehendes Gästezimmer im ersten Stock, das er mehr oder weniger als Abstellkammer nutzte. Er hatte das Zimmer noch nie vermietet und wäre auch nie auf die Idee gekommen, sich Übernachtungsgäste ins Haus zu holen, zumal er die beiden anderen Gästezimmer ja selbst bewohnte, aber das hier war quasi ein Notfall. Es war immerhin schon dunkel draußen, zwar erst sieben Uhr, aber dunkel! Da konnte er doch keine fremde Person guten Gewissens wegschicken, ohne zu wissen, ob sie überhaupt noch ein Zimmer bekommen würde…nein, das ging doch wirklich nicht.
Sie habe Glück, sagte er deswegen, Er habe noch genau ein Zimmer frei, das er ihr anbieten könnte, direkt über dem Pub, Frühstück inklusive. Er könne keinen allzu großen Komfort bieten und das Bad sei auf dem Flur, aber er würde ihr einen Freundschaftspreis machen. Ansonsten würde er ihr natürlich auch ein Taxi rufen, wenn sie lieber in Wettringen übernachten wolle, allerdings habe er gehört, dass in dem einzigen Hotel dort Wanzen ihr Unwesen trieben.
Nein, nein, sagte Lina schnell. Das klinge großartig mit dem Zimmer direkt über dem Pub. Genauso habe sie sich das vorgestellt. Ob sie gleich die Koffer raufbringen könne.
„Ich mache das schon für dich.“, sagte Bast und zapfte ihr noch ein großes Glas aufs Haus. „Gehört zum Service.“
Dann eilte er die Treppe hinauf, um rasch das Fenster aufzureißen und den Staubwedel zu schwingen. Auf der Treppe übersprang er jede zweite Stufe und sein Herz hüpfte in seiner Brust.
Ich will Ihnen ja helfen, wenn Sie mich lassen
Zu Mühlenbach zählten knappe fünftausend Einwohner, die sich allerdings auf ein etwas größeres und mehrere kleine, ehemals eigenständige Dörfer verteilten, die sich um den südlichen Saum des Winterswaldes herumgruppierten und oft nur über, in engen Kurven gewundene Straßen erreichbar waren. Der einzige größere Lebensmittelladen befand sich direkt neben dem Rathaus am Marktplatz. Es gab einen Waldkindergarten ganz in der Nähe von Bauer Brandts Hof und eine, etwas abseits gelegene, Grundschule. Weiterführende Schulen gab es keine, dafür Busse, die in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen die fünfundvierzigminütige Fahrt in die nächstgrößere Stadt Wettringen antraten, die zwar auch nicht sonderlich groß war, aber einiges von dem besaß, was Mühlenbach fehlte.
Wettringen war eine unbekannte deutsche Durchschnittsstadt und über Mühlenbach hatte nie und hätte wahrscheinlich auch niemals jemand ein Wort verloren, wenn der Wolf nicht gewesen wäre. Die gelegentlichen Wanderer hatte es schon immer gegeben, die die gut ausgeschilderten Wege im Winterswald schätzten und im Sommer kamen ganze Scharen von Besuchern, die an den großen Badesee am Waldrand pilgerten oder die verfallene Burgruine besichtigen wollten. Der Winterswald selbst war in der weiteren Umgebung und sogar über Bundeslandgrenzen hinaus bekannt, aber die Orte, die man auf dem Weg dorthin passierte, blieben in den Köpfen der Menschen nicht hängen. Alle sahen für fremde Augen irgendwie gleich aus. Deshalb konnte sich auch niemand erinnern je von Mühlenbach gehört zu haben. Bis jetzt. Denn jetzt waren sie auf den Wolf gekommen.
Daniel Waltherscheid fand es ganz erstaunlich, dass plötzlich aller Augen auf sie gerichtet waren, und dass nur, wegen eines einzigen, unscharfen Fotos. Seit Tagen klingelte sein Telefon beinahe ununterbrochen und immer waren andere Menschen am Apparat. Journalisten, Reporter, Naturschutzverbände, Jagdverbände, übergeordnete Behörden und vor allem – sie machten mit Abstand den größten Anteil der unerwünschten Anrufe aus – besorgte Bürger. Die ganze Geschichte wuchs Daniel zusehends über den Kopf und sein Vater, der amtierende Bürgermeister, war ihm auch keine große Hilfe. Der nickte immer nur grimmig und sagte: „Wir schaffen das schon.“, nur dazu, wie sie das eigentlich schaffen sollten, hatte er noch keine Idee geäußert.
Der Wolf hatte sich wirklich den denkbar schlechtesten Zeitpunkt ausgesucht, um vor die Linse zu hüpfen, fand Daniel. Hätte er nicht wenigstens noch drei Wochen warten können, bis der ganze Spuk um die Kommunalwahl endlich vorbei war und er hoffentlich wieder in der Lage wäre, einen klaren Gedanken zu fassen?
Er saß im zweiten Stock des Mühlenbacher Rats- und Gemeindehauses im Büro seines Vaters, umklammerte eine Tasse mit längst kalt gewordenem Kaffee und starrte auf die Zeitung von heute, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag, bis die Buchstaben vor seinen Augen zu einem grauen Brei verschwammen. Das Telefon klingelte in seinem Rücken, aber er überhörte es großzügig, weil er einfach keine Kraft mehr hatte, um sich zum gefühlt hundertsten Mal die gleichen Fragen, gestellt in hysterischem Tonfall, gefolgt von unsinnigen, bis ins kleinste Detail ausgemalte Schreckensszenarien, anzuhören.
„Das sind deine Bürger, mein Sohn!“, hatte sein Vater ihn gestern streng zurechtgewiesen, als er es gewagt hatte, sich zu beklagen. „Deine Wähler ! Sie erwarten von dir, dass du ihnen zuhörst, dass du ein offenes Ohr für ihre Probleme hast. Das ist dein Job!“
Strenggenommen, hatte Daniel gedacht, auch wenn er nicht gewagt hätte, es auszusprechen, strenggenommen ist es immer noch dein Job.
Schließlich war Daniel noch nicht der Bürgermeister von Mühlenbach. Das würde er frühestens in drei Wochen sein. Bis dahin war Hermann Waltherscheid de facto im Amt. Allerdings ließ er Daniel jetzt schon seit Wochen die meiste Arbeit machen, aus – wie er es nannte – wahlkampftechnischen Gründen.
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