„Das kann nicht sein!“
Und weil Brandt in seiner Eile gar nicht daran gedacht hatte, dass er das Foto vielleicht hätte ausdrucken sollen (wofür hatte er den ganzen technischen Schnickschnack denn zu Hause, wenn er ihn nie benutzte?), hatte er außer seinem Wort, das in Mühlenbach nicht ganz so viel galt, wie er es sich gewünscht hätte, nicht viel, um Herrn Eckardt von der Wahrheit seiner Aussage zu überzeugen. Er drehte sich auf dem Absatz wieder um, verließ die Buchhandlung und eilte so schnell ihn seine kleinen Füße trugen, vorbei an Lebensmittellädchen, Kiosk und Bäckerei, zu seinem Hof zurück, wo er den steinalten Computer hochfuhr, was eine ungefähre Ewigkeit dauerte. Während er wartete, dass das Gerät endlich einsatzbereit war, tänzelte er unentwegt auf der Stelle, als müsse er zur Toilette. Dann druckte er das Foto in halbwegs beeindruckender DIN A4-Größe aus.
Die Augen des Wolfes waren leuchtend weiße Löcher. Er hatte eine Vorderpfote und eine Hinterpfote erhoben, die Schnauze leicht in die Luft gereckt. Brandt meinte sogar, einen Reißzahn aufblitzen zu sehen. Kaum hatte der Drucker das Bild ausgespuckt, nahm Brandt es an sich und hastete die Treppe herunter.
In der Kneipe an der Ecke, die trotz der noch frühen Nachmittagsstunde schon ganz gut gefüllt war, war man über den ungebetenen Gast im stadteigenen Erholungsgebiet gebührend empört. Als sich die angemessene Schockstarre, in die die Anwesenden nach Brandts Verkündung kurzzeitig gefallen waren, wieder löste, entbrannte eine laute Diskussion zu der jeder der Anwesenden irgendetwas beizutragen wusste. Was dem Wolf denn einfalle, sich einfach so niederzulassen? Das könne ja nicht angehen, dass so etwas legal sei! Wo es denn hergekommen sei, das Untier, das müsse sich doch feststellen lassen und wenn es sich feststellen ließe, dann solle man doch, bitte schön, dafür Sorge tragen, dass das Vieh wieder dahin zurück verschwände, wo es hingehöre.
Norbert Brandt stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und trotz seines tatsächlichen Unbehagens ob der Bedrohung für seine geliebten Schafe, genoss er die ungewohnte Anteilnahme auch. Immer und immer wieder erzählte er aufs Neue, wie er das Foto gefunden hatte und von Mal zu Mal klang die Geschichte anders, bis die später dazugekommenen Kneipengäste davon ausgingen, dass nicht die Fotofalle, sondern Brandt höchstpersönlich den Auslöser gedrückt haben musste.
Und wie das mit Geschichten in kleinen Städtchen so ist, verbreitete sich die Kunde von dem Wolf im Winterswald über Nacht im ganzen Ort, sodass nur noch die allerwenigsten, allereinsamsten Bewohner am nächsten Morgen aus der Zeitung erfuhren, was sich zugetragen hatte (RÜCKKEHR DES RAUBTIERS – Nach 200 Jahren erobert sich der Wolf den Winterswald zurück). Und nicht nur die Lokalzeitung berichtete darüber, auch überregional fand die Geschichte einiges Interesse, schließlich waren Wölfe in Nordrhein-Westfalen noch eine absolute Seltenheit. In Sachsen hätte man angesichts eines solchen Fotos wahrscheinlich nur kurz mit den Schultern gezuckt.
Sebastian Winkelmann, genannt Bast, neunundzwanzig Jahre alt, war der Wirt in der Kneipe an der Ecke, unweit des Mühlenbacher Marktplatzes. Er pflegte zu sagen, dass seine Kneipe, die beste im ganzen Ort war, tatsächlich war sie aber schlicht die einzige und deswegen auch fast immer schon am Nachmittag ziemlich gut gefüllt. An den Wochenenden traf sich alles, was Rang und Namen hatte bei Bast, dann war es so brechend voll in dem verhältnismäßig kleinen Gastraum, dass sich die Späterkommenden mit ihrem Bier auf die Straße stellten und sich dort unterhielten. Das machte niemandem etwas aus, es gehörte einfach dazu. Seit Generationen traf man sich hier in der Kneipe an der Ecke, die schon so viele unterschiedliche Namen getragen hatte und für die Mühlenbacher doch immer nur die Kneipe an der Ecke blieb. Bast war erst seit einem Jahr der neue Wirt. Er hatte die Immobilie, das hieß den Wirtsraum und die drei ehemaligen Gästezimmer in der oberen Etage, die er selbst bewohnte, der alten Gerda abgekauft. Die alte Gerda hatte jahrzehntelang lang hinter der Theke gestanden und Bier gezapft. Jetzt saß sie meist auf der anderen Seite des Tresens und ließ sich von Bast das Bier zapfen. Sie war eigentlich immer die erste die kam und die letzte die ging und es gab keine Veränderung, die Bast in der Kneipe vornahm, ob es nun das Interieur, die Bierauswahl oder die Hintergrundmusik betraf, die die alte Gerda nicht sauertöpfisch kommentiert hätte.
