Die Sache mit der Kneipe hatte sich mehr oder weniger zufällig ergeben. Seine Mutter hatte ihm ein kleines Erbe hinterlassen, das wahrscheinlich nur deshalb zustande gekommen war, weil sie dank ihrer Krankheit in den letzten Jahren ihres Lebens wenig Möglichkeiten gehabt hatte, irgendetwas von ihrem Geld auszugeben. Jetzt war Bast stolzer Besitzer eines gut laufenden Pubs . Er wurde nicht reich damit, aber die Arbeit machte ihm Spaß und einmal im Monat gönnte er sich bei Herrn Eckardt einen halben Meter Fantasynovitäten, die der Buchhändler eigens für ihn bestellte.
Obwohl er in Mühlenbach geboren und aufgewachsen war und nie, bis auf seine halbjährige Auszeit in den Highlands, woanders gelebt hatte, blieb Bast in seinem Heimatort eine Kuriosität. Er fiel auf, nicht nur weil er groß war und ein wenig zu viel auf den Rippen hatte. Er hatte rabenschwarzes Haar und ungewöhnlich dunkle, blaue Augen, die ihren Gegenüber so unsagbar intensiv anblickten, dass man kaum wegsehen konnte. Am meisten aber fiel er auf, weil ihn, wo auch immer er hinging, ein kalbsgroßer, schwarzbrauner Hund mit dickem Fell begleitete.
Der Freitagabend, an dem Norbert Brandt das Wolfsfoto seiner Wildkamera mitgebracht hatte, war für Bast sehr ertragreich gewesen. Die aufgrund der Empörung erhitzten Gemüter hatten mit reichlich kaltem Bier heruntergekühlt und die Lippen für die darauffolgende Diskussion immer wieder befeuchtet werden müssen. Bast hatte seinen immer betrunkener werdenden Stammgästen (innerlich kopfschüttelnd) gelauscht und sich insgeheim sehr gefreut. Ein Wolf im Winterswald – wie aufregend!
„So ein Wolf, das ist ein Raubtier! Ich hab das mal gesehen im Fernsehen, die gehen im Rudel auf die Jagd und wenn die erstmal Beute gerochen haben, dann sind die nicht mehr aufzuhalten. Da kann man nur noch um sein Leben rennen!“, erklärte die alte Gerda während sie Bonnie hinter den Ohren kraulte.
„Aber Wölfe fressen doch keine Menschen?“ Peter Schünemann runzelte die Stirn.
„Gerda hat Recht! Wenn da halt eben ein Mensch vor denen steht, dann steht da ein Mensch. Das sind Tiere, die unterscheiden da doch nicht. Wenn die erstmal Blut gerochen haben, dann kennen die kein Halten mehr.“
„Vor allem Kinder! Stellt euch das mal vor! Meine Enkelin ist jetzt vier und geht in den Waldkindergarten, unten an der alten Mühle. Wie weit ist das zu deinem Hof, Norbert, vielleicht fünfhundert Meter?“
„Du hast Recht, das geht so nicht, die Kinder sind in Gefahr.“
„Wieso hat uns denn keiner vorgewarnt? Werden Wölfe nicht überwacht? Da war doch mal was in der Zeitung…Sie waren doch mal Jäger, Herr Kiebeler, wie läuft das denn?“
Bast, der dem Gespräch Gläser spülend gelauscht hatte, sah nun auf und suchte Wolfgang Kiebeler, der mit seinem doppelten Korn und dem eisigen Blick wie immer abseits aller anderen saß und aus dem Fenster schaute. Wider Erwarten angesprochen, wandte Kiebeler nun langsam seinen Kopf und fixierte den Mann, der es gewagt hatte, seinen Namen in den Mund zu nehmen.
„Ich bin immer noch Jäger, Herr Schünemann. Und ich kann Ihnen allen nur empfehlen, sich nicht wie hysterische Kinder zu benehmen, sondern sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die Sicherheit Ihrer Kinder den Staat nicht einmal peripher interessiert und dass der Wolf, weil er unter Naturschutz steht, den Hintern gepampert kriegt, wo es nur geht.“
Es war offensichtlich, dass den anderen nicht so ganz klar war, was Kiebeler ihnen mit dieser Antwort mitteilen wollte, doch nachfragen wollte, auch weil Kiebeler seinen Korn nun herunterstürzte, als müsse er etwas beweisen, wirklich niemand. Nach einem kurzen, betretenen Schweigen nahmen sie ihr Gespräch wieder auf, als habe es die Unterbrechung nie gegeben.
