„Tiger Lilly“, entfuhr es mir kaum hörbar.
Hartmut bemühte sich gerade seine Nivelliereinrichtung auf das Objekt meiner Begierde einzurichten.
Ein langgezogenes „Oooooooh“, war zunächst einmal alles was seinem ansonsten nicht gerade sprachlosen Mund entwich!
Ein weiteres anerkennendes „Ooooooh“ verbunden mit einem leisen Pfiff als höchstes Lob, folgte dem Ersten!
„Die oder keine“, flüsterte ich ihm zu, inzwischen in Hörweite der Gruppe befindlich.
Er hielt mich am Arm zurück:
„Nicht ohne meine Zustimmung“, raunzte er in mein Ohr.
Ich strafte ihn mit einem feindseligen, warnenden Blick!
Er kannte das!
Unsere gemeinsamen Interesse hatten zu einer Freundschaft geführt, die wir uns auch nicht durch ein Mädchen, sei es noch so schön, kaputtmachen lassen würden! Aber er hatte hiermit seine Anwartschaft auf dieses entzückende Wesen angemeldet! Ein für uns komischerweise immer wiederkehrender, unerklärbarer Vorgang. Unsere Zuneigung für dasselbe Mädchen mußte also wieder im Kampf entschieden werden! Bisher stand dieser freundschaftliche Kampf in etwa unentschieden.
„Du mußt nicht so giftig drein schauen“, flüsterte er dicht neben meinem Ohr und ohne den Blick von diesem himmlischen Wesen zu lassen, „wenn ich merke, dass ich verliere, ziehe ich mich sofort zurück! O.k.?“
Ich nickte wie üblich und näherte mich zusammen mit ihm der Gruppe und dem Mädchen!
Erst jetzt bemerkten wir dass sich unsere übrigen Mitschüler und Mitschülerinnen innerhalb dieser Gruppe befanden und redeten und diskutierten. Als sie uns sahen wurden wir erst einmal mit lautem Hallo begrüßt:
„Da sind ja unsere Umweltforscher wieder unter uns! Seid ihr fündig geworden?“
„Das kommt darauf an, von welcher Seite wir unsere phantastische Herberge betrachten“, antwortete ich und ließ mich lässig und wohlüberlegt neben „Tiger Lilly“ auf dem Mauersims nieder,
„Gibt es zum Beispiel einen heißen Schuppen oder eine knackige Pinte“, ertönte es vielstimmig?
„Wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass sich hier im Umkreis von einer Stunde nicht die Spur einer menschlichen Behausung befindet“, antwortete ich ruhig und überlegt und rutschte wie zufällig eine Kleinigkeit näher an das himmlische Wesen heran.
Augenblicklich ertönte ein gellendes Pfeifkonzert, wegen meines Berichtes, nicht meines Sitzplatzes wegen!
Alles schrie nun durcheinander.
„Schweinerei!“
„Bluff!“
„Betrug“!
„Man hat uns über das Ohr gehauen!“
„Sauerei!“
„Gauner!“
Hierbei handelte es sich nur um einige, schreibwürdige Ausdrücke, die da aus allen Himmelsrichtungen auf uns niederprasselten.
Wolfgang fühlte sich persönlich angegriffen und entschuldigte sich:
„Wir können doch nichts dafür!“
Sein Einwand machte die Meute noch wütender.
Eine tiefe, angenehm vibrierende Stimme sagte neben mir:
„So schlimm wird es wohl nicht sein. Wenn wir gemeinsam suchen finden wir auch etwas!“
Ich fuhr herum!
Die Stimme von „Tiger Lilly“!
Mein Gott, was für eine tiefe, ausdrucksfähige Stimme.
Mir wurde ganz heiß.
Sie lächelte mich an, und ich glaubte mal wieder mit dem schönsten, liebreizendsten Lächeln, das mir jemals begegnet war!
„Wir Beide“, fragte ich sie ungläubig und unsicher?
Sie schien belustigt.
„Bist du eigentlich immer so direkt“, fragte sie zurück?
„Nur bei Menschen die mir sofort sympathisch sind!“
„Darf ich das als Kompliment auffassen?“
„Das entsprach meiner Absicht!“
Sie lächelte noch immer und dabei bildeten sich süße, kleine Grübchen zwischen Mundwinkel und Wange. Sie sah einfach bezaubernd aus.
Obwohl die Sonne nur noch mühsam ihren Weg durch dichtes Gebüsch und Laubwerk und kleine Quellwölkchen fand, jagten mir abwechselnd heiße und kalte Schauer über den Rücken. Ich fühlte wie mir das Hemd am Leibe klebte und spürte die Berührung ihrer nackten Arme wie einen Blitzschlag in meinem Körper!
