„Unter normalen Umständen würde ich dir beipflichten, dass Schwärmerei nicht abartig ist! Wenn ich aber deinen Blick verfolge, der nur auf ihren erogenen Zonen ruht, dann denke ich neu darüber nach!“
„Du magst ja Recht haben, aber dann musst du auch zugeben, dass man beim Anblick dieser Figur ins Rotieren kommt!“
„In der Tat! Wenn man dann auch noch das geradezu klassische Fahrgestell in Augenschein nimmt, auf dem das Modell Nürburgring montiert wurde, o la la!“
„Wieso Nürburgring“, fragte ich mal wieder etwas begriffsstutzig?
„Na so kurvig, du Trottel!“
Als sie sich nun wieder hüfteschwingend auf ihren Platz zurückzog, folgten ihr 20 Augenpaare! So viele Jungen zählte unsere Klasse!
Hartmut riß mich aus meinen schönen Träumen:
„Teilen gehörte noch nie zu deinen Stärken!“
„Ich kann ohnehin nicht teilen was ich nicht besitze“, entgegnete ich.
„Ihm wird wieder vernünftig“, sprach Hartmut und widmete sich dem großen Panoramafenster im Bus, womit er gleichzeitig deutlich machte, daß dieses Gespräch für ihn damit als beendet zu betrachten war!
Mir blieb nichts weiter übrig, als mich in meinen Schmollwinkel zurückzuziehen und von Ute und ihrem herzerfrischenden Äußerem zu träumen!
Aber auch dies füllte die Zeit bis zu unserer Ankunft nicht aus und da mir nichts besseres einfiel, packte ich Mutters Brote aus, die bereits unter der intensiven Sonneneinwirkung, vieles von ihrer Schmackhaftigkeit eingebüßt hatten, und verspeiste sie widerwillig.
Getränke wurden Reih um gereicht und jeder labte sich daran, so gut er eben konnte.
Bei zunehmender Wärme erschöpfte sich unser flüssiger Proviant schneller, als es der Körper verarbeiten konnte. Einige von uns wagten daher nicht mehr zu husten, so arg drückte die Blase!
Wolfgang, unser Vorzeigezuspätkommer, im Übrigen ebenfalls mit einer Kinderblase ausgerüstet, galt für uns als Richtschnur für übervolle Blasen!
Wenn sich seine Segelohren rot, wie das Tuch eines Toreros, verfärbten, galt Gefahrenstufe eins! Wenn er die Lippen zusätzlich zusammenkniff und beide Arme zwischen die Beine klemmt, herrschte Alarmstufe zwei! Wenn er in gebeugter Haltung aufstand und auf der Stelle trampelte, dann war es so weit! Von da ab durften keine fünf Minuten mehr vergehen und seine Blase würde platzen!
So gesehen sprachen wir dann im Augenblick von Gefahrenstufe zwei!
Wobei Wolfgang mit seiner Kinderblase aber nicht als Maßstab gelten konnte!
Er musste schon pinkeln wenn er nur das Bild einer Flasche sah!
Hartmut gar vertrat die Meinung, Wolfgang müsse ohne Blase das Licht der Welt erblickt haben, denn was er oben hineinkippt, kommt 5 Minuten später unten wieder an! Die Verzögerung von 5 Minuten kommt nur durch seine immensen Körperabmessungen zu Stande.
Endlich nach schier einer Ewigkeit, bog der Bus von dem schnurgeraden Asphaltteppich auf einen, hinter hohen Bäumen versteckten Parkplatz, inmitten einer hügligen Landschaft ein, und kam nach ein paar Metern zum Stehen.
Wolfgang, morgens immer der Letzte, diesmal unbestritten der Erste, hüpfte mit seinen langen Beinen, behende wie ein Känguruh, mitten hinein in die dichten Büsche. Ich rief ihm noch hinterher:
„Vergiss nicht die Hose zu öffnen!“
Aber er befand sich schon außerhalb meiner Sichtweite.
Der Baum, den er beglückte musste sich wohl wie nach einem Wolkenbruch gefühlt haben.
Als ich gerade wieder in den Bus einsteigen wollte, tauchte unvermittelt Klaus neben mir auf.
„Ich wollte dir deinen Bindfaden wiedergeben. Vielleicht benötigst du ihn ja für zukünftige zweifelhaften Späße!“
Von jedem Anderen in der Klasse hätte ich ihn dankbar zurückgenommen, aber nicht von ihm:
„Das ist zwar nett und aufmerksam von dir, aber ich muß dich leider enttäuschen! Das ist nicht meine Schnur!“
Dabei griff ich in die Tasche und brachte eine völlig neue Rolle, Original verpackt zum Vorschein! Ich präsentierte ihm wohlweislich nicht die angefangene Rolle!