„Und meine Schafe“, fuhr Brandt fort. „Ihr hättet sie sehen sollen, wie sie gezittert haben! Als hätten sie den Tod höchstpersönlich gesehen.“
„Haben sie ja auch!“
„Du musst was unternehmen, Norbert, wenn so ein Räuber was in der Nase hat, dann kommt er immer wieder zurück. Ich werd meine Tiere ab jetzt nachts jedenfalls reinholen.“
„Ich kann doch meine Schafe nicht einsperren. Das hab ich noch nie gemacht. Ich meine, wer war denn zuerst da? Das ist doch nicht gerecht, dass meine Schafe jetzt weggesperrt werden müssen, nur weil so ein Scheißwolf in unserem Wald einzieht!“
„Was willst du denn sonst machen?“, fragte Schünemann seinen Kollegen, doch es war die alte Gerda die brüllte: „Abknallen!“
„Gerda, reg dich ab, bitte.“, sagte Bast entschieden. Er hatte sich eigentlich vorgenommen, sich in diese Diskussion nicht einzumischen, aber dieses militante Vokabular ging ihm einfach zu sehr gegen den Strich.
„Was willst du denn jetzt, du Hippie? Mach lieber mal ein bisschen Umsatz, sonst musst du demnächst wieder schließen. Bier und Korn!“
„Für mich auch“
„Für mich nur das Bier“
Bast verkniff sich den Kommentar, der ihm auf der Zunge lag und machte sich daran, die Biere zu zapfen. Was brachte es denn schon, sich da einzumischen? Sollten sie sich doch die Köpfe heiß reden.
„Ich sage euch, was wir machen. Wir marschieren morgen alle zusammen ins Rathaus, mit dem Foto und halten das Waltherscheid unter die Nase. Seit Wochen hören wir uns jetzt dieses Blabla an, wie toll doch alles ist und wie viel schöner alles noch wird. Jetzt muss er mal beweisen, dass er wirklich alles im Griff hat.“
„Und was soll das bringen? Was soll er machen?“
„Keine Ahnung. Irgendwas.“
„In Niedersachsen haben sie mal einen Wolf erschossen. Das war letztes Jahr, glaube ich. Der ist denen bis in die Dörfer gelaufen, hat Kinder auf Fahrrädern verfolgt.“
„Ich darf gar nicht daran denken!“
Bast lauschte diesem Hin und Her bis er um vier Uhr morgens die letzten Gäste, unter denen auch die alte Gerda und Norbert Brandt waren, vor die Tür setzte. Bast sah ihnen nach, während sie die Straße heruntertorkelten und dabei immer noch diskutierten, wobei Bast, so ganz nüchtern, kein einziges Wort mehr verstand.
Der Mond stand voll am wolkenlosen Himmel und blickte auf den kleinen Ort herab, der, bedeckt vom ersten Novemberfrost, in seinem Licht glitzerte. Als Gerda und Norbert nicht mehr zu sehen waren, pfiff Bast nach Bonnie und gemeinsam drehten sie noch eine nächtliche Runde durch die schlafende Altstadt. Basts Ohren klingelten. Wie immer, wenn es nach einer langen, lauten Nacht, um ihn herum still und einsam wurde. Er hasste dieses Klingeln, das er so deutlich hörte, das aber überhaupt nicht da war. Es war das musikalische Leitmotiv seiner Einsamkeit, die ihm nur nachts so richtig bewusst wurde. Dann fiel es ihm schwer, obwohl er seinen Waldläufer über alles liebte, in dem großen Gebäude ganz allein zu sein und dann gelang es ihm auch nicht – obwohl es sonst nichts Schöneres für ihn gab – ein Buch aufzuschlagen und vollkommen in einer anderen Welt zu versinken. Das einzige, was ihm dabei half, die Melancholie zu überwinden, war das Wissen, dass Bonnie bei ihm war. Bonnie, seine treueste und liebste Gefährtin. Ohne sie hätte Bast sich in diesen klingelnden Nächten voll und ganz verlassen gefühlt.
Eine Wolfsforscherin aus der Großstadt
Bast wusste nicht viel über Wölfe. Tatsächlich kannte er sie eigentlich nur aus den Romanen von Jack London, die er als Jugendlicher geliebt hatte. Seine Taschenbuchausgabe von Wolfsblut war so zerlesen, dass er sie gar nicht mehr zur Hand nehmen konnte, ohne befürchten zu müssen, dass sie in Einzelseiten zerfiele. Das Buch handelte von White Fang einem Wolf-Hund-Mischling und seinem Leben im rauen Alaska zwischen der Härte der Menschen und der Härte der Wildnis. White Fang war klug, neugierig, ein treuer Gefährte und ein kompromissloser Kämpfer. Mit diesem romantischen Bild im Kopf, hätte Bast nichts dagegen gehabt, den Neuzugang im Winterswald persönlich zu treffen. Wobei ihm durchaus klar war, dass er im Grund überhaupt keine Ahnung hatte.
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