„Danke“, flötete sie neben mir, „ich liebe diese direkte Art. Da weiß man sofort woran man ist. Dabei rückte sie mir noch näher.
„Ich muß dir gestehen“, stotterte ich fast vor Aufregung, „ich mußte allen Mut zusammennehmen um dir dies zu sagen!
Meine Stimme klang belegt, trotzdem sprach ich weiter:
„Du bekommst sicherlich den ganzen lieben langen Tag solche und ähnliche Komplimente?“
„Sehe ich so aus“, fragte sie herausfordernd?
„Du siehst...“, ich stockte, „Du siehst bezaubernd aus!“
„Sagst du das jedem Mädchen?“
„Nur wenn es so toll aussieht wie du!“
„Du findest mich toll?“
„Würde ich es sonst sagen?“
Sie lächelte weiter wie eine Märchenfee. Ihre Pumps mit denen sie eben noch Karussell gespielt hatte nahm sie jetzt in beide Hände, fuhr mit den Fingern hinein, geradeso wie man Handschuhe anzieht, und improvisierte damit Schrittbewegungen. Gleichzeitig blickte sie mich mit zwei Märchenaugen an:
„Kommst du ein Stück mit! Einfach weg von hier?“
Ich traute meinen Ohren kaum.
Da kam ich her, verknallte mich Hals über Kopf in ein feenartiges Wesen, das ich zehn Minuten vorher noch gar nicht kannte, bereitete mich auf einen schwierigen Eroberungskampf vor und nun dies!
Sie fragte mich ohne Umschweife ob ich sie begleiten würde?
Ich war für einen Moment wie versteinert und verstand die Welt nicht mehr.
Dann stieg ein ungeheures Glücksgefühl in mir auf. Ich fühlte mich wie auf Wolke sieben!
Just in diesem Augenblick erkannte Hartmut die Gefahr, die sich vor ihm auftat, noch bevor er selber aktiv werden konnte.
Er ließ sich auf ihrer anderen Seite nieder, als sie sich abrupt erhob, wie selbstverständlich meine Hand ergriff und mit lässig über den zarten Schultern hängenden, lustig baumelnden Pumps, barfuß losrannte, mich hinterherziehend!
Ich hörte noch Hartmuts Frage:
„Wo wollt ihr denn hin?“
Als ich mich nach ein paar Metern im Laufen umdrehte sah ich sein V- Zeichen, das für Victoria- Sieg stand und in unserer Sprache soviel bedeutete wie „Du hast gewonnen“! Ich sah aber auch das empörte Augenpaar, das nun sicherlich auf meinem dahinschwindenden Rücken ruhte.
Die Augen von Babsi.
„Wohin führst du mich denn“, keuchte ich neben ihr?
„Das wirst du schon sehen!“
Plötzlich hielt sie genauso unvermittelt an wie sie losgelaufen war und deutete auf einen Baum, wenn mich meine naturkundlichen Kenntnisse nicht völlig im Stich ließen, einer riesigen, uralt wirkenden Eiche, mit einem sensationellen Stamm, von gut zwei Metern Durchmesser.
Liebespaare hatten sie im Laufe von hunderten von Jahren recht ungnädig behandelt. Unzählige Herzen, Namen, Namenszüge, Buchstaben und Pfeile leuchteten uns entgegen.
„Das ist der Liebesbaum“, erklärte Tiger Lilly mir, obwohl es dieser Erklärung kaum bedurfte.
„Warst du schon einmal hier“, fragte ich?
„Ja, vor zwei Jahren!“
Sie stand suchend vor dem Baum.
„Hier!“
Sie deutete auf eine ganz bestimmte Stelle der betagten Rinde und ich erkannte ein Herz, mit einem Pfeil darin und den Namen Uschi und Heinz.
„Vor zwei Jahren hast du schon Herzen in die Rinde geschnitten“, hörte ich mich enttäuscht fragen.
„Na und? Ich zählte damals schon 14 Lenzen und war gerade der Pubertät entwachsen!“
„Eine sogenannte Frühreife.“
„Na hör mal. Mir scheint du bist ein Spätstarter!“
„Auf jeden Fall war für mich vor zwei Jahren ein Mädchen noch ein unberührbarer Gegenstand von einem anderen Stern!“
Sie lachte laut und herzig. Ein schönes, glockenhelles Lachen, das ich mein ganzes Leben nicht vergessen würde. Es stand im krassen Gegensatz zu ihrer tiefen, angenehmen Stimme.
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