Wolfgang unterbrach als erster die Stille der Natur:
„Warum mußtest du eigentlich den Klaus derart hart strafen?“
„Weil ich ihn nicht leiden kann!“
„Mir war das sehr unangenehm! Schließlich bin ich auch mit ihm etwas befreundet!“
„Das ist deine Sache“, konterte ich, um anschließend etwas friedvoller zu ergänzen, „ich konnte ja nicht ahnen, daß er sofort wie ein Gehirnamputierter losrennen und stürzen würde!“
„Aber er ist gefallen und hat sich ziemlich weh getan!“
„Hätte er sich wie ein normaler Mensch benommen, aufgestanden und langsam los marschiert, er wäre zum Stehen gekommen und hätte Herrn Pythagoras gefragt warum es nicht weitergeht!“
„Wer ist Herr Pythagoras“, fragte Wolfgang an der Grenze seines Wissens angelangt!
Wir mußten erneut lachen.
„Frag Klaus wer Pythagoras war, aber vor dem Einschlafen! Die Erklärung wird bis in die Morgendämmerung andauern!“
„Du willst nur vom Thema ablenken“, versuchte es Wolfgang erneut mit entwaffnender Logik um Sekunden später hinzuzufügen:
„Du warst nur stocksauer, dass dein Schwarm Babsi neben ihm saß!“
Donnerwetter, dachte ich, er ist gar nicht so dumm wie er aussieht!
„Was interessiert mich Babsi“, antwortete ich stattdessen genervt.
„Hör doch auf“, warf ausgerechnet Uli ein, „wenn du einen Rock siehst, verschwindet dein Verstand doch in der Hose!“
Uli, ausgerechnet Uli mußte mir das sagen!
„Kannst du Hosenscheißer mir denn eine bessere Freizeitbeschäftigung als Mädchen nennen“, fragte ich ihn daher provozierend?
„Fußball spielen!“
Seine Antwort entsprach seinem Intelligenz Quotienten!
Da die anderen wissend lachten, fragte er:
„Was ist daran lächerlich? Ihr spielt doch auch gern Fußball!“
„Ist schon gut mein Kleiner“, sagte ich, „wenn du mal ganz groß bist, wie wir zum Beispiel, wird es dir, wie Schuppen von den Augen fallen, dass es außer Fußball noch ein paar wunderschöne Sachen im Leben gibt, von denen du heute noch gar nichts ahnst!“
„Spiele mit Mädchen“, fragte er?
„In der Tat“, antworteten wir fast gleichzeitig.
„Och ich weiß schon, Völkerball, Verstecken...!“
Weiter kam er nicht, weil wir vor lauter Lachen fast erstickt wären. Er schien tatsächlich chemisch rein zu sein.
„Hast du dir schon einmal Gedanken gemacht, wie du entstanden sein könntest, so mit dem Klapperstorch...“, versuchte ich es ganz behutsam?
Uli wurde sichtlich verlegen und sein Gesicht verfärbte sich purpurrot:
„So dumm bin ich nun auch wieder nicht. An den Klapperstorch glaube ich schon lange nicht mehr!“
„Das beruhigt mich wieder. Ich befürchtete schon, dass in eurer Familien seit Generationen keine normale Geburt mehr stattgefunden hat! Wenn du also weißt, dass dazu zwei verschiedenartig geschaffene Menschen gehören, dann weißt du auch dass Männlein und Weiblein unterschiedliche Fortpflanzungsorgane besitzen?“
Ich war mir eigentlich zuvor sicher, dass ein einmal rot angelaufenes Gesicht nicht roter werden konnte! Ich wurde jetzt eines Besseren belehrt! Dass seine Haare nicht auch rot anliefen konnte ich mir allerdings nicht erklären!
„Und damit kann man spielen“, fragte er?
Diese, seine Frage traf mich wie ein Hammer. Ich warf mich so lang wie ich war auf die Erde und trommelte mit den Fäusten im Kies herum.
„Das darf doch nicht wahr sein“, schrie ich immer wieder. Auch Hartmut und Wolfgang, bei dem ich nicht genau wußte ob er alles verstanden hatte, zuckten umher und vollführten eigenartige Bewegungen, als wenn sie in ein Wespennest gefallen wären!
In diesem Augenblick keimte in mir der Entschluß, unseren kleinen Uli mit einem hübschen Mädchen aus unserer Klasse zusammen zu bringen. Ich dachte da an Alexandra oder Monika, die den Spaß auch mitmachen würden! Babsi gönnte ich ihm nicht!