„Hömma, Junge. Diesen Käse will doch keiner hören!“
„Diese Stühle waren mal verdammt teuer.“
„Kümmer dich ums Bier zapfen nicht ums Essen kochen, wer isst, trinkt nicht so viel, das weiß doch jeder.“
Bast hatte eine ganze Menge geändert und war mittlerweile ziemlich gut darin, das Gezeter der alten Gerda zu ignorieren, die trotz allem eine seiner besten Kundinnen war. Gleich am ersten Tag, nachdem der Kaufvertrag unterschrieben war, hatte Bast das rostige alte Schild Zum Jägersmann abgeschraubt und es gegen verschnörkelte, kupferfarbene Buchstaben eingetauscht, die den neuen Namen verkündeten. Das Buntglas in der alten Holztür hatte er durch klare Scheiben ersetzen lassen und eine neue Zapfanlage eingebaut (um dem Ausdruck frisch gezapft wieder Bedeutung zu verleihen. Die alte Anlage war mindestens so alt gewesen, wie die alte Gerda selbst). Acht Biersorten kamen vom Fass, dazu gab es ein großes Flaschensortiment und wöchentlich wechselnde Single Malts zum Sonderpreis, die eigentlich nie jemand bestellte.
Bast war nach seinem Schulabschluss ein halbes Jahr in den schottischen Highlands auf Wanderschaft gegangen und hatte sich in die hiesige Pubkultur verliebt. Die Mühlenbacher waren von seinen Importen wenig überzeugt und hatten sie wochenlang erst vollkommen ignoriert und danach äußert kritisch beäugt. Was sollte auch von einem Bier zu halten sein, für das das deutsche Reinheitsgebot Fremdsprache war? Und sie weigerten sich strikt, Basts Wunsch nachzukommen, den Waldläufer doch ab jetzt Pub und nicht mehr Kneipe zu nennen. Soweit kam es ja wohl noch. Die Kneipe an der Ecke blieb eben die Kneipe an der Ecke , da führte kein Weg dran vorbei.
Bast war mit seinem Leben halbwegs zufrieden, aber das war nicht immer so gewesen. Als Kind hatte er unter seiner Mutter und ihrer ganz exakten Vorstellung davon, wie ihr Sohn zu sein hatte, stark gelitten. In ihrer Erziehung war kein Platz für Basts Veranlagung zum Träumen und seinen ausgeprägten Hang zum Eskapismus gewesen, stattdessen hatte die Mutter ständige Disziplin, ergebene Hörigkeit und unbedingte Eigenverantwortung und Selbständigkeit gefordert – meistens alles auf einmal. Es hatte lange gedauert, fast siebzehn Jahre bis Bast erkannt hatte, dass es nicht sein Handeln war, dass seine Mutter gegen ihn aufbrachte, sondern seine bloße Existenz. Ungefähr zu jener Zeit, als ihm diese Erkenntnis gekommen war, hatte er aufgehört, sich zu bemühen. In das eine Ohr hinein, aus dem anderen wieder raus, wurde zu seiner Alltagsmaxime und weil die Pubertät die Dinge manchmal nicht ganz so vernünftig ausleuchtete, hatte er diese Maxime nicht nur auf den Alltag mit seiner Mutter übertragen, sondern auch auf seine Lehrer und so gut wie jede Person in seinem direkten Umfeld. Er rebellierte auf seine Art, zog sich ganz zurück in seine Kopfwelten und alle äußeren Einflüsse erreichten ihn nur noch durch den von ihm selbst gewebten Ich kann es ja doch nicht richtig machen -Filter.
Sein Abitur hatte er erst mit einundzwanzig nach einer Ehrenrunde bestanden, die ihm allerdings nicht sonderlich viel ausmachte. Auch danach waren seine Ambitionen nicht besonders ausgeprägt gewesen. Bast hatte immer schon nur halb in der ihn physisch umgebenden Realität gelebt, die andere Hälfte seiner Zeit verbrachte er bis heute lieber in Mittelerde, Winterfell oder Hogwarts und war dort auch ganz zufrieden.
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