Um seine leicht geschwollenen Mundwinkel zuckte es verdächtig und man sah ihm die Enttäuschung förmlich an, dass dieser Schuss in das Blaue eine Fahrkarte geworden war. Ich dagegen genoß meinen Triumph in aller Breite und fügte sogar noch ein I- Tüpfelchen hinzu:
„Entweder du findest das Kamel dem der Bindfaden gehört oder du behältst den Strick und läßt dich von Babsi wieder an deinen Platz anketten“, und beim Einsteigen ergänzte ich den Satz, „Rindviecher laufen auch nicht frei im Stall herum!“
Dann stieg ich ruhig und selbstsicher ein, nicht ohne ihm noch ein strahlendes Lächeln entgegen zu schleudern.
Ich wußte, das konnte er nicht mehr wechseln. Man hörte selbst in der hintersten Reihe sein Zähneknirschen.
In Mathe mochte er mir klar überlegen sein, aber nicht in der Schlagfertigkeit.
Mit stolz geschwollener Brust kehrte ich auf meinen Platz zurück. Dabei be merkte ich erst, daß unser Zwiegespräch von einigen anderen auch aufmerksam verfolgt wurde, die jetzt frech feixend, Klaus entgegenblickten.
Ich sah zu Babsi hinüber, die zusammengeknickt auf ihrem Platz hockte.
Unsere Blicke trafen sich. Ihre Augen jagten mir eine Gänsehaut über den Rücken, so kalt, eisig und angriffslustig funkelten sie.
„Wenn Blicke töten könnten“, hörte ich die Stimme meines Freundes neben mir.
Ich hielt aber ihren Blick stand und fand daran wirklich Aufregendes!
Schön sah sie aus, so erregt. Ihre Nasenflügel bebten leicht und ihre Wangen bewegten sich rhythmisch, bedingt durch das wütende Zähneaufeinander beißen. Ihre Lippen öffneten sich zu einem Spalt und ich sah die zwei Reihen, wie im Bilderbuch aufgereihte, perlweiße Zähne. In diesem Augenblick bereute ich erneut meine dämliche Bemerkung von heute morgen! Aber dafür war es nun zu spät!
Sie holte tief Luft, schluckte ein oder zweimal, tat so als wolle sie etwas sagen, aber hielt den Mund. Stattdessen kränkte sie mich auf ihre Art und wußte dabei ganz genau, daß mich dies in meinem Innersten traf und unauslöschlich dort verwurzelte.
Sie schlang ihr dünnes braungebranntes Ärmchen um den Hals, des inzwischen zurückgekehrten Klaus, zog ihn zu sich herab und küßte ihn auf seinen ebenfalls arg ramponierten Mund. Mit zu Sehschlitzen zusammengekniffenen Augen beobachtete sie mich dabei. Das hätte mich eigentlich beruhigen sollen, zeigte es doch ihr Desinteresse an Klaus! Sie glich nun mehr einer absprungbereiten Katze.
Ich zersprang fast vor Wut. Meine Hände fühlten sich feucht an und die Knochen traten aus den krankhaft zu Fäusten geballten Fingern hervor.
Ich kochte innerlich!
Als ich mich gerade erheben wollte, spürte ich die kühle, warnende Hand meines Freundes auf meiner geballten Faust.
Ich hörte wie aus weiter Ferne seine beruhigende Stimme an meinem Ohr:
„Weiber! Die will dich doch nur anmachen, merkst du das denn nicht! Bleibe ganz ruhig Dieter! Wenn du jetzt aufstehst hat sie nicht nur ihren Triumph, du hast es gleichzeitig auch bei unserem Frl. Doktor verschissen bis in die Steinzeit zurück! Komm bleibe sitzen!“
Seine Stimme empfand ich in dieser Situation wie die beruhigenden Worte unseres Pfarrers, der mich konfirmiert hatte. Ich fühlte wie sich mein Körper entspannte, die Faust sich löste, mein Adrenalinspiegel sich senkte und die Schweißdrüsen ihre Produktion auf ein Minimum zurückgefahren hatten.
Mein Puls beruhigte sich wieder und die Nerven glätteten sich.
Ich sah Hartmut dankbar an:
„Schon wieder alles in Ordnung Hartmut!“
Mehr brachte ich nicht heraus, aber er sah mich an und konnte meinen Augen entnehmen, das ich mehr zu sagen hatte. Sein freundschaftlicher Knuff bedeutete mehr als Worte sagen können!
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