Nachdem wir uns wieder beruhigt hatten, legte ich, wie ein Vater dem Sohn, einen Arm auf Ulis Schultern, beugte mich zu ihm herab und sprach mit leiser, ruhiger Stimme, wie beim Wort zum Sonntag, auf ihn ein:
„Lieber Uli. Das weibliche Geschlecht gab der liebe Gott einem italienischen Karosseriebauer in Auftrag, bevor er damit in die Produktion ging. Dann bat er einen Bauingenieur alle Fortpflanzungsorgane bei dem Wesen Frau unter „Putz“ zu legen! Das Modell, das dabei heraussprang, besaß eine Unmenge an unbezahlbaren Sonderausführungen! Um nur einige zu erwähnen! Der Mund, der sich öffnet wenn ihn ein Mann mit seinen Lippen berührt! Brustwarzen, die sich steil aufstellen wenn man sie streichelt. Sogenannte erogene Zonen, die bei zärtlicher Berührung einen automatischen Schüttelfrost auslösen! Ja, und dann noch der Unterbau, das Fahrgestell, also die Beine! Eine Sternstunde unseres Schöpfers. Wenn du einer Frau, oder besser gesagt, zum Anfang einem Mädchen über die Oberschenkel streichst...!“
„Dieter!“
Das war Hartmut, mein mitdenkendes Gehirn!
„... darüber sprechen wir dann ein anderes Mal“, bekam ich eben noch die Kurve.
Uli stand mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund vor mir:
„Meine Mutti sagt immer dafür bin ich noch viel zu jung!“
Ich tätschelte seine Wange und sprach:
„Da muß ich deiner Mutti auch Recht geben, aber dann muß sie auch höllisch aufpassen, dass du nicht zu oft in Euren Hasenstall gehst!“
„Da darf ich aber immer hinein und zugucken, was die Kaninchen so treiben“, antwortete er strahlend.
„Um Himmels willen, hoffentlich lernst du da nichts verkehrtes“, sagte ich erschrocken.
Warum er jetzt wieder rot wurde weiß ich auch nicht, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass er wusste an was ich dachte?
Mit dem Wegweiser schien etwas nicht zu stimmen, denn nach knapp einer Stunde Fußmarsch tat sich plötzlich der Wald auf und wir standen unverhofft auf einer Lichtung. Im Hintergrund erblickten wir einen schmucklosen Flachbau mit Spitzdach, der uns nicht unbekannt vorkam!
Wir sahen uns verwundert an. Hartmut, der als erster die Sprache wiedergefunden hatte, sagte, indem er auf das Haus zeigte:
„Darf ich vorstellen, Detmold!“
Bei näherem Hinsehen bemerkten wir dann aber schließlich, dass sich hier etwas geändert haben mußte, etwas sehr Wesentliches sogar!
Vor dem Haus herrschte ein reger Betrieb und es tummelten sich da gut ein Dutzend unbekannter Gesichter, bunt gemischt, Jungen und Mädchen.
Bei genauerer Betrachtung stellten wir dann fest, dass unsere geheimsten Vorstellungen noch um ein Beträchtliches überboten wurden!
In der Gruppe hielten sich ein paar Mädchen auf, die bei der Vergabe gewisser Körperteile in irgendeiner Form bevorzugt wirkten!
Es handelte sich um die Kategorie „Klasseweiber“.
„Mann, hat die Holz vor der Hütten“, staunte Hartmut über ein überproportional gebautes Wesen mit tizianrotem Haar.
„Die ist ja Spitze“, vernahmen wir aus Wolfgangs Mund, ohne zu erkennen wen er denn nun meinte, da sein Kopf, einem Pendel ähnelnd, hin und her baumelte.
Auch mir blieb die Spucke im Hals stecken.
Meine Anerkennung galt allerdings einem Püppchen, das lässig, mit übereinander geschlagenen Beinen, auf einem Mauersims hockte. Ihr bis weit über die Schultern reichendes, in der Abendsonne golden glänzendes Haar, rahmte ein schmales, blasses Gesichtchen ein, aus dem zwei unauffällig zart rosa geschminkte, übermütig geschwungene Lippen und riesengroße, interessierte Augen herausragten, die uns neugierig entgegen blickten!
Die ganze, madonnenhaft wirkende Person, steckte in einem einteiligen, hauchdünnen Tigerkostüm, das nur ihre schmalen zerbrechlichen Schultern, ihre zarten, feingliedrigen Hände und ihre hübschen, über den Spann gebogenen Füße freiließ. Um den Zeigefinger ihrer rechten Hand ließ sie wie spielerisch, hochhackige, goldfarbene Pumps kreisen